Windpark-Kontroverse in Renningen Demokratie braucht echtes Zuhören
In einer Sitzung zum Windpark enthüllt die Bürgermeisterin einen körperlichen Übergriff. Ein krasses Beispiel, wie eine Debatte eskalieren kann, meint Redakteurin Ulrike Otto.
In einer Sitzung zum Windpark enthüllt die Bürgermeisterin einen körperlichen Übergriff. Ein krasses Beispiel, wie eine Debatte eskalieren kann, meint Redakteurin Ulrike Otto.
Wums, das hat gesessen: Als Renningens Bürgermeisterin Melanie Hettmer zu Beginn einer Sondersitzung des Gemeinderats von Anfeindungen und sogar einem körperlichen Angriff berichtet, ist der Schock bei den rund 500 Zuschauern in der Stegwiesenhalle deutlich zu spüren. Die Erkenntnis, die da einsetzt: In der Debatte über einen geplanten Windpark im Renninger Wald ist kräftig was schief gegangen.
Dass Diskussionen in den sozialen Netzwerken regelmäßig eskalieren, daran haben wir uns leider irgendwie gewöhnt. Nicht einmal Weltklasse-Sportler, die ihr Land beim größten Sportwettkampf der Welt vertreten, sind davor gefeit. Wenn es aber in einer 17 500 Einwohner zählenden Stadt passiert, ist das etwas anderes. Das ist näher, persönlicher.
Auch wenn gerade die sozialen Netzwerken diese Nähe auszuhebeln scheinen: Realität und digitale Realität sind oft nicht mehr miteinander verbunden. Eine Entmenschlichung findet hier statt. Die, die angreifen, beleidigen oder gar drohen, vergessen dabei stets, dass am anderen Ende der Leitung, auf der anderen Seite des Bildschirms, immer ein Mensch sitzt.
Auch Lokalpolitiker – Bürgermeister wie Gemeinderäte – haben es verdient, respektvoll behandelt zu werden. Sie sind in ihre Ämter gewählt als Volksvertreter. Wer einen Repräsentant seiner Gemeinschaft angreift, greift die ganze Gemeinschaft an.
Die Algorithmen der sozialen Medien sorgen schnell dafür, dass die Netzwerke zu einer Echokammer werden. Die eigene Meinung scheint vielfach bestätigt durch andere, der Protest wirkt lauter und größer als er ist. Dabei ist man letztlich nur in der eigenen Filterblase gefangen.
In Renningen etwa ist die Unterstützung für den Windpark gar nicht so klein. Ein breites kommunales Bündnis aus Parteien, Organisationen, Kirchen und anderen Einrichtungen hat sich für Windkraft ausgesprochen. Und auch digital wird dagegen gehalten, Falschbehauptungen werden mit Informationen und Argumenten widerlegt. In der Sondersitzung des Gemeinderates gab es immer wieder unterstützenden Applaus für Stadtverwaltung und Gemeinderat.
Und doch steht die Herkules-Aufgabe erst noch bevor. Wie kann die Renninger Bevölkerung wieder zusammengebracht werden? Wie kann der öffentliche Diskurs wieder auf ein respektvolles und sachbezogenes Level gehoben werden? Denn das Thema Windkraft wird nicht verschwinden. Das aktuelle Projekt mag gecancelt sein, doch es wird weitere geben. Auch um Renningen herum.
Die Renninger Stadtspitze hat verstanden, dass sie ihrerseits mehr auf die Bürger zugehen muss, dass sich im 21. Jahrhundert das Kommunikationsbedürfnis und die Kommunikationswege stark verändert haben. Daran wird sie sich messen lassen müssen.
Auf der anderen Seite müssen auch die Renninger Einwohner erkennen, dass es eine funktionierende und lebendige Stadtgesellschaft ohne das nötige Engagement aller nicht geben kann. Auf diesem Grundkonsens kann man aufbauen.
Es geht um echte Kommunikation. Mit Wissen und Erfahrungen, mit Meinungen und Gefühlen. Und so einfach es soziale Medien machen, sich zu informieren und sich zu beteiligen: Die Debatten müssen mehr raus aus dem Netz. Ins reale Leben. In die Gemeinderatssitzungen, Podiumsdiskussionen, Sprechstunden und an die Infostände auf dem Markt. Nicht von Bildschirm zu Bildschirm, sondern von Mensch zu Mensch.