Gehört hat Kameier den Brummton bisher nicht. Jedenfalls nicht live, denn die Windräder sind ja abgeschaltet. Aber: Er hat Messungen gesehen, die Karsten Wakolbinger, ein Betroffener und Ingenieur aus Baiereck, gemacht und ihm geschickt hat. „Da hab ich durch die Zähne gepfiffen“, sagt Kameier. Er sah drei Linien, die nicht sein dürften. Zwei in Frequenzen, die wohl den Brummton ausmachen. Davon ist die zweite immer doppelt so hoch wie die erste. Und eine dritte Linie ganz unten an der Skala und vermutlich kaum hörbar, weil sie zwischen 16 und 20 Hertz liegt. „Das ist an der Grenze der Wahrnehmbarkeit“, sagt Kameier. Gleichwohl müsse das auch verschwinden.
Experte hält den Brummton für ein technisches Problem
Kameier glaubt, wie der Windrad-Betreiber Uhl auch, dass das lösbare Probleme sind. Den Brummton hält er für ein technisches Problem, ausgelöst wahrscheinlich in der Mechanik der Anlage. In der Turbine, die ein großer Block ist. Oder in dem System der Kraftübertragung von den Rotoren bis zur Einspeisung des Stroms. Der Fehler könnte auch im Turm stecken oder dort verstärkt werden, sagt Kameier, in dem riesigen Windrad, dass dann wie ein Klangkörper wirkt. Er zählt die Elemente auf, die dafür verantwortlich sein könnten: den Sockel aus Beton, Rohre aus Stahl, jede Menge Stahlseile in der Rohrwand, die von oben nach unten gespannt sind. Und die Rotorblätter müsste man sich auch anschauen. Das andere Phänomen, „der breitbandige tieffrequente Geräuschanteil“ sieht für den Wissenschaftler so aus, als ob es aerodynamisch erzeugt sei.
Die Experten sollten sich zusammensetzen
Der Hersteller Nordex arbeitet jedenfalls seit Januar an der Behebung des Problems. Zuletzt soll es wieder einen Testlauf gegeben haben, bei dem geprüft wurde, ob die Getriebe der Windräder vor Ort gerichtet werden können oder ausgetauscht werden müssen. Kameier plädiert dafür, dass sich Experten zusammensetzen. Ein Strömungsakustiker, ein Schwingungstechniker, Getriebeexperten. Der Hersteller müsse seine Expertise einbringen. Für den Wissenschaftler wäre das gang und gäbe. Er kennt akustische Probleme von der Autoindustrie und Luftfahrtindustrie. Denn: weder Autos noch Flugzeuge sollen lärmen. Kameier kann berichten, was an Autos so alles geschehen ist. Da tüftelte man an der Radioantenne auf dem Dach, an Rückspiegeln, am Schmutzfänger. Alles Teile, die bei Fahrtwind Geräusche machen können. Kameier kennt Rolls Royce als Turbinenhersteller und hat Turbinen schon auf strömungsakustische Schwachstellen abgeklopft. Gerade Flugzeuge müssen immer leiser werden. Er kann sagen: „Das modernste Flugzeug, der 787 Dreamliner von Boeing, fliegt mit einem Patent der Hochschule Düsseldorf.“
Lärm ist ein Problem bei der Energiewende
Für diese Branchen gehört die Zusammenarbeit mit Strömungsakustikern zum Geschäft. Bei den Windkraftherstellern sei das allerdings nicht der Fall, sagt Kameier. Dabei sei Lärm ein großes Problem bei der Energiewende allgemein: Die Luft-Wärme-Pumpe für die Hausheizung mache ein Geräusch, das die Nachbarn stören könne, und eben die Windturbine. Der Fall in Baiereck hatte ja Schlagzeilen gemacht, so ist auch Kameier in Düsseldorf auf das Thema gestoßen. Er habe Nordex angeschrieben, dass er bereit wäre für eine Zusammenarbeit. Dass man ein Konzept für die Beseitigung des Problems erarbeitet, und er würde sich um Fördergelder bemühen. So wie es zu seiner Forschungsarbeit gehört, da ist er auf Drittmittel angewiesen, weil das Grundlagenforschung sei. „Die Windräder werden immer größer und immer leistungsstärker.“ Karsten Wakolbinger, Ortsvorsteher Vincent Krapf und Martin Fuss, auch ein Betroffener mit viel Wissen, erklären, dass die Turbinen der Windräder bei Baiereck 4,5 Megawatt Leistung hätten, die bei Adelberg auf dem Schurwald geplanten Windräder sollen bereits 7,2 Megawatt haben.
Menschen gaben an, sich krank zu fühlen
Das Thema Lärm beschäftigt auch Windradgegner in anderen Landesteilen, sie holen sich dazu in Baiereck Informationen. Kameier geht es um das Gegenteil: Das Lärmproblem zu lösen, um die Energiewende voranzubringen. Wobei er so einen Fall wie Baiereck noch nicht kannte. Dass da Windräder im Dezember anliefen und im Februar wieder abgeschaltet wurden, und dass er eine solche Signatur der Messungen sieht. Und dass es bei der Befragung des Ortschaftsrats auch Rückmeldungen gegeben habe, dass Menschen sich krank fühlen wegen der Windräder. Die Rede war von Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Übelkeit. Betroffen war eine Handvoll Menschen. Außerdem gab ein Haushalt an, dass der Hund nicht mehr aus dem Haus wolle, wenn die Windräder liefen. Das habe er so noch nicht gehört, sagt Kameier. Schon die Tatsache, dass er in Baiereck Leute sagen höre: „Wenn`s so bleibt, ziehen wir weg“, mache ihn fassungslos. Karsten Wakolbinger und Stephan Großmann aus Baiereck haben im Hohenlohischen und am Schwarzwaldrand Windräder desselben Typs wie in Baiereck aufgesucht und festgestellt, dass die auch „ganz schön laut“ seien. Nur liege dort kein Ort so dicht an Windrädern wie Baiereck. Sollte das der Fehler im System sein, gebe es noch mehr Grund zu einer Grundlagenforschung, finden die beiden. Sie wünschen sich, dass sich der Hersteller mit Kameier und anderen zu einem Runden Tisch zusammensetzt.
Die Tallage könnte für den Lärm verantwortlich sein
Ob der Lärm an der Tallage von Baiereck liegt? Das vermutet man im Dorf ganz stark. Der Wissenschaftler sagt: Die Tallage als solche ist noch keine Erklärung. Aber es können sich Luftschichten mit unterschiedlichen Temperaturen bilden, das ist schon mal besonders. Ortsvorsteher Vincent Krapf kann damit was anfangen: „An kalten klaren Nächten war‘s am schlimmsten.“ Der Wissenschaftler aus Düsseldorf ist bereits seit knapp sechs Wochen mit Wakolbinger im Kontakt. Kamaier bescheinigt Wakolbinger und anderen, die vor Ort gemessen haben, ein hohes technisches Niveau. Er hat jetzt bei Wakolbinger noch ein anderes Equipment eingebaut, damit seien die Messungen gerichtsfest.
Ein Leben für die Strömungslehre
Person
Frank Kameier ist einer von etwa 20 Strömungsakustikern an den Universitäten in Deutschland und Österreich. „Ich mache das seit 40 Jahren“, sagt er. Er ist auch Mitautor eines Lehrbuchs für Strömungslehre. Frank Kameier arbeitet als Professor für Strömungstechnik und Akustik an der Hochschule Düsseldorf.
Weg
Kamaier hat in Berlin Physik und physische Ingenieurwissenschaften studiert. Er stieg im 5. Semester ein, dank seiner besonderen Schulform, bei der die Oberstufe schon die Grundstufe der Uni war. Gebannt blickt Kameier auf den 24. Mai, wenn Arminia Bielefeld gegen Stuttgart im Pokalendspiel spielt. Kameier ist Arminia-Fan, aufgewachsen ist er gerade mal 300 Meter neben der Bielefelder Alm, wo das Stadion steht.