Wer mit Rolf Böhringer im weißen Tesla über die Albhochfläche cruist, bekommt nicht nur eine fulminante Spazierfahrt, sondern tankt auch Mut, dass das mit der Energiewende klappen könnte. Aus dem Radio dudelt Wolfgang Petry, während sich Böhringers Wagen durch die toskanahafte Hügellandschaft schlängelt. Der Projektierer ist unterwegs nach Berghülen nahe Merklingen zu einem seiner Windräder. Doch schon der Weg ist das Ziel: ein Windrad-Sightseeing. Am Horizont tauchen immer wieder Windmühlen auf, zu jeder weiß Böhringer etwas zu erzählen. Hier ein altes Zwergenwindrad mit 60 Meter Nabenhöhe, dort ein Stumpen, dem noch die Blätter fehlen. Er ist felsenfest überzeugt, dass sich hier etliche weitere Räder drehen werden. Es herrsche Umbruchstimmung, sagt der Geschäftsführer des im Branchenvergleich kleinen Projektierers.
Seine Firma, die Alb-Naturenergie aus Blaustein, habe zwischen 2010 und 2020 nur drei Projekte realisieren können, sagt er, weil vor zehn Jahren die Förderung von der damaligen schwarz-gelben Koalition gestoppt wurde. Böhringer ist in der Zwischenzeit auf Wohnbau umgeschwenkt, hatte dabei aber stets im Sinn: Wenn es wieder losgeht mit den Erneuerbaren, steht er parat. Der 57-Jährige ist gelernter Energieanlagenelektroniker und Versicherungskaufmann.
Ein kleiner Park mit drei oder vier Windrädern
Gleich wird er den Tesla auf dem Schotter unterhalb seines Windrads in Berghülen parken, sich eine neongelbe Warnjacke übers Fischgrät-Sakko streifen, den Schutzhelm aufsetzen und die Kollegen anrufen, damit sie Bescheid wissen, dass er hochgondelt. Vor einer Viertelstunde saß er noch in der Stube von Edeltraud und Walter Bauer in Römerstein-Böhringen, einer Teilgemeinde mit 1600 Einwohnern, in dem die Telefonnummern teils noch dreistellig sind. Womöglich könnte sich die Bekanntschaft von Rolf Böhringer, den Bauers und weiteren Römersteinern für die Mitbürger auszahlen.
Der Windprojektierer würde hier gern einen kleinen Windpark mit drei, vielleicht vier Windrädern hinstellen, Nabenhöhe 160 Meter, Flächenverbrauch je Rad 0,5 Hektar, Jahresleistung zehn bis zwölf Millionen Gigawattstunden. Optimalerweise könne das Energiepärkchen 2025 oder 2026 fertig sein. Die Investition läge bei 45 bis 50 Millionen Euro, etwa ein Drittel wäre Eigenkapital, also auch private Anlagen, der Rest über die Bank finanziert, erklärt Böhringer. Das Vorhaben steht am Anfang, andererseits könnte alles sehr schnell gehen. Bereits in diesem Monat soll konkretisiert werden, welche Standorte in Baden-Württemberg theoretisch infrage kommen. Spätestens im Herbst 2025 sollen Projektierer loslegen können.
Am Esstisch der Bauers in Böhringen klappt Rolf Böhringer Lagepläne auseinander und zeigt Stellen, die er bereits untersucht hat. Dass er heißt wie das Dorf, für das er projektieren will, sei ein lustiger Zufall, sagt er. „Aber ich fühle mich natürlich schon deshalb berufen.“ Den Gemeinderäten hat er seine Idee präsentiert, ein erster Vorstoß. Denn es sind offenbar längst nicht alle so Feuer und Flamme wie die Bauers und die anderen, die sich vorsichtig Interessengemeinschaft nennen. Böhringer betont: Windräder dürften ein Dorf nicht spalten, solche Gräben zögen sich durch Generationen. Er wolle lieber dafür werben, dass am Ende alle etwas davon haben – indem sich Privatleute und Genossenschaften an einer zu gründenden „Windenergie Römerstein“ finanziell beteiligen können. Für ihn die Voraussetzung für das Projekt.
Bürgerwindparks wichtig für Akzeptanz
Die Bürger zu Produzenten machen: „Nur das schafft lang andauernde Akzeptanz“, sagt Horst Leithoff. Der Mann aus Schleswig-Holstein ist Geschäftsführer von drei Bürgerwindparks und Landesvorsitzender beim Bundesverband Windenergie. Bürgerwindparks seien entscheidend für eine Energiewelt, in der nicht mehr wenige Großkonzerne die Fäden in der Hand halten, sondern die Menschen vor Ort. „Wir sind überzeugt, wir können so mehr Windräder bauen als gegen den Willen der Bürger“, sagt Leithoff. Er weiß: „Die Windmühlen der anderen lärmen, das eigene Windrad macht Musik.“
Wie laut man Windräder wirklich findet, kann man bei Exkursionen hören. Seit 2016 bietet das Forum Energiedialog Städten und Gemeinden im Land eine Begleitung an. Es gehe nicht ums Überzeugen. „Wir wollen die Leute gut informieren und sie zu einem eigenen Urteil befähigen“, sagt Rainer Carius, beim Umweltministerium Baden-Württemberg zuständig für das Projekt. Mittlerweile sei das Forum in rund 80 Kommunen gewesen. Was Carius feststellt: Seit dem Krieg in der Ukraine werden die Befürworter lauter. „Wenn es vor Ort nicht nur Kontra-, sondern auch Pro-Akteure gibt, ist die Diskussion vielseitiger und die Moderation einfacher.“
Im kleinen Römerstein auf der Schwäbischen Alb mit seinen 4000 Einwohnern zeigt sich beispielhaft, vor welcher Weggabelung sich Gemeinden in der Energiewende unter Umständen wiederfinden: Steigen die Leute vor Ort ins Geschäft mit dem Wind ein? Oder realisiert am Ende ein Großprojektierer am Dorf vorbei? Das will die Interessengemeinschaft verhindern. „Den Klimawandel in den Griff zu bekommen geht ohne Windkraft nicht“, sagt Fritz Claas aus Zainingen, er ist beim Nabu. Dass die Römersteiner dabei nicht nur zuschauen sollen, „das war von Anfang an gesetzt“, sagt Edeltraud Bauer.
Infrastruktur auf der Albhochfläche ist Nadelöhr
Anja Sauer, die noch recht neue Bürgermeisterin von Römerstein, offenbart keine klare Haltung. Es gibt Themen, über die sie sicher lieber redet. Einerseits, sagt sie, müsse man in der heutigen Zeit offen sein, andererseits sei hier die Landwirtschaft prägend. Gibt es mehr Befürworter oder Gegner? „Das kann ich pauschal nicht sagen“, meint Sauer. Grundsätzlich müsse man bedenken, dass es auch die nötige Infrastruktur für weitere Windräder auf der Albhochfläche brauche.
Die Infrastruktur ist tatsächlich eine Sache, bei der sich sogar Rolf Böhringers Optimistenmiene kurz verfinstert. Die Windräder, die er gern in Römerstein bauen würde, bräuchten einen neuen Anschlusspunkt ans Netz, die Kapazität sei ausgeschöpft. Der Engpass könnte entscheidend werden. Zur Sicherheit hat sich Böhringer ein Argument zurechtgelegt. In der Nähe gibt es einen alten Steinbruch, wo man mit der überschüssigen Energie der Windräder künftig ja Wasserstoff produzieren könnte, erklärt er.
Die Auffahrt zum Rotor dauert mit dem Spezialaufzug acht Minuten. Die Kabine zuckelt gemütlich hinauf, ganz am Schluss, auf knapp 140 Meter Höhe, ruckelt sie hart, fast angekommen. Jetzt helfen nur noch Kletterkünste, es geht zwei Leitern hinauf in den Technikraum. Dort ist es sogar im Winter mollig warm. Es gibt zwei Luken, über die Monteure oder andere Mutige gefühlt auf den Wolken stehen können. Die Rotorblätter bewegen sich in Zeitlupe, Rolf Böhringer hat sie abgeschaltet und sich festgehakt, bevor er sich auf die Plattform stellt. Angst habe er keine, „aber Respekt“. Respekt vor einem Riesen, der für ihn im Jahr rund sechs Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt.
Ausbau und Bürgerenergie
Ausbau
Im Land müssten laut der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg bis 2030 im Schnitt 100 Windräder pro Jahr gebaut werden, um die Klimaziele zu erreichen. 2022 gingen gerade einmal neun neue Anlagen ans Netz. Insgesamt müssen 1,8 Prozent der Landesfläche zur Verfügung gestellt werden. Windräder werden immer größer. Maßen sie 2000 noch etwa 120 Meter, ist die aktuell höchste Anlage Deutschlands in Gaildorf (Landkreis Schwäbisch-Hall) 250 Meter hoch.
Wilpoldsried
Dass das Konzept der Bürgerenergie aufgehen kann, zeigt das Beispiel Wilpoldsried. Das bayrische 2600-Seelen-Dorf ist Vorzeigekommune in Sachen Energiewende. Es produziert mehr als achtmal so viel Strom wie es selbst verbraucht. Dort stehen elf Windräder, die Dächer sind zugepflastert mit Photovoltaik. Die Energieproduktion ist fest in Bürgerhand. ana/red