InterviewWinfried Hermann im Interview "Wichtigste Straßen wurden vernachlässigt"

Verkehrsminister Winfried Hermann setzt auf eine moderne Steuerung des Verkehrs. Im StZ-Interview verteidigt er seinen Kurs.  

Eindeutig Ja – Winfried Hermann will eine neue Verkehrspolitik umsetzen. Foto: Steinert 3 Bilder
"Eindeutig Ja" – Winfried Hermann will eine neue Verkehrspolitik umsetzen. Foto: Steinert

Stuttgart - Der Grünen-Minister Winfried Hermann setzt auf eine moderne Steuerung des Verkehrs: "Wir brauchen kurzfristige Lösungen." Verbesserungen auf der Schiene erhofft er sich durch mehr Wettbewerb.

Herr Hermann, wie nutzen Sie eigentlich Ihr Auto privat?

Vor allem selten. Man kann es als kleine Revolution bezeichnen: der Minister kommt zu Fuß ins Ministerium, der Ministerialdirektor ebenso, und die Staatssekretärin nutzt meist öffentliche Verkehrsmittel. Und schon sind wir bei zentralen Fragen einer neuen Verkehrspolitik: Ein Schlüssel dazu ist, dass sich die Menschen bei der Mobilität bewusster verhalten. Man sollte sich nicht einfach ins Auto setzen, sondern überlegen, geht es mit der Stadtbahn? Oder dem Fahrrad? Oder macht es Sinn, wenn sich mehrere Leute zusammentun?

Fahren wir alle zu viel mit dem Auto?

Alle würde ich nicht sagen. Ich kenne viele, die ihr Auto inzwischen sehr selektiv nutzen. In der Summe müssen viele Strecken nicht zwingend mit dem Auto zurückgelegt werden. Ein kleines Beispiel: laut Statistiken werden im Freizeitverkehr viel mehr Kilometer gefahren als im Wirtschaftsverkehr oder im Berufsverkehr.

Verkehrsprojekte haben einen langen Vorlauf, klar. Aber kann man daraus ableiten, gar nichts mehr zu bauen?

Ich habe nie gesagt, dass wir keine Straßen mehr bauen werden. Es geht um etwas anderes. Wir haben allein im Bereich der Bundesfernstraßen neue Projekte für 900 Millionen Euro im Bau. Vom Bund bekommen wir 250 Millionen Euro pro Jahr, wenn es gutgeht, vielleicht auch weniger. Bis diese Baustellen abgeschlossen sind, vergehen also mindestens vier Jahre, vielleicht werden es aber auch acht. Dazu kommt ein Paket von 20 großen Bauprojekten, die fertig geplant sind. An denen kann ich nicht rütteln, die werden gebaut. Das Volumen dieser Straßenbauprojekte ist deutlich höher als die erwähnten 900 Millionen Euro. Bis alle Maßnahmen des vordringlichen Bedarfs realisiert sind, vergehen Jahrzehnte. Wenn ich das weiß, brauche ich andere Straßen gar nicht weiterplanen. Fazit: lasst uns auf das konzentrieren, was wir in absehbarer Zeit realisieren können.

Also müssen wir die Staus eben hinnehmen?

Moment, im Falle von Staus sehe ich mich als Verkehrsminister in der Pflicht, etwas dagegen zu unternehmen. Auch ich ärgere mich, dass der Großraum Stuttgart ein Stauraum ist. Bei jedem kleinen Unfall bricht der Verkehr zusammen. Viele fordern dann neue Straßen, aber dadurch ändert sich doch auf zwanzig Jahre hinaus nichts. Deswegen will ich den Ursachen für Staus auf den Grund gehen und dafür sorgen, dass das vorhandene Netz intelligenter genutzt wird.

Ist doch klar, zu viele Autos, zu wenige Straßen!

Nein, eben nicht nur. Man kann auch fragen, brauchen wir zu lange, um eine Baustelle aufzubauen, müssen wir bei der Aufnahme von Unfällen wirklich stundenlang die Straße blockieren, muss das Reißverschlusssystem besser verstanden werden, müssen die Systeme früher über Staus informieren und werden passende Umleitungen angeboten? Oder können wir gar kostenlose Shuttlebusse einsetzen, die auf den Standspuren am Stau der Berufspendler vorbeifahren? Um mal die Sprache der Informatiker zu nutzen: wir müssen im Softwarebereich der Straßen - also bei Information und Steuerung des Verkehrs - viel mehr tun als bisher. Der Hardwarebereich ist schwerfällig, teuer und benötigt bis zur Umsetzung viel zu viel Zeit. Wir brauchen kurzfristige Lösungen!