Winfried Kretschmann bei Peaches in Stuttgart Kretschmann goes Punk

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Laut und explizit: „Die Sieben Todsünden“ mit der kanadischen Punkperformerin Peaches, die am Samstag im Stuttgarter Schauspiel ihre Premiere hatten, prunken über weite Strecken mit sexueller Drastik. Das hat dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gefallen.

Offen für neue Theatererfahrungen: Winfried Kretschmann Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 7 Bilder
Offen für neue Theatererfahrungen: Winfried Kretschmann Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Peaches und „Die Sieben Todsünden“ – der Stuttgarter Premiere der Tanztheateroper von Brecht/Weill, zu der die kanadische Künstlerin und Feministin ihre Hardcore-Mischung aus Punkkonzert und Sexshow beisteuerte, wohnte am Samstagabend auch der Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei. Und es ereignete sich, was angesichts der nicht jugendfreien, in Wort und Tat sehr drastischen und expliziten Performance nicht unbedingt zu erwarten war: Kretschmann zeigte sich begeistert. „Das war ein grandioser, furioser Abend“, sagte der praktizierende Katholik, der auch Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken ist. „Ich würde allen Pfarrern und sonstigen Würdenträgern der Kirche empfehlen, sich diese Inszenierung anzuschauen, um mehr über die Todsünden zu erfahren.“

Backstage bei Peaches & Co.

Kretschmann sagte das beim Backstage-Empfang unmittelbar nach der Premiere, zu dem er mit seiner Frau Gerlinde sowie dem Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn und dessen Frau Waltraud Ulshöfer hinter die Kulissen gebeten wurde. Nachdem sich die Intendanten bei den Künstlern für ihr Engagement bei dem spartenübergreifenden Brecht/Weill-Projekt bedankt hatten, ergriff der siebzigjährige Ministerpräsident spontan das Mikrofon und sprach zu Peaches & Co. Seine Mitarbeiter hätten ihn vom Besuch des Abends abgeraten, weil es wegen der Punk-Ikone Peaches zu laut für ihn werden könne. Aber er, aufgewachsen mit der Rockmusik der sechziger und siebziger Jahre, habe ihre Hinweise ignoriert und wegen der Stuttgarter Premiere sogar auf die am gleichen Abend stattfindenden „Meistersinger von Nürnberg“ im Mannheimer Nationaltheater verzichtet.

Mit Blick auf die letzte, in den neunziger Jahren liegende genreübergreifende Produktion des Staatstheaters wandte er sich an die Intendanten von Ballett, Oper und Schauspiel: „Es darf keine 23 Jahre mehr bis zur nächsten Koproduktion dauern“, sagte der von den „Todsünden“ noch immer ergriffene Ministerpräsident, der das Wirken der drei neuen, zu dieser Saison angetretenen Spartenchefs Tamas Detrich, Viktor Schoner und Burkhard Kosminski ausdrücklich lobte. Kretschmann erneuerte zudem das Bekenntnis des Landes zur Opernsanierung, was dem Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks wie Musik in den Ohren geklungen haben mag – Musik, die eher nicht aus der stampfenden Hexensoundküche von Peaches gekommen sein wird.