Winfried Kretschmann in Staufen Der Ort soll nicht zerbrechen

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Seit sechs Jahren hebt sich im südbadischen Staufen nach einer Erdwärmebohrung die Erde. Ministerpräsident Winfried Kretschmann fährt am Donnerstag dorthin. Er bringt 24 Millionen Euro des Landes für Sanierungen mit.

Staufens Bürgermeister Michael Benitz im – rissigen – Rathaus. Foto: Siebold
Staufens Bürgermeister Michael Benitz im – rissigen – Rathaus. Foto: Siebold

Staufen - In Staufen knirscht und bröckelt es. Seit sechs Jahren. Auf einmal bekamen Häuser Risse, unübersehbar zuckten sie über die Fassaden wie Blitze. Und innen ächzten die Balken. Bald war klar: Die Erde hebt sich. Am Anfang einen Zentimeter, jetzt „nur“ noch drei Millimeter im Monat. Nein, 2,9 Millimeter korrigiert Bürgermeister Michael Benitz und schaut von seinem Schreibtisch auf zwei Risse im Fensterbogen. Man nimmt es in Staufen ganz genau, denn man will die Hoffnung haben, dass der Spuk bald einmal zu Ende ist.

Der Spuk ist ganz irdisch und real. Die Gemeinde Staufen im südbadischen Breisgau wollte im Herbst 2007 für das Ratsgebäude aus dem 16. Jahrhundert eine moderne geothermische Heiz- und Kühlanlage bauen lassen. Dafür wurden sieben Sonden bis in 140 Meter Tiefe getrieben. In eine Erde, die höchst problematisch ist. Denn Staufen liegt genau an der Kante, wo zwischen Schwarzwald und den Vogesen vor langer Zeit das Rheintal eingebrochen ist. Der Oberrheingraben ist Erdbebengebiet, im Untergrund gibt es Gipskeuper und heißes Wasser. Und ausgerechnet eine solche Wasserader hat eine der sieben Sonden angebohrt. Wasser und das Anhydrit bringen Gipskeuper zum Quellen wie ein Hefeteig – der Boden begann sich zu heben.

Die folgende Grafik zeigt, warum sich unter Staufen die Erde hebt:

„Nach oben und in alle Richtungen“, sagt Bürgermeister Michael Benitz (50). Der gebürtige Löffinger ist 2001 als Kandidat der Freien Wähler zum Bürgermeister in Staufen gewählt worden, 2009 erneut. Die Idee, das historische Rathaus mit Oberflächengeothermie zu heizen und zu belüften, kam aus dem Gemeinderat und wurde einstimmig beschlossen. „Ich war dafür“, sagt Volker Siehr, der 24 Jahre lang für die SPD im Gemeinderat saß und letztes Jahr anlässlich seines 70. Geburtstages ausgeschieden ist. Einen Vorwurf kann er sich und seinen Kollegen nicht machen. „Wir haben uns auf die Experten verlassen.“

Laufend wird Wasser abgepumpt

Sechs Jahre nach den ersten Hebungen greifen die Gegenmaßnahmen. Die Erdsonden sind geschlossen, es wird laufend Wasser aus dem Untergrund abgepumpt. Doch zwischen Rathaus und ehemaligem Schloss sind 269 Häuser mehr oder weniger aus den Fugen geraten und Straßen und Gehwegpflaster aufgestülpt worden. „Die Seitwärtsbewegung der Erde beträgt bis zu 40 Zentimeter“, sagt der Bürgermeister. Häuser driften auseinander, Balkenauflagen mussten verlängert, Wände abgestützt werden. Und wenn mal alles vorbei ist, muss Staufen wohl neu vermessen werden.

Und es geht nicht nur um Häuser. „Es mussten Dehnungsbögen in die Gasleitungen eingebaut werden“, berichtet der Bürgermeister. Der hintere Teil des Rathauses mit Grundbuchamt und Stadtarchiv ist längst geräumt, ein Haus daneben ist bereits abgerissen worden. „Wir haben bislang siebeneinhalb Millionen Euro Kosten“, berichtet Benitz. Davon hat das Land Baden-Württemberg 5,4 Millionen und die Stadt 2,1 Millionen Euro übernommen.

Nun hat das Land den Geldsäckel weiter aufgemacht. Über einen Zeitraum von 15 Jahren werden Schäden in Höhe von 30 Millionen Euro reguliert, 24 Millionen übernimmt das Land, sechs die Stadt. Heute will der Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach Staufen kommen, um das Abkommen vor Ort zu unterzeichnen.

Ein Grund zum Jubeln? „Naja. Meine Dankbarkeit hält sich in Grenzen“, sagt Edeltraut Pilz mit angehobenen Augenbrauen. Die 48-jährige Hotelfachfrau aus Dettingen an der Erms hat 2005 das Hotel und Gasthaus zum Löwen neben dem Rathaus übernommen. Sie ist genervt, weil Staufen weltweit als „Rissestadt“ Schlagzeilen gemacht hat. „Die Risse sind noch das geringste Problem“, seufzt die Wirtin des historischen Hauses, in dem der Teufel angeblich den von Goethe beschriebenen Doktor Faust geholt hat. Viel schlimmer ist, dass eine Wand 18 Zentimeter nach außen gewandert ist. „Wir haben eine Zeitlang nur noch wenige Gäste gehabt“, sagt Pilz, „diesen Schaden kann uns niemand ersetzen.“

Lieber schlichten als richten

Welche Summe insgesamt fällig sein wird, kann heute nicht geschätzt werden, ein Karlsruher Ingenieurbüro hat 50 Millionen Euro genannt. Das Land hat sich bereit erklärt, neu zu verhandeln, wenn die 30 Millionen-Grenze überschritten wird. „Für uns ist wichtig“, betont Bürgermeister Benitz, dass wir eine Einigung haben, die nicht auf gerichtlichem Weg erstritten werden muss“. Die Stadt hat zwar die ausführende Bohrfirma aus Österreich verklagt, doch ob dort viel zu holen ist, kann bezweifelt werden. Staufen hat darum ein Schlichtungsverfahren eingeleitet, in dem bereits 192 Fälle abgewickelt wurden. Selbst Hauseigentümer, die zunächst auf eigene Faust Klagen eingereicht haben, wollen sich jetzt lieber auf die Schlichtung einlassen.

Über die Frage, wer schuld an allem ist, wird ungern gesprochen. „Es war eine Landesbehörde, die die Genehmigung erteilt hat.“ Damit legt die Löwen-Chefin den Finger auf eine wunde Stelle. Es gab kurz nach Beginn der Bohrungen im September 2007 eine Probe, die milchiges Wasser enthielt. Schon nach 32 Metern. Es gab Experten, die in einem solchen Fall einen Bohrstopp empfohlen hätten. Das Landesamt für Bergbau und Geologie gab grünes Licht zum Weiterbohren. Im ganzen Land sind rund 12 000 Erdwärmesonden installiert, pro Jahr werden rund 3000 Anträge bearbeitet, der überwiegende Untergrund des Landes enthält Gips. Staufen habe einfach Pech gehabt, erklärte Clemens Ruch vom Landesamt vor sechs Jahren. „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“

Vorschriften verschärft

Mittlerweile sind die Vorschriften für Geothermiebohrungen verschärft, die Versicherungsauflagen erhöht worden. Für Staufen zu spät. „Es ist bemerkenswert, dass wir in dieser katastrophalen Lage eine gute Diskussionskultur bewahren konnten“, will Ex-Gemeinderat Volker Siehr festgehalten wissen. Auf Anhieb fällt ihm keine andere Kommune ein, die so etwas geschafft hat. Er selber war in der sofort eingerichteten „Risse-Kommission“, jetzt ist er im Vorstand der Stiftung zur Erhaltung der Altstadt Staufen. Ihr Motto heißt: Staufen darf nicht zerbrechen. „Das ist ja nicht nur mit Blick auf die Häuser gemeint“, sagt der langjährige Schulrektor. „Staufen ist und bleibt eine schöne Stadt.“