Winnenden nach der OB-Wahl 31 Prozent für den Herausforderer – warum die OB-Wahl mehr war als Formsache

Hartmut Holzwarth hat offenkundig nicht jeden überzeugt. Foto: Gottfried Stoppel

Winnenden hat gewählt. Hartmut Holzwarth bleibt Oberbürgermeister. Doch 31 Prozent der Stimmen für seinen Herausforderer zeigen: Die Unzufriedenheit in der Stadt ist größer als gedacht.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Die Wiederwahl war erwartet worden. Der Mann auf dem Chefsessel des Rathauses in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) bleibt derselbe: Hartmut Holzwarth, seit 16 Jahren im Amt, hat die Oberbürgermeisterwahl am Sonntag mit 67,4 Prozent der Stimmen deutlich gewonnen. Ruhig, sachlich, erfahren – wie man ihn kennt. Sein Herausforderer: Hans-Martin Fischer, parteilos, doch nicht unbekannt, Stadtrat der Bürgerstimme, politisch kantig, kritisch, angriffslustig.

 

Die Wahlbeteiligung lag bei 38,5 Prozent und damit deutlich höher als 2018. Damals trat Holzwarth alleine an, das Interesse war überschaubar. Diesmal nicht. Keine Frage: die Kandidatur Fischers hatte Bewegung in die Wahl gebracht. Und ein Ergebnis, das zu denken gibt.

31 Prozent: Ein Drittel der Stadt sagt Nein

Hans-Martin Fischer bekommt 31,4 Prozent. Das ist mehr als nur ein Achtungserfolg. Das ist jede dritte gültige Stimme. Ein Drittel, das nicht mitzieht, nicht zustimmt, nicht einfach weitermachen will. Ein Drittel, das Zweifel anmeldet – am Kurs, an der Kommunikation und/oder dem Selbstverständnis der Stadtpolitik.

Ein Drittel der Wähler hat Hans-Martin Fischer ihre Stimme gegeben. Foto: Gottfried Stoppel

Ob alle diese Bürger, die für Fischer abgestimmt haben, diesen auch als Oberbürgermeister hätten sehen wollen, ist unklar. Sicher ist: Viele wollten damit etwas anderes sagen. Ein Nein zur Haushaltslage. Ein Nein zu Containerlösungen in der Flüchtlingsunterbringung. Ein Nein zu gefühlter Bürgerferne. Protest ohne Parteibindung, aber nicht ohne Botschaft.

„Ehrliches Ergebnis“: Holzwarth gewinnt, doch Kritik wächst

Am Wahlabend spricht Holzwarth von einem „ehrlichen Ergebnis“. Er verweist darauf, dass seine absolute Stimmenzahl sogar höher liegt als 2018. Tatsächlich: Mehr Menschen haben gewählt, auch ihn. Aber auch: Mehr Menschen haben sich gegen ihn ausgesprochen.

Fischer selbst zeigt sich nicht unzufrieden. Er hätte sich sogar ein bisschen mehr erwartet, sagt er – doch sein Ergebnis gibt seiner Kritik eine Bühne. Seine Themen – Schuldenabbau, Ablehnung von Windkraft, mehr Bürgerbeteiligung – fanden Resonanz. Besonders bei jenen, die in der Stadtpolitik keine Stimme mehr sahen.

Fischer als Stimme der Unzufriedenen in Winnenden

Fischers Erfolg speist sich auch aus der Rolle, die er im Wahlkampf übernommen hat: Sprachrohr der Unzufriedenen. Seine politische Heimat – die Bürgerstimme – steht in Winnenden für Opposition, für Reibung, auch für Nähe zu rechten Rändern. Doch bei dieser Wahl zählte wohl für viele nicht die Richtung, sondern die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen.

Die OB-Wahl wurde so zum Ventil. Nicht zur politischen Wende, aber zur Stimmungsabfrage. Sie zeigt: Unter der Oberfläche der Verwaltungskontinuität brodelt es. Nicht laut, aber deutlich.

Holzwarths Fokus: Winterdienst statt Wahlsieg feiern

Am Morgen nach der Wahl ist der Routinier Holzwarth bereits wieder im Arbeitsmodus. Er bedankt sich auf Facebook – nicht für die Stimmen, sondern beim Winterdienst. Mehr als 20 Zentimeter Neuschnee in Winnenden, Streufahrzeuge im Dauereinsatz. Seine eigene Wiederwahl, so scheint es, ist da eine Nebensache.

Die Wahl hat Hartmut Holzwarth gewonnen. Der Kurs bleibt. Doch wer genau hinsieht, erkennt: Die Stadt hat nicht nur zugestimmt. Ein Drittel hat widersprochen. Und das deutlicher als gedacht.

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