Musik als Brücke: In Winnenden wird „Send Me An Angel“ zum Zeichen der Solidarität. Eine Benefiz-CD feiert 40 Jahre Hitgeschichte – und sammelt Spenden für obdachlose Menschen.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Novembergrau wabert über dem Pflaster – doch in der Kirchstraße 11 in Winnenden scheint für ein paar Stunden die Sonne. Im Friseursalon von Ilona Derer wird nicht einfach nur gefeiert. Es ist ein Fest der Mitmenschlichkeit, der Musik – und der Erinnerung an einen Song, der Leben verändert hat.

 

„Send Me An Angel“, jener 80er-Jahre-Welthit, der damals aus australischen Synthesizern der Band Real Life direkt in die europäischen Herzen ploppte, hat jetzt ein zweites Leben bekommen. Diesmal nicht in den Charts, sondern auf der Straße. Und dort wirkt er mindestens so viel wie früher im Radio.

Von Winnenden in die Welt: Musik mit Mission

Hans Derer, Chef der Winnender Musikfirma 7us, hat das Lied, das einst seine Karriere, aber auch sein Privatleben befeuerte, zurück ins Rampenlicht geschoben – allerdings unter neuen Vorzeichen. Der Mann, der vor 40 Jahren als junger Promoter bei Intercord für den Erfolg des Songs sorgte, hat eine Benefiz-CD aufgelegt. Mehr als 20 internationale Bands haben neue Versionen beigesteuert. Der Erlös geht an die Barber Angels Brotherhood.

Beim Charity-Event überreichen Mitwirkende einen Scheck über 2500 Euro an Barber-Angels-Chef Claus Niedermaier (Mitte). Foto: 7us/Nägele

Die CD ist nicht einfach ein Sampler. Sie ist ein Statement. Und ein Beweis, dass Solidarität auch rocken darf.

Barber Angels: Friseurkunst mit Haltung

Die Barber Angels – rund 1000 ehrenamtliche Friseurinnen und Friseure – schneiden Obdachlosen in ganz Deutschland kostenlos die Haare. Ein Haarschnitt ist hier weit mehr als Kosmetik. Er ist Sichtbarkeit. Würde. Ein Moment der Anerkennung.

„Ein sauberer Schnitt verändert, wie dich andere sehen – und wie du dich selbst siehst“, sagt Claus Niedermaier, der Gründer der Organisation. Bei der Veranstaltung überreichte ihm Hans Derer einen ersten Scheck über 2500 Euro – mit dem Versprechen: „Es wird noch mehr.“

Ein persönliches Kapitel Popgeschichte

Dass die Veranstaltung im Salon von Ilona Derer stattfand, war kein Zufall. Der Ort ist eng verknüpft mit der Geschichte des Songs – und mit der gemeinsamen Vergangenheit der Gastgeberin und des Initiators: Ilona und Hans Derer waren einst verheiratet, heute sind sie freundschaftlich verbunden.

Ilona Derer (Mitte) war von der Zeitschrift Pop-Rocky auserkoren, die australische Band Real Life in Deutschland bekannter zu machen. Foto: 7us

Ilona war es, die 1984 – damals noch Teenager – von einer großen Jugendzeitschrift ausgewählt wurde, um „Send Me An Angel“ und die Band Real Life in Deutschland bekannt zu machen.

Von der Jugendaktion zur Lebensverbindung

Der Song schoss in die Charts, hielt sich wochenlang an der Spitze, verkaufte sich über 500.000 Mal – und wurde zu einem der meistgespielten Hits der 80er-Jahre. Aus der beruflichen Zusammenarbeit wurde eine Beziehung: Ilona und Hans wurden ein Paar, später Eltern einer Tochter. Heute führt Ilona seit über 30 Jahren ihren Salon in dem Haus, das Hans einst kaufte.

Zum 40. Geburtstag des Songs beschlossen die Derers: Der Hit soll wieder raus in die Welt – aber diesmal nicht in Chart-Listen, sondern in die Hände der Barber Angels. Die neue Version stammt von der Esslinger Band The Second Sight.

Bewegende Stimmen aus aller Welt

Zum Fest im Friseursalon schaltete sich der australische Komponist David Sterry, Sänger von Real Life, per Videobotschaft zu. Sichtlich gerührt sagte er: „Was ihr aus meinem Song gemacht habt, bewegt mich zutiefst.“

Live zu hören war auch Jürgen Hörig, TV-Moderator und Musiker, der gemeinsam mit Mick Scheuerle (NoRMAhl) eine gefühlvolle Akustikversion präsentierte. Vicky Lampidi, die neue Stimme des Projekts, überzeugte als charismatisches Finale – produziert vom Waiblinger Rodolfo Guzman Tenore.

Musikalische Solidarität kennt keine Grenzen

Der Sampler vereint Acts aus ganz Europa: Agonizer aus Finnland, Kee Marcello (Europe) aus Schweden, die Hairy Groupies aus der Slowakei – viele verzichteten auf Gagen und Rechte. Auch aus Österreich kam Unterstützung, etwa von Daniel Wagner (Psycho Village), direkt von der US-Tour angereist.

Die Barber-Angels-Chöre wurden im Mannheimer Studio von Dirk Jeblick aufgenommen. „Vor allem die Pfälzer Crew war mit vollem Einsatz dabei“, sagt er. Aus Magdeburg reiste ein Filmteam unter der Leitung von Niccolo Gruhn an – ihr Musikvideo ist auf YouTube zu sehen.

Und auch die Lokalhelden fehlten nicht: Die Punkband NoRMAhl, seit jeher sozial engagiert, steuerte einen Song bei. Sänger Lars Besa nahm den Award sichtlich bewegt entgegen.

Ein Haarschnitt gegen das Vergessen

Claus Niedermaier, dessen schwarze Kutte seit vergangenem Jahr auch das Bundesverdienstkreuz ziert, fand am Ende klare Worte: „Danke an alle. Ihr habt Großartiges geleistet.“ Das Geld, so sagt er, werde für Hygieneartikel und Fahrtkosten verwendet. Denn: „Unsere Einsätze werden nicht weniger.“

Leider bestätigt das auch die Realität: Kaum war das Event vorbei, meldete die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe einen drastischen Anstieg der Obdachlosigkeit in Deutschland – erstmals über eine Million Menschen betroffen, über elf Prozent mehr als im Vorjahr.

Rockmusik, Würde, Haltung – und ein Aufruf zum Handeln

Der Song, einst Synthipop-Zucker, ist zur Hymne gegen das Wegsehen geworden. Eine Mahnung. Ein Versprechen. Und eine Einladung an uns alle: hinzusehen. Mitzumachen.

Die CD ist weiter erhältlich, im Handel etwa bei Amazon oder Mediamarkt oder hier. Fünf Euro pro Stück gehen an die Barber Angels. Und jeder Haarschnitt bedeutet: Ein Mensch fühlt sich einen Moment lang wieder wie jemand, der dazugehört.