Wer darf den nächsten Neujahrsempfang der Stadt Winnenden gestalten? Am Sonntag wird ein neuer oder alter Oberbürgermeister gewählt. Foto: Gottfried Stoppel
Der erfahrene Verwaltungsprofi Hartmut Holzwarth trifft auf einen späten Herausforderer mit scharfer Kritik. Die OB-Wahl in Winnenden wird zum Stimmungsbarometer der Stadt.
Es ist eine Wahl, bei der vieles offen scheint – und doch wenig wirklich unklar ist. Am Sonntag stimmen die Winnender (Rems-Murr-Kreis) über das höchste Amt ihrer Stadt ab. Rund 21.800 Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen. Zwei Kandidaten treten an.
Einer von ihnen hat bereits eine stattliche Wegstrecke im Amt zurückgelegt: Hartmut Holzwarth (CDU), 56 Jahre alt, seit 16 Jahren Oberbürgermeister, bewirbt sich um seine dritte Amtszeit. Herausgefordert wird er von Hans-Martin Fischer, parteiloser Stadtrat (Die Bürgerstimme), 60 Jahre alt, Quereinsteiger mit klarer Kritik – aber bisher vagen Antworten.
Dass diese Wahl keine Formsache ist, dafür sorgt allein die Existenz eines zweiten Namens auf dem Stimmzettel. 2018 hatte Holzwarth keinen Gegenkandidaten, nur rund ein Viertel der Wahlberechtigten ging überhaupt wählen. Dieses Mal ist das anders: Die Zahl der Briefwahlanträge liegt laut der Stadt bereits deutlich über dem letzten Stand. Auch das Interesse an den beiden Vorstellungsveranstaltungen war größer als erwartet. Ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen zeichnet sich dennoch nicht ab – zu klar sind die Rollen verteilt.
Hartmut Holzwarth hat schon zwei Amtsperioden als OB in Winnenden hinter sich. Foto: Gottfried Stoppel
Der eine: Verwaltungsprofi mit tiefem Aktenwissen, ruhiger Tonlage und einem pragmatischen Verständnis von Kommunalpolitik. Holzwarth spricht von Krisen, die Winnenden geprägt, aber auch gestärkt haben – vom Amoklauf bis zur Pandemie. Er verweist auf Projekte, die heute stehen, weil man sich in schwierigen Momenten zusammengerauft habe: das Wunnebad, der Windpark, die Innenstadtentwicklung. Sein Zukunftsversprechen: nicht mehr und nicht weniger als ein solides Weiterarbeiten.
Hans-Martin Fischer hat im Stadtparlament ein Mandat für die Bürgerstimme. Foto: privat
Der andere: ein Späteinsteiger, der den Finger in die Wunde legt, aber selten Pflaster bereithält. Hans-Martin Fischer sieht Winnenden in der „Schuldenspirale“, kritisiert kostspielige Vorhaben wie die Sanierung des Wunnebads oder neue Blitzer, fordert weniger Ausgaben – und gleichzeitig mehr Kultur, mehr Tourismus, ein kommunales Kino. Wie das alles zusammengehen soll, bleibt offen. Doch Fischer trifft mit seiner Kritik durchaus einen Nerv – besonders dort, wo sich Bürger in politischen Entscheidungen nicht mehr wiederfinden.
Stabilität oder Wandel: Winnenden wählt den Ton der Zukunft
Es geht an diesem Sonntag nicht nur um Inhalte. Es geht auch um die Frage, welchen Ton die Stadt sich künftig geben will. Holzwarth steht für sachliche Stabilität, für ein Miteinander mit klaren Linien. Fischer gibt sich als Korrektiv, als Stimme derer, die sich abgehängt fühlen – auch wenn er konkrete Konzepte oft schuldig bleibt.
Formal ist alles offen. Und demokratisch wichtig ist jede Wahl – auch (oder gerade), wenn der Ausgang weniger Spannung verspricht. Denn die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen: Ohne Wettbewerb schwindet die Beteiligung, und damit auch das Vertrauen. Dass es diesmal einen Gegenkandidaten gibt, hebt die OB-Wahl auf ein neues Niveau – auch wenn die Erfolgsaussichten des Herausforderers gering erscheinen.
Rückhalt oder Wandel: Winnendens Wahl als Stimmungsbarometer
Am Ende dürfte es weniger um einen Machtwechsel gehen als um ein Stimmungsbild. Um die Frage: Wie viel Rückhalt hat der Amtsinhaber noch? Wie stark ist das Bedürfnis nach Veränderung? Und wie viel Aufmerksamkeit genießt Kommunalpolitik in Zeiten globaler Krisen überhaupt noch?
Die Stadt hat alle Vorkehrungen getroffen, um eine reibungslose Wahl zu ermöglichen. Wer krank wird, kann bis Sonntagmittag Briefwahl beantragen. Wer keine Unterlagen erhalten hat, darf sich ans Wahlamt wenden.
Wer zur Wahl geht, setzt ein Zeichen – ob für Bestätigung oder für Protest. Der Wahlausschuss unter Leitung von Bürgermeister Norbert Sailer ruft zur regen Beteiligung auf. „Demokratie lebt vom Mitmachen“, heißt es in der offiziellen Erklärung.