Winterbach will Fairtrade Town werden Auf dem Weg zur fairen Gemeinde

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Winterbach strebt den Titel Fairtrade Town an – doch was bedeutet das genau? Und was möchte die Kommune damit erreichen?

Eine Aktion zur Fairtrade Town: Die  Bananenwette Foto: TransFair e.V./Gerhard Wasserbauer
Eine Aktion zur Fairtrade Town: Die Bananenwette Foto: TransFair e.V./Gerhard Wasserbauer

Winterbach - Gleich zwei Mal hat Sven Müller, der Bürgermeister der Gemeinde Winterbach, Elke Stiller von der Agenda-Gruppe „Faire Gemeinde Winterbach“ in den vergangenen Wochen zum Staunen gebracht. „Er wiegt tatsächlich 85 Kilo“, sagt Stiller, „und er ist ein Verkaufsgenie.“ Der Bürgermeister hatte gewettet, dass es sechs Jugendlichen nicht gelingen werde, innerhalb weniger Stunden so viele fair gehandelte Bananen zu verkaufen, wie er selbst wiegt. Tatsächlich aber waren die 85 Kilo Bananen nach einer halben Stunde weg. Um seine Wettschulden zu begleichen, arbeitete Müller kürzlich am Stand des Schorndorfer Weltladens auf dem Wochenmarkt, wo er Schokolade und Kaffee aus fairem Handel verkaufte.

Ungerechtigkeiten auf dem Weltmarkt

„Mit der Aktion wollten wir das Bewusstsein für fairen Handel verbreiten“, erklärt Elke Stiller – denn Winterbach strebt den Titel „Fairtrade Town“ an. „Das ist mein Herzensthema seit vielen Jahren, weil mich die Ungerechtigkeit des Welthandels wahnsinnig aufregt“, erklärt Stiller. „Die EU subventioniert beispielsweise Lebensmittel-Exporte, die in Afrika lokale Märkte zerstören.“

Vor rund 40 Jahren gründeten sich in Deutschland die ersten Weltläden mit Produkten aus fairem Handel und fast genauso lange ist Elke Stiller dabei – derzeit arbeitet sie ehrenamtlich im Schorndorfer El Mundo. Da Schorndorf bereits Fairtrade Town ist, regte Stiller an, den Titel auch für Winterbach anzustreben. Den Bürgermeister mussten sie und ihre ehrenamtlichen Mitstreiter nicht lange überzeugen: „Wir wollen den großen Kreisstädten in nichts nachstehen“, betont Sven Müller. Und so beschloss der Winterbacher Gemeinderat im vergangenen Herbst einstimmig, Teil der internationalen Kampagne zu werden.

Auf fünf Kriterien kommt es an

Um als Fairtrade Town zu gelten, muss der Ort fünf Kriterien erfüllen: Erstens: Die Kommune beschließt, dass in der Verwaltung zwei Produkte aus fairem Handel ausgeschenkt werden. Zweitens: Eine lokale Steuerungsgruppe koordiniert die Aktivitäten auf dem Weg zur Fairtrade Town. Drittens: Einzelhändler und Restaurants im Ort bieten Produkte aus fairem Handel an. Viertens: Öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kirchen und Vereine verwenden Fairtrade-Produkte und leisten Bildungsarbeit zum Thema. Fünftens: In den Medien wird über die Aktivitäten berichtet.

„Insgesamt sind wir schon sehr zufrieden“, sagt Barbara Berger, die sich ebenfalls in der Agenda-Gruppe engagiert. So beteiligen sich etwa die Winterbacher Kirchengemeinden und einige Vereine an der Initiative. Schwieriger sei es hingegen, Cafés und Restaurants für Fairtrade-Produkte zu gewinnen. „Die haben natürlich ihre eigenen Sorten, die die Kunden mögen“, erklärt Elke Stiller. Es gehe nicht darum, Menschen etwas vorzuschreiben, betont sie. „Aber man muss bewussten Konsum immer wieder thematisieren“, so Berger. Daher sollen die teilnehmenden Händler und Gastronomen zukünftig namentlich erwähnt werden. Berger hofft, dass das einen Schneeballeffekt hat, der andere dazu bringt, sich anzuschließen.

Lohnt sich die Mühe?

Fairer Konsum, das bedeute nicht nur fair zu den Produzenten, sondern auch fair zur Natur. Deshalb ist der Winterbacher Agenda-Gruppe das Thema Müllvermeidung ebenfalls ein wichtiges Anliegen. „Ich schätze diesen ganzheitlichen Ansatz und unterstütze das voll und ganz“, sagt Sven Müller. Er sei stolz auf seine tatkräftigen Bürger.

Die hoffen unterdessen, dass sie es bis Herbst schaffen, offiziell Fairtrade Town zu werden. „Dann ist die Arbeit aber nicht zu Ende, alle zwei Jahre muss der Titel neu erworben werden“, sagt Stiller. Ob all die Mühe lohnt? „Wenn ganz viele das machen, ändert sich letztlich doch was“, ist sich Barbara Berger sicher. Deshalb hofft die pensionierte Lehrerin, dass ihr Engagement ansteckend ist.