Winterklausur in Kloster Seeon Die CSU erfindet sich neu

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Harmonie mit der Schwesterpartei CDU, europafreundlicher Kurs, Optimismus statt konservativer Revolution: Die CSU will plötzlich vieles anders machen, wie sie bei ihrer traditionellen Winterklausur in Kloster Seeon offenbart.

Starke Männer trotzen auch der Winterkälte: CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (links) und der angehende Parteichef, Ministerpräsident Markus Söder in Kloster Seeon Foto: imago
Starke Männer trotzen auch der Winterkälte: CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (links) und der angehende Parteichef, Ministerpräsident Markus Söder in Kloster Seeon Foto: imago

Kloster Seeon - So viel Harmonie war lange nicht: Die CSU will sich nicht mehr mit der großen Schwester CDU zoffen. „Das höchste Gut der Union ist die Geschlossenheit“, sagt Kollisions-Kapitän Horst Seehofer auf einmal, „Dieser Streit um des Streites willen, dieses ständige Schaulaufen, das lähmt, das nervt, das langweilt,“ findet Markus Söder nun, und selbst Alexander Dobrindt ergänzt, man wolle „den Zusammenhalt, die Gemeinschaft, die Schicksalsgemeinschaft der Union offensiv zeigen.“

AKK kommt am Freitag

Das neue Jahr beginnt bei der CSU also mit neuen Tönen. Und wenn diese bei der traditionellen Winterklausur der CSU-Bundestagstruppe gesungen werden, wo seit dem berühmten „Trennungsbeschluss“ von Wildbad Kreuth 1976 die Sucht nach Abgrenzung und Selbstprofilierung überwiegt, dann heißt das etwas. In Kloster Seeon, wo sich die 46 Abgeordneten der CSU für drei Tage versammelt haben, schreitet man gleich auch zur Tat: Angela Merkel, die man in diesen Kreisen schon lange nicht mehr hatte sehen wollen, ist als CDU-Chefin ja weg; umso freundlicher heißt man ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer willkommen. Sie kommt diesen Freitag tatsächlich.

Markiert schon dies einen ungewöhnlichen Neuanfang, so geht das bei den internationalen Gästen weiter: Vor einem Jahr, noch auf Aggression und Provokation bedacht, rollte die CSU dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán den roten Teppich aus. Diesmal hat sie den griechischen Oppositionsführer und laut Umfragen künftigen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis eingeladen – und das, obwohl Söder & Co. die Griechen zur Hochzeit der Finanzkrise am liebsten aus EU und Euro geworfen hätten. Und der irische Premier Leo Varadkar darf sich in Kloster Seeon persönlich die „Solidarität“ der CSU abholen – angesichts der Risiken, die der Brexit für die Grüne Insel bringen wird.

Abgrenzung gegen Populisten

Das bezeichnet die zweite gravierende Neupositionierung der CSU in einem „Jahr der Entscheidungen“, wie Landesgruppenchef Dobrindt es nannte: „Wir wollen die europäische Idee positiv weiterentwickeln.“ Da geht’s nicht mehr um Attacken gegen Brüssel oder die Hofierung von Spaltern à la Orbán. Die CSU stellt in Manfred Weber den Spitzenkandidaten der Europäischen Volksparteien; der Niederbayer, der sich aus eigener Kraft nach oben gekämpft hat, könnte gar Chef der EU-Kommission werden. Nun will ihm zuhause keiner mehr in den Rücken fallen: Fünf Monate vor der Europawahl stellt sich die CSU als europafreundliche Volkspartei neu auf.

Den Populisten möchte man diesmal nicht mehr nach dem Munde reden. Das hat schon Markus Söder vor der bayerischen Landtagswahl gegenüber der AfD aufgegeben; durch diese Wende in letzter Minute ist, wie die Analysen zeigen, der Absturz nicht ganz so tief ausgefallen wie erwartet. Und bei der nächsten Wahl, der europäischen eben, will die CSU endlich wieder obenauf schwimmen.

Operation Optimismus

Dobrindt, der zur Winterklausur vor exakt einem Jahr noch düster von einer „bürgerlich-konservativen Revolution“ geschwafelt hat, will nun den „Optimismus“ herausstellen, in dessen Geist die Unionsparteien gegründet worden seien: Sie seien „Parteien der Chancen, nicht der Ängste.“ Und: „Wir lassen es nicht zu, dass andere Parteien das Jahr 2019 zu einem Jahr der Angst machen wollen.“

Diese anderen, das sind in Dobrindts Weltordnung: AfD, Linke – und Grüne. Wobei man in der CSU durchaus verstanden hat, dass es gerade das optimistische Auftreten war, das den Grünen in Bayern einen so fulminanten Landtagswahlerfolg beschert hat. „Die Grünen“, gibt man in der CSU-Spitze zu, „waren da näher am Lebensgefühl der Leute dran als wir.“ Nicht von ungefähr gelobt Markus Söder nun, zum Auftakt in Kloster Seeon, man werde künftig „mit sympathischerer Haltung gegenüber breiteren Gesellschaftsschichten“ auftreten, die CSU „durchlüften“ und sie „jünger, weiblicher, offener“ machen. In zwei Wochen wird Söder Parteichef; da kann er zeigen, was er meint.

Bei so viel Wende bei der CSU fällt das einzige ausdrückliche Bekenntnis zur Beständigkeit umso stärker auf: An der Großen Koalition in Berlin rütteln will keiner mehr. „Ein Signal für eine weiterhin stabile Regierung in Deutschland“ solle von Kloster Seeon ausgehen, sagt Dobrindt als der starke Mann der CSU in Berlin. Der starke Mann in München, Söder, sekundiert: „Wir wollen ein konstruktiver Partner sein.“