Freut sich auf die Olympischen Spiele: Claudia Unger. Foto: red
Claudia Unger ist Landestrainerin im Eiskunstlaufen und dank ihres geschulten Blickes auch bei den Olympischen Spielen im Einsatz – als Expertin mit besonderer Aufgabe.
Mit viel Wohlwollen kann Johannes Lochner als Wahl-Stuttgarter bezeichnet werden, der Bobpilot, der bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo Gold im Zweier und Vierer holen will, startet immerhin für den BC Stuttgart Solitude. Doch als Schwabe geht Lochner keinesfalls durch, er ist Ur-Bayer mit Geburtsort Berchtesgaden. Weshalb Claudia Unger (49) die einzige Olympia-Teilnehmerin sein dürfte, die tatsächlich aus Stuttgart kommt und auch hier lebt. In Mailand ist sie in der Ice Skating Arena tätig – mit einem großen Ziel: Ausrutscher vermeiden.
Claudia Unger ist Technische Spezialistin im Eiskunstlaufen. Ihre Aufgabe besteht darin, die von den Athletinnen und Athleten auf dem Eis gezeigten Elemente (Sprünge, Pirouetten, Schrittfolgen) in Echtzeit zu identifizieren, deren Schwierigkeitsgrade festzulegen und Fehler zu sichten. Ihre Beobachtungen teilt sie per Funk den Kampfrichtern mit, die sich dank ihrer Ansagen darauf konzentrieren können, die Ausführung zu bewerten. Parallel werden die Erkenntnisse von Claudia Unger im TV-Bild eingeblendet. Benennt sie ein Element nicht gleich exakt richtig, kann dies hinterher zwar mittels Videobeweis korrigiert werden, allzu oft aber sollte das nicht vorkommen. „Unsere Verantwortung ist sehr groß, wir haben keine Zeit für lange Diskussionen“, sagt Claudia Unger, die noch eine Assistentin und einen Controller an ihrer Seite hat, „wir müssen jedes Element innerhalb von Sekunden identifizieren. Das ist ziemlich stressig, erfordert ein hohes Konzentrationsvermögen.“ Und einen über lange Zeit geschulten Blick.
Claudia Unger reist rund um den Globus
Schon mit drei Jahren stand Claudia Unger erstmals auf der Waldau auf dem Eis, war eine erfolgreiche Jugend- und Juniorenläuferin, ehe sie als 20-Jährige ihre Ausbildung zur Trainerin begann. Heute hat die Diplom-Soziologin eine 50-Prozent-Stelle als Landestrainerin, in ihrer restlichen Zeit gibt sie privaten Unterricht. Und reist als Technische Spezialistin zu Großveranstaltungen rund um den Globus.
Claudia Unger beim Jugendtraining in Stuttgart. Foto: red
Bei fünf Weltmeisterschaften und zahlreichen anderen internationalen Wettbewerben war Claudia Unger schon im Einsatz, nun erlebt sie in Mailand ihre Olympia-Premiere – mit einer Sondergenehmigung. Am Mittwoch flog sie nach Italien, wo sie die Leistungen der Frauen begutachtet. Erst am Freitag (Kurzprogramm) und am Sonntag (Kür) im Rahmen des Teamwettbewerbs, dann noch einmal am 17. und 19. Februar in der Einzelkonkurrenz. Dazwischen kehrt sie nach Stuttgart zurück, um sich um ihren Sohn (15) und ihre Tochter (10) sowie den Eiskunstlauf-Nachwuchs auf der Waldau zu kümmern. „Aus privaten und beruflichen Gründen ist es für mich nicht möglich, drei Wochen unterwegs zu sein, deshalb gibt es diese Ausnahmeregelung“, sagt Claudia Unger, die sich über ihre erste Teilnahme bei Winterspielen unglaublich freut. „Ich will dort einen guten Job machen“, erklärt die Technische Spezialistin, deren Hotel in Mailand nur fünf Minuten von der Eishalle entfernt liegt, „die Olympia-Stimmung wird überwältigend sein.“ Auch wenn sie den Höhepunkt womöglich gar nicht erlebt.
Die Kür der Männer, die dank des US-Wunderläufers Ilia Malinin und dessen Vierfachsprüngen einer der unvergessenen Momente der Spiele werden könnte, wird Claudia Unger in Stuttgart vor dem TV-Gerät verfolgen. „Was er aufs Eis zaubert, ist gigantisch“, sagt die Expertin, „er ist ein sehr lockerer Typ und wird einer der Olympia-Superstars.“ Wie vielleicht auch Johannes Lochner. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.