Pyeongchang - Der Busfahrer meint es gut mit den Journalisten, die er im olympischen Mediendorf in Gangneung eingesammelt hat. Viel zu gut. Nachdem die vermummten Gestalten endlich auf ihren Plätzen sitzen, dreht er voll auf. Und heizt ihnen mal so richtig ein. Selbst wer Schal, Mütze, Anorak und Pulli auszieht, beginnt zu schwitzen. Die Scheiben beschlagen sofort, nichts mehr ist zu sehen von der Landschaft, nichts vom Weg hinauf ins Alpensia Resort, wo in den nächsten zwei Wochen das Herz Olympias schlagen wird. Im Bus hat es 35 Grad, mindestens. Der Fahrer lacht und winkt, was er denkt, ist klar: Wenigstens bei ihm soll es jeder warm haben. Ansonsten hat die Kälte die Winterspiele fest im Griff. In jeder Hinsicht.
Während des kurzen Fußmarsches hinauf zur Bobbahn weht einem der Wind voll ins Gesicht, man hat nicht das Gefühl, teure Funktionsunterwäsche zu tragen. Auf dem Berg gegenüber ragt der Turm der Skisprungschanze hoch über die Baumwipfel, dort oben pfeift es noch viel mehr. Es dürfte minus 15 Grad haben, und der Wind verstärkt die Kälte noch. Die Athleten überlegen derzeit nicht, welche Podiumschancen sie haben, sondern wie sie sich am besten gegen den Frost schützen. Und ob sie am Freitag zur Eröffnungsfeier gehen sollen.
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Doch die Temperaturen sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die Gefühlskälte, die zunimmt. Und die auch in Pyeongchang deutlich zu spüren ist. Südkorea ist die erste Station der olympischen Asien-Trilogie. Es folgen Tokio 2020 (Sommer) und Peking 2022. Vor allem aus dem Wintersport wird die Kritik immer lauter. „Es hat eine Entzauberung gegeben“, sagt der deutsche Skistar Felix Neureuther, der als Experte für den TV-Sender Eurosport vor Ort ist: „In Südkorea wurden die Spiele einfach irgendwo hingepflanzt. Die Werte von Olympia verschwinden im Schutt.“
Der Gedanke der Nachhaltigkeit sei dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) völlig egal. „Es geht nur noch um eine gigantische Show. Und darum, möglichst viel Geld zu generieren.“ Ähnlich äußert sich Biathlon-Weltmeister Arnd Peiffer: „Wenn die Spiele vergeben werden, geht es nicht darum, ob dort tolle und faire Wettkämpfe ausgetragen werden können. Man hat sich sehr vom eigentlichen Olympia-Kern entfernt.“ Was auch Wolfgang Maier so sieht. „Das Wichtigste bei Olympia ist nicht mehr der Sportler“, kritisiert der Alpinchef des Deutschen Skiverbands (DSV): „Wenn wir so weitermachen, dann stirbt Olympia.“
„Kettensägen-Massaker“ auf dem Mount Gariwang
Die Naturschützer trauern schon jetzt – aus einem anderen Grund. Sechs der zwölf Sportstätten der Spiele in Pyeongchang mussten neu gebaut werden. Das mit Abstand umstrittenste Projekt ist die Abfahrtsstrecke in Jeongseon. Dort liegen die Stümpfe jahrhundertealter Bäume unter eineinhalb Metern Kunstschnee begraben. Der 1561 Meter hohe Mount Gariwang im Taebaek-Gebirge war der einzige Hügel in der Umgebung, auf dem eine Piste mit einer Höhendifferenz von 800 Metern angelegt werden konnte; dies verlangt das Pflichtenheft des IOC. Das Problem: Der Wald auf dem Mount Gariwang ist ein Naturschutzgebiet – historisch, kulturell und ökologisch bedeutsam, für manchen Koreaner heilig. Hier steht der weltweit größte Bestand an bis zu 500 Jahre alten Wangsasre-Birken, ein Rückzugsgebiet für seltene Tierarten. Die Bäume überstanden die Rodungen in der Kolonialzeit und im Koreakrieg. Knapp 60 000 von ihnen werden Olympia nicht überstehen, wegen ein paar Skirennen. Aktivisten sprechen von einem „Kettensägen-Massaker“.
Der Pistenbauer Bernhard Russi sieht es naturgemäß anders. „Die Natur ist in einem gewissen Maß dazu da, dass sich der Mensch in ihr bewegen kann“, sagt der Schweizer, Abfahrtsolympiasieger 1972 in Sapporo, und dann erzählt er die Geschichte vom „Magic Tree“. Eigens um den magischen Baum zu retten, der Frauen einst geholfen haben soll, schwanger zu werden, ließ er eine weitere Kurve einbauen. Das ist Umweltschutz Marke IOC. Nachhaltigkeit gibt es dagegen nur auf dem Papier. Eine nacholympische Verwendungsidee für die Piste existiert nicht. Seilbahn und Flutlichtmasten werden wohl wieder abgebaut. Ein Plan zur Wiederaufforstung erwies sich als zu teuer, weshalb die 2852 Meter lange Piste, die 160 Millionen Euro gekostet hat, wohl einfach der Natur überlassen wird.
Bestens vernetzt und technologisch auf dem neuesten Stand
Es ist ein Beispiel dafür, was bei Olympia falsch läuft. Trotzdem zweifelt niemand daran, dass die Südkoreaner in der Lage sind, perfekte Spiele zu organisieren. Die Sportstätten und Unterkünfte sind längst fertig. Sie liegen allesamt in einem Umkreis von nur 35 Kilometern rund um das Olympiastadion. Die Helfer sind so zahlreich und freundlich, dass Athleten, Funktionäre, Zuschauer und Journalisten sich vollkommen umsorgt fühlen. Die Gastgeber gaben den Spielen den Slogan „Passion.connected“ („Leidenschaft.verbunden“), sie wollen zeigen, dass sie nicht nur bestens vernetzt sind, sondern auch technologisch auf dem neuesten Stand. Es wird zwar kein Flair aufkommen wie in den Alpen oder in Skandinavien, aber immerhin drei Viertel der Eintrittskarten sind mittlerweile verkauft. Und dennoch wächst der Druck auf das IOC, endlich zu handeln.
Die Spiele in Pyeongchang werden zwar nur rund ein Viertel von Sotschi 2014 kosten, aber immer noch mindestens zehn Milliarden Euro – inklusive Infrastruktur. Das reicht nicht, um den Vorwurf des Gigantismus zu entkräften. Auch weil ihnen das finanzielle Risiko zu groß war, stiegen bei den letzten beiden olympischen Bewerbungsrunden acht Städte aus. Fünfmal wollten die Bürger nicht (unter anderem in München und in Graubünden), dreimal sagte die Politik Nein (etwa in Oslo). Als es darum ging, die Winterspiele 2022 zu vergeben, blieb dem IOC lediglich noch die Wahl zwischen Peking und Almaty/Kasachstan. Eine Folge der olympischen Geschichte, an deren Anfang zwar eine faszinierende Idee stand, die aber schon länger geprägt wird von Korruption und Doping, von Größenwahn und Enteignungen, von Macht und Geldgier.
IOC-Präsident Bach preist das Umdenken für künftige Spiele
Offenbar hat auch das IOC erkannt, dass etwas falsch läuft. In Pyeongchang wurde jetzt eine Reform mit 118 Einzelpunkten präsentiert, um wieder mehr potenzielle Ausrichter zu finden. Das IOC will künftigen Olympia-Gastgebern mehr Freiheiten gewähren, unter anderem bei der Größe der Arenen, um Kosten in Höhe von Hunderten Millionen Euro gar nicht erst entstehen zu lassen. Angepriesen hat Thomas Bach, wen wundert’s, sein neuestes Projekt als Superlativ. „Dies sind die größten Einsparungen in der olympischen Geschichte“, sagte der IOC-Präsident. „Es ist ein fundamentales Umdenken bei der Organisation künftiger Spiele. Eine neue Norm.“ Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass sich an derart markige Worte schon bald danach kaum noch jemand erinnert. Und erst recht nicht nach ihnen gehandelt wird.
Aktuell wollen vier Städte ins Rennen um die Winterspiele 2026 gehen: Calgary/Kanada, Sapporo/Japan, Stockholm/Schweden und Sion/Schweiz. Zudem erwägen Graz (zusammen mit Schladming) sowie das norwegische Telemark eine Kandidatur. Bewerbungsschluss ist Ende März. Bach wünscht sich nach den Retorten-Orten Sotschi, Pyeongchang und Peking die Rückkehr in einen klassischen Wintersportort. Innsbruck wird es nicht, dort sprachen sich zuletzt bei einem Bürgervotum 53,35 Prozent gegen eine Bewerbung aus.
München ist auch raus. Vor sieben Jahren bewarb sich die bayerische Landeshauptstadt um Olympia 2018 und scheiterte an Pyeongchang. „Diese Niederlage tut heute noch weh“, sagt Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds. Er mag gar nicht daran denken, wie es wäre, würde nun die Eröffnungsfeier im renovierten Münchner Olympiastadion bevorstehen: „Da kommt große Wehmut auf.“ Statt daheim in Bayern zittern Hörmann und die Athleten nun in Südkorea. Vor Kälte. Aber auch um die olympische Idee.