Wintersport im Wandel Die guten Jahre sind vorbei

Von Johannes Scharnbeck 

Rund sieben Millionen Deutsche sind im vergangenen Jahr alpin Ski gefahren. Deutlich weniger als in den Glanzzeiten der Neunzigerjahre.

 Foto: dapd
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Wer in diesen Tagen in den Alpen oder in anderen Wintersportgebieten Ski fahren will, muss sich auf Gesellschaft einstellen: volle Straßen, volle Parkplätze. Lange Schlangen an den Verleihstationen, lange Wartezeiten an den Liften. Natürlich sind auch die Pisten voll - und die Hütten. Die Weihnachtsferien sind eine Hochzeit für Skifahrer.

All jene, die nun im Gedränge auf den Pisten unterwegs sind, fühlen sich durch eine aktuelle Untersuchung bestätigt - zumindest auf den ersten Blick. Die bisher nur auszugsweise veröffentlichte Studie der Sporthochschule Köln, auch vom Deutschen Ski-Verband (DSV) in Auftrag gegeben, verkündet neue Zahlen. Unter dem Titel "Grundlagenstudie Wintersport Deutschland 2010" schreiben die Verfasser, dass 52 Prozent der Bundesbürger Wintersporterfahrung besitzen. Zudem seien 7,39 Millionen Deutsche, also etwa neun Prozent der Bevölkerung, 2010 Ski gefahren.

Das Ergebnis stellt die Branche zufrieden. "Eine positive Zahl, die hoffen lässt", sagt der DSV-Vizepräsident und frühere Langläufer Peter Schlickenrieder. "Eine starke Zahl, wenn man bedenkt, dass man in Deutschland nicht von überall her so einfach auf die Piste kommen kann", sagt Roland Scheuermeyer, Sprecher von Europas größtem Sporthändlerverbund Intersport. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt: die Ergebnisse verleiten nicht zur Euphorie. Denn die 7,39 Millionen Skifahrer sind selten auf den Pisten unterwegs gewesen. Die Studie nahm alle Deutschen auf, die im vergangenen Jahr mindestens einmal Ski gefahren sind. Und obwohl für diese erstmalige Kölner Umfrage keine direkten Vergleichswerte vorliegen, gibt es doch Zahlen, die darauf schließen lassen, dass mittlerweile deutlich weniger Deutsche Ski fahren als vor noch zehn oder 20 Jahren.

Zwei Drittel der Österreicher fahren nie Ski

Denn das Wiener Institut für Freizeitforschung hat in einer Studie zum Wintersportverhalten der Österreicher festgestellt: zwei Drittel aller Bürger im Nachbarland fahren überhaupt nie Ski. Ein Wert, der seit den 90er Jahren um mehr als zwanzig Prozent gestiegen ist. Professor Peter Zellmann, Leiter des Instituts, sieht für Deutschland einen ähnlichen Trend: "Die 7,39 Millionen Deutsche sind keine hohe Zahl. Vor zehn Jahren lagen die Werte noch um einen zweistelligen Prozentbereich höher."

Für den Rückgang gibt es viele Gründe. Ein Grund ist die Witterung. "Die größere Schneeunsicherheit veranlasst viele dazu, auf den Skiurlaub zu verzichten", sagt Zellmann. Eine weitere Ursache ist der fehlende Nachwuchs. "Die Bewegungsarmut in den jungen Generationen nimmt ja generell katastrophal zu", behauptet Schlickenrieder, der sich mit dem DSV mit zahlreichen Projekten an den Schulen engagiert, um diesen Trend aufzuhalten. "Es lernen zurzeit aber einfach weniger Kinder Ski fahren als noch vor einigen Jahren", sagt Zellmann.

Den Hauptgrund für die sinkende Zahl der Skifahrer betont auch die Kölner Studie: der Sport kostet zu viel. Auf die Frage, warum man im nächsten Jahr auf einen Wintersporturlaub verzichte, antworteten mit 34 Prozent der Befragten und damit die Mehrheit: es sei zu teuer. Viele können es sich angesichts der gestiegenen Kosten für Lifte, Übernachtungen sowie der teuren Ausrüstungen nicht mehr leisten.

Unter dieser Entwicklung hat in den vergangen Jahren die Skiindustrie am stärksten gelitten. "Der Weltmarkt ist in einer schwierigen Situation", sagt Wolfgang Mayrhofer. Er ist Geschäftsführer von Atomic, dem österreichischen Weltmarktführer für Alpin-Ski. "Es wird wohl nie mehr diesen Hype geben wie vor sieben, acht Jahren." Damals wurden weltweit pro Saison rund acht Millionen Paar Ski umgesetzt, 2011 werden es nur knapp mehr als drei Millionen sein. Da sind die jährlich eine Million Snowboards, die inzwischen verkauft werden, keine wirkliche Entlastung. In Deutschland entsprechen die Zahlen ebenfalls diesem Trend. Vor 20 Jahren gingen hierzulande 800.000 Paar Skier in einem Winter über den Ladentisch, mittlerweile sind es lediglich noch 330.000.

Rockertechnologie gilt als Heilsbringer

Die Skiindustrie hat sich diesem Trend mit schmerzlichen Schritten anpassen müssen. "Es ist nicht lange her, als hier eine sinnvolle Bereinigung auf Anbieterseite stattfand", sagt Scheuermeyer. "Davor haben Skimarken teilweise am Bedarf vorbeiproduziert und den Markt überschwemmt." So läuft etwa die Produktion beim einzigen deutschen Hersteller Völkl nur noch an, wenn Intersport und die übrigen Händler verbindlich bestellen.

In einem Punkt leuchten den Verantwortlichen in der Skiindustrie zurzeit jedoch die Augen: bei der neuen Rockertechnologie. Sie gilt seit dem vergangenen Jahr als der Heilsbringer schlechthin für die Hersteller. "Die Rocker sehen wir als eine große Chance für die Branche", sagt Andreas König, der Leiter des DSV-Skitests.

Das Besondere an dieser Technologie: der Rocker besitzt verkürzte Kontaktpunkte durch eine stärkere Aufbiegung vor allem im vorderen, und teilweise auch im hinteren Teil des Skis. Dadurch sind beim Aufkanten größere Spielräume möglich. Dank dieser sogenannten Servolenkung sind die Rocker besonders für Einsteiger geeignet. "Das Fahren kostet weniger Kraft, der Ski lässt Fehler zu", sagt König. "So kann man schneller reagieren."

Trotz dieser Aufbruchsignale weist der Österreicher Zellmann darauf hin: "Wachstum wird es keines mehr geben." Den Optimismus hat aber auch er nicht verloren: "Die Sorgen des Skisports sind alle noch zu meistern."