Wir können alles außer Hochdeutsch Ex-Taxifahrer sucht Fotos von seinem Taxi mit Kult-Werbeslogan

Als einziger durfte Taxifahrer Peter Fritschi mit dem Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ werben. Foto: Taxi

Mit seinem Taxi schrieb ein Stuttgarter Werbegeschichte. Heute sucht er das verschollene Foto – und hofft auf Hilfe aus der Stadt.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Sein Auto war eine rollende Visitenkarte des Landes: Ende der 1990er-Jahre fuhr in Stuttgart ein Taxi, auf dessen Türen ein Satz stand, der Baden-Württemberg bis heute prägt: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Der Mann am Steuer: Peter Fritschi, heute 76 Jahre alt, damals Taxifahrer – und der einzige Kleinunternehmer, dem das Staatsministerium erlaubte, diesen Landes-Slogan auf seinem Fahrzeug zu führen.

 

Was als pfiffige Idee des Urschwaben begann, wurde zu einem kleinen Kapitel Stuttgarter Werbe- und Alltagsgeschichte. Heute sucht Fritschi verzweifelt nach einem Foto aus dieser Zeit – und hofft dabei auf Hinweise aus der Stadt. „Irgendein Stuttgarter hat dieses Taxi damals fotografiert“, ist er überzeugt. „Am Bahnhof, am Flughafen, irgendwo.“

Eine pfiffige Idee schreibt Stadtgeschichte

Fritschi hatte den Slogan gesehen, mochte ihn sofort – und griff zum Stift. Er schrieb an das Staatsministerium und schlug vor, den Spruch auf seinem Taxi zu zeigen. Nicht als Massenwerbung, sondern bewusst exklusiv. Die Reaktion fiel überraschend positiv aus: „Die Idee, unseren Werbeslogan auf Ihr Taxi drucken zu lassen, gefällt uns sehr gut“, heißt es in einem Schreiben vom 29. Mai 2000, das unserer Redaktion vorliegt.

Dieses Foto zeigt die Tür des „Baden-Württemberg“-Taxis. Foto: Peter Frischi

Es folgte ein offizieller Werbevertrag. Das Land Baden-Württemberg buchte alle vier Türen seines Mercedes 190 (Taxifarbe: Hellelfenbein) als Werbefläche – für 120 D-Mark pro Monat, über zwölf Monate. Dazu kamen Mützen, Kugelschreiber, Prospekte, T-Shirts. Selbst eine exklusive Telefonleitung wurde eingerichtet. In Fritschis Antwortschreiben ist ein Satz unterstrichen: „Die Nummer bleibt geheim.“

Taxifahrer als Botschafter fürs Ländle

Wer bei Fritschi einstieg, bekam mehr als eine Fahrt. Geschäftsleute, Politiker, Nachtschwärmer, US-Soldaten, Gestrandete – sie alle hörten irgendwann diesen Satz. „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Fritschi erklärte ihn, übersetzte ihn, erzählte Anekdoten dazu.

„Als einfacher Taxifahrer habe ich diesen Slogan in unzähligen Gesprächen in die Welt getragen“, sagt er. Für ihn war das Taxi nie nur ein Transportmittel, sondern ein Ort der Begegnung – und ganz nebenbei eine sehr persönliche Form von Landeswerbung.

Höhepunkt der Aktion war ein professionelles Fotoshooting. Auf Anweisung des Staatsministeriums fuhr Fritschi mit frisch gewaschenem Taxi nach Ludwigsburg. Dort wurde das Fahrzeug im historischen Umfeld des Residenzschlosses von Fotografen in Szene gesetzt.

Das Foto, das verschwunden ist

Doch genau dieses Foto ist heute nicht mehr auffindbar. Weder im Archiv des Staatsministeriums noch bei der beteiligten Agentur Scholz & Friends. Auch eine Anfrage bei der Stadt Ludwigsburg blieb ohne Ergebnis. Das Staatsministerium teilt dazu mit: „Wir haben das Archiv bis in die Tiefe durchforstet und auch bei der Agentur nachgefragt, ohne dabei allerdings belastbare Erkenntnisse zu gewinnen.“

Ex-Taxiunternehmer Peter Fritschi arbeitet heute als freier Journalist. Foto: Peter Fritschi

Für Fritschi ist das verlorene Foto mehr als Nostalgie. „Es erzählt eine wunderbare Geschichte“, sagt er. Und fügt hinzu: „Eine Geschichte von Stolz, Selbstironie und schwäbischem Selbstbewusstsein.“ Deshalb wendet er sich nun bewusst an die Öffentlichkeit. Fritschi, der heute als freier Journalist für die Waldeckische Landeszeitung schreibt, hofft auf Hinweise aus Stuttgart.

Ein Aufruf an die Öffentlichkeit

Das Staatsministerium ordnet rückblickend ein: „Die Kampagne ‚Wir können alles. Außer Hochdeutsch.‘ hat das Standortmarketing von Baden-Württemberg begründet.“ In einer Studie der Universität Hohenheim belegte der Slogan 2017 Platz eins unter allen Bundesland-Claims.

Heute wirbt das Land mit „The Länd“. Eine Internationalisierung, wie das Ministerium erklärt. Ex-Taxifahrer Fritschi sieht das kritisch. „Damit könnte ich mich nicht identifizieren“, sagt er. Der alte Satz hingegen sei ehrlich gewesen – aus der Region heraus entstanden, nicht aus dem Marketinglabor.

Die Verträge sind gefunden, die Briefe archiviert. Nur das Foto fehlt. Noch. Vielleicht liegt es auf einem Dachboden, in einer Kiste, in einem alten Fotoalbum. Für Fritschi wäre es ein Glücksfall. Für Stuttgart ein kleines Stück Erinnerung.

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