Stuttgart - Eine richtig schöne Idee für eine Komödie hat sich Ralf Westhoff in seinem Stück „Wir sind die Neuen“ ausgedacht. Er lässt eine unerträglich fidele Alten-WG auf eine noch unerträglichere erzbiedere Jungen-WG los. Das geht so: Anne, früher Biologin, überredet Johannes, einen Rechtsanwalt im Ruhestand, und den pensionierten Lehrer Eddie, mit ihr eine Wohnung zu suchen und die goldenen alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, als die drei als Studenten vor 45 Jahren in einer WG zusammenlebten. Anne muss aus ihrer Wohnung ziehen, kann sich alleine keine neue leisten und sucht eine Spar-Lösung für ihr Wohnproblem. Johannes hat als Anwalt nicht so sehr aufs Geld geschaut und macht mit, ebenso der schwer kranke Eddie.
Für die Bühnenversion des gleichnamigen Films aus dem Jahr 2014, dessen Regisseur auch Stückautor Ralf Westhoff war, hat Thomas Pekny in der Komödie im Marquardt eine klare Bühne gebaut. Auf ihr steht ein klassischer WG-Küchentisch, dahinter führen Türen auf Balkone und in ein Treppenhaus. Die drei Alten kippen eifrig Rotwein, palavern deutlich über Zimmerlautstärke und lassen heftig Rock-Oldies laufen. Die drei jungen Studenten über ihnen, der pomadig-steife Thorsten (Florian Gierlichs), die polterige Barbara (Julie Stark) und Katharina (wundervoll eisig: Katarina Schmidt) führen sich auf wie die schrecklich autoritären Nachkriegseltern von WG-Mitgliedern der Siebzigerjahre. Ausgerechnet die Jungen beschweren sich aggressiv über den Lärm der putzmunteren Alten, wollen die bejahrten Selbstverwirklicher zur Kehrwoche nötigen und werden auch richtig gemein, beschimpfen ihre Nachbarn als „Armen-WG“.
Joachim H. Luger im Studenten-Outfit der Siebziger
Bei einer Satire nennt man das verkehrte Welt. Westhoffs Stück ist eine Groteske, denn so überdrehte Ex-WGler gibt es doch gar nicht, und derart zwanghafte Gegenwartsstudierende auch nicht. Aber „Wir sind die Neuen“ ist eine Komödie, und sie funktioniert im Marquardt prächtig, das Publikum geht vergnügt mit. Sorgfältig hat Andrea Gravemann die Kostüme gestaltet, es ist rührend, wenn Johannes im Studentenhabit der Siebziger über die Bühne hüpft.
Es läuft natürlich dann wie im Märchen, alles wird gut. Die herzlos daherschwadronierenden Jungen enthüllen irgendwann heulendes Elend, und die Alten müssen ihnen papi- und mamihaft helfen. Doch in Westhoffs Stück ist nicht alles bloß komisch. Es wird auch Ernsthaftes verhandelt, wenn die Alten teils sentimental, teils schonungslos Rückschau auf ihr Leben halten. Und die Dialoge kontrastieren ziemlich kantig hart Jung und Alt. Lutz Reichert als Eddie brüllt zu oft und gibt der Figur dennoch eine klare Kontur. Leicht überdreht, aber sehr amüsant agiert Joachim H. Luger, der als Hans Beimer in der Fernsehserie „Lindenstraße“ bekannt wurde. Ganz wunderbar spielt Simone Rethel die Anne als etwas betuliche und zugleich sympathisch optimistische Frau. René Heinersdorff (Regie) hat Westhoffs Groteske ein wenig zu grell inszeniert, doch der Witz der Dialoge zündet, das Stück macht Spaß.