Wir und unsere Weltbilder Sieht man nur gut, was man sowieso im Herzen hat?

So harmonisch! Blick auf den Schwarzwald Foto: dpa/Daniel Naupold

Ein Journalist, ein Migrant und zwei Rentner gemeinsam im Regionalzug im Schwarzwald – und schon prallen die Weltbilder aufeinander, berichtet unser Kolumnist.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Es ist für unsere Gesellschaft ungeheuer wichtig, dass wir alle die Dinge unvoreingenommen, ehrlich und noch dazu differenziert betrachten. Aber manchmal ist die Lage auch in frappierender Weise genau so, wie man sie sich immer vorgestellt hat. Beispiel gefällig?

 

Kürzlich war ich auf 49-Euro-Ticket im Schwarzwald unterwegs: Mir schräg gegenüber sitzt im Zug ein junger Mann, dem spontanen Augenschein nach migrantischer Herkunft, denn er ist über ein einschlägiges Sprach-Arbeitsbuch aus dem Hause Klett gebeugt und füllt Kästchen aus; das alles hoch konzentriert. Er merkt, dass ich rüber linse, worum es bei ihm gerade geht: „Die Bundesländer und ihre Hauptstädte“.

Alles wird teurer – auch auf Mallorca!

Derweil treffen sich nebenan parallel zwei ältere Herren wohl aus der Gegend, der eine mit schwerem E-Bike versorgt, der andere in rustikaler Kluft und mit Walking-Stöcken. Ihr Gespräch ist mühelos mithörbar: Kürzlich war der Wanderer wieder „ein paar Wochen“ auf Mallorca, aber es gab Probleme: „Da ist jetzt auch alles nur noch teuer“, klagt er. „Essen, Trinken, Schnitzel, Pizza, Torte, du glaubst es nicht. Die ziehen uns das Geld...“ An der Stelle blickt der junge Mann auf und traut sich, mir eine Frage zu stellen. „Wiehsbaahden?“ Wie meinen? „Hauptstadt von Hessen Wiehsbaahden? Nicht Frankfurt?“ Ja, ich fand diese Vorstellung auch stets seltsam, aber nicke zustimmend.

Derweil schallt es von den beiden Herren laut herüber: „Gendern!“ Keine Ahnung, wie sie so schnell von Mallorca zu diesem Thema gekommen sind, aber es erregt sie fortan noch mehr als die Inflation in Spanien. „Das Maul wollen sie uns verbieten. Nichts darfst Du mehr sagen. Nur noch duck dich, duck dich.“ Die Sätze werden nun immer kürzer und verlangen in der schriftlichen Wiedergabe nach vielen Ausrufezeichen. „Die Dicke bei den Grünen! Und überhaupt diese Grünen! Und der Habeck! Und wenn der Habeck den Mund aufmacht, ich krieg sofort den Hals! So’n Hals!“

Das erste Bier schon vor elf

Da kommt Aufmunterung aus der Nähe: „Bremen und Bremerhaven sind ein Zwei-Städte-Staat, die Hauptstadt heißt Bremen“ sagt der junge Mann perfekt betont wie von einer Audiodatei auswendig gelernt, und ich kann ihm dazu nur gratulieren, denn dieser Tatbestand ist selbst unter den Kollegen in einem südwestdeutschen Medienhaus nicht vielen geläufig. Über alledem haben wir die Haltestelle „Freudenstadt Stadt“ erreicht und die beiden Herren entscheiden sich spontan, vorzeitig auszusteigen: „Ich brauch jetzt erst mal ein Bier“, sagt der Wanderer. Es ist halb elf am Vormittag.

Was macht man mit einer solchen Geschichte? Was macht man, wenn man im Alltag, ohne es zu wollen, einfach so seinen Realität gewordenen Vorurteilen begegnet, also dem, was sich geschmeidig ins eigene Weltbild fügt? Viele aus meinem Umkreis werden die Geschichte glauben. Viele andere, die es hier lesen, werden denken: Boah, ist das schlecht konstruiert. „Darüber kannst Du höchstens eine Kolumne schreiben“, höre ich abends nach der Rückkehr in die Landeshauptstadt. Was hiermit geschehen wäre. In anderen Kolumnen dann anderes.

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