Dass es sich bei Rudersberg um den Nabel der Welt handelt, kann wohl keiner behaupten. Die Gemeinde, circa zehn Kilometer nördlich von Schorndorf gelegen und Heimat für 11 300 Menschen, sorgt nicht gerade für Schlagzeilen im Wochenrhythmus. Immerhin, überregional bekannt wurde sie durch ihre Vorreiterrolle bei der Einführung des Shared-Space-Konzepts, also der Rücksichtnahme der verschiedenen Verkehrsteilnehmer im Ortskern.
Was Menschen vor Ort kaputt macht
Für manche aus anderen Bundesländern stammende Wesen ist der Umzug in diesen am westlichen Rand des Welzheimer Wald gelegenen Flecken jedoch eine ernüchternde Erfahrung. So hat es offenkundig auch Martin Kaufmann empfunden, als er im Frühjahr 2007 die Bürgermeisterwahl in Rudersberg gewann. Wobei, so ganz neu war die schwäbische Materie doch nicht, war der aus dem niedersächsischen Goslar stammende Kaufmann zuvor doch drei Jahre lang Kämmerer in der 3000-Einwohner-Gemeinde Tuningen im Schwarzwald-Baar-Kreis gewesen.
Dass derzeit Erinnerungen an den Ex-Schultes, der 2017 den OB-Sessel in Leonberg eroberte, in Rudersberg wieder hochkommen, hat mit einem Buch zu tun – für das er offenkundig trotz seiner zeitfressenden Tätigkeit als Verwaltungschef einer Stadt mit 48 000 Einwohnern noch Muse hatte. Als Titel hat Martin Georg Cohn – diese Namensänderung hat er vor einiger Zeit veranlasst –ein deftiges Schlagwort gewählt: „Vetternwirtschaft!“ Untertitel: „Was Menschen vor Ort brauchen und was sie kaputt macht.“
Kleiner Kulturschock fürs „Nordlicht“
Darin prangert Cohn zahlreiche Missstände in seiner aktuellem Wirkungsfeld in Leonberg und speziell im Gemeinderat an, was dort ziemlichen Aufruhr verursachte. Einige Urteile lassen sich allerdings auch Rudersberg und dem Rems-Murr-Kreis zuschreiben, wo Kaufmann einige Jahre auch als Vorsitzender der Kreistags-SPD maßgeblich aktiv war. Er müsse „ehrlich gestehen“, berichtet der Diplom-Verwaltungswirt, dass er den Wechsel vom Norden in den Südwesten der Bundesrepublik als „kleinen Kulturschock“ empfunden habe. Im „Ländle“ gehe es um „persönliche Sympathien oder Antipathien“ und weniger um Sachargumente.
Inwieweit er die Leonberger „Vetterleswirtschaft“ auch schon beim ersten Schultesjob als prägend empfunden hat, bleibt in seinem 188 Seiten starken Buch etwas diffus. „In den ländlichen Regionen, diese Erfahrungen habe ich in Tuningen und in Rudersberg gemacht, sitzen in den Gemeinderäten fast ausschließlich die ,Stimmenkönige‘. Das sind Menschen, die von Berufs wegen viel Kontakt zu anderen Menschen haben, welche ihnen zudem vertrauen – Ärzte, Apotheker und selbstständige Handwerksmeister. Hinzukommen dann noch Landwirte.“
Alles ist gesagt, nur nicht von jedem
Seine Schilderungen einer typischen Gemeinderatssitzung jedenfalls treffen auf viele Lokalparlamente zu: „Auch wenn bereits alles gesagt wurde, was es zu einem Thema zu sagen gibt, ist keineswegs Schluss mit der Debatte, denn es wurde ja noch nicht von jedem Einzelnen zur Sprache gebracht.“. Viel zu oft gehe es „um persönliche Selbstdarstellung oder politische Nabelschau als um den Wunsch, tatsächlich etwas Wertvolles und Brauchbares zur Entscheidungsfindung beizutragen.“
In Leonberg hat sich Cohn mit diesem Rundumschlag wenig Freunde gemacht. Ist der Schwabe als solcher missgünstig und neidisch? Werden politische Entscheidungen lieber im Hinterzimmer statt auf offener Ratsbühne getroffen? Und ist der Gemeinderat für so manchen ein ideales Gremium, um geschäftliche Vorteile in Form von Informationsvorsprüngen und Kontakten zu bekommen? „All diese Fragen beantwortet der Leonberger Oberbürgermeister durchaus mit Ja“, urteilt die Leonberger Kreiszeitung. Auch bei der kürzlichen Haushaltsdebatte erkannte der Berichterstatter Unverständnis bei vielen Stadträten darüber, „dass sich der Oberbürgermeister in dieser schwierigen Lage als Autor profilieren will und dabei Teile des eigenen Rats schlecht macht“. Die genannte schwierige Lage betrifft die Dauerfehde zwischen Cohn und seiner Stellvertreterin, der Ersten Bürgermeisterin Josefa Schmid, die ihm vorwirft, sie wegen seines Bußgeldverfahrens wegen zu schnellem Tempo instrumentalisiert zu haben.
Sternstunden in Rudersberg
Da war’s in Rudersberg doch fast Gold. So beschreibt Cohn in einem Buchkapitel dortige „Sternstunden“: „Ich habe es in meiner Zeit als Bürgermeister in Rudersberg gelegentlich erlebt, wie wohltuend und konstruktiv es sein kann, wenn alle demokratischen Kräfte im Gemeinderat abseits parteipolitischer Zankereien gemeinsam am Strang einer sinnvollen Sache ziehen.“ Na, wenigstens „gelegentlich“ war’s in Rudersberg alles in Butter.
Übrigens, ein Ladenhüter ist „Vetternwirtschaft“ offenbar nicht: Die Buchhändlerin musste erst den zweiten Großhändler bemühen, um Cohns Werk für den am vermeintlich schwäbischen Klüngel interessierten Leser bestellen zu können.