Wirbel um Medizintechnikfirma Ex-EnBW-Chef Claassen im Visier der Justiz

Auszeichnung für Syntellix: Utz Claassen (links) mit Günther Oettinger Foto: Syntellix

Wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ermitteln Staatsanwälte gegen Utz Claassen. Der nennt die Vorwürfe haltlos – und sieht weiter beste Perspektiven für seine Medizintechnikfirma.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Wie es sich anfühlt, ins Visier der Strafjustiz zu geraten, weiß Utz Claassen (60) seit seiner Zeit als Chef des Energiekonzerns EnBW. Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen ihn, weil er Politikern aus Land und Bund Freikarten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 avisiert hatte. Es kam zur Anklage wegen des Vorwurfs der Vorteilsgewährung, den Claassen entrüstet zurückwies, und zum Prozess vor dem Landgericht. Dort wurde er freigesprochen – ein Urteil, das der Bundesgerichtshof später, mit einigen kritischen Anmerkungen, bestätigte.

 

Nun, anderthalb Jahrzehnte danach, ist Claassen erneut im Visier der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen ihn als Vorstandschef seiner Medizintechnikfirma Syntellix, gegen ein aktives und ein ehemaliges Vorstandsmitglied sowie gegen eine Prokuristin. Es gehe um den Anfangsverdacht der Insolvenzverschleppung und des Betruges, teilt eine Sprecherin mit. Mehrere mutmaßlich Geschädigte hätten Anzeige erstattet, man habe den Beschuldigten Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben und warte nun auf die Einlassungen der Verteidiger. „Es gilt die Unschuldsvermutung“, betont die Behörde. Die Vorwürfe seien „vollkommen haltlos“, retourniert Claassen, und würden allesamt ausgeräumt. Von einem Insolvenzantrag will er nichts wissen. Und: „Wo es keine Insolvenz gibt, kann es keine Insolvenzverschleppung geben.“

Die Nachfrage bricht wegen Corona ein

Unstrittig dürfte sein, dass die Syntellix AG gerade eine schwierige Phase durchlebt. Dabei klingt ihre Geschäftsidee nach wie vor einleuchtend: Sie entwickelt und produziert medizinische Schrauben aus einer besonderen Magnesium-Legierung, die sich nach Operation und Heilung im Körper auflösen; ein zweiter Eingriff zur Entnahme wird überflüssig. Aus der Wissenschaft gebe es dafür beste Bewertungen, heißt es in Hannover, und der Markt dafür sei gigantisch: Nach der Zulassung auch für Indien und Brasilien umfasse er fast vier Milliarden Menschen. Von den Perspektiven des 2008 gegründeten Unternehmens schwärmte Claassen denn auch stets in den höchsten Tönen.

Zunächst war der oft als „schillernd“ charakterisierte Manager Aufsichtsratschef, 2018 übernahm er dann den Vorsitz des Vorstandes. Das Kontrollgremium führt nun seine Ehefrau Annette Claassen.

Mit der Coronapandemie begann für Syntellix eine kritische Zeit. Die Krankenhäuser konzentrierten sich auf die akute Versorgung, planbare Operationen wurden weltweit abgeblasen und auf später verschoben. Die Nachfrage nach medizinischen Schrauben brach ein – und die Firma geriet in Liquiditätsschwierigkeiten: Gehälter kamen verspätet oder gar nicht, Rechnungen blieben unbezahlt. In Hannover beschäftigten offene Forderungen zusehends die Gerichte, doch mehrere Insolvenzanträge wurden zurückgenommen oder für erledigt erklärt.

Warten auf den internationalen Investor

Claassen aber gab sich unbeirrt: Wenn man das Tal durchschritten habe, so sinngemäß seine Botschaft, gehe es wieder kräftig aufwärts; die Perspektiven von Syntellix seien „besser denn je“. Wiederholt kündigte er den Einstieg eines internationalen Investors an, der sich mit einem zweistelligen Millionenbetrag engagieren wolle. Doch der angeblich kurz bevorstehende Zufluss verzögerte sich immer wieder. Noch wird offenbar damit gerechnet – aber es wachsen auch Zweifel.

Hinter den Kulissen geht es derweil hoch her, wie schon öfter in der Geschichte von Syntellix. Aus dem Aufsichtsrat gab es nach Informationen des „Handelsblatts“ massive Kritik an Claassens Amtsführung. Der Unternehmer Winfried Hüser, selbst mit Millionen investiert, monierte in einem Brief schwere Versäumnisse und Verstöße. Sein Fazit: Man müsse aufpassen, keine „zweite Wirecard“ zu werden.

Claassen wies alles brüsk zurück und erhob seinerseits Vorwürfe gegen Hüser; geplant war angeblich sogar dessen Abberufung. Zugleich wurden viele Dokumente und pikante Details an die Öffentlichkeit lanciert – etwa die Geschichte mit dem blauen Maserati, der 2021 als Dienstwagen für Claassen angeschafft worden sei. Als die Raten für den Leasingvertrag ausblieben, forderte die Bank laut „Handelsblatt“ die Rückgabe des Wagens. „Was soll ich tun“, habe der Fahrer gefragt. Claassens Antwort: „Bullshit, nicht reagieren.“ Am Ende habe ein Inkassodienst das Fahrzeug abgeholt.

Ex-Deutsche-Bank-Chef verlässt Aufsichtsrat

Inzwischen sind nach Informationen unserer Zeitung vier Aufsichtsräte zurückgetreten – darunter auch Hüser, der auf eine Anfrage nicht reagierte. Der prominenteste Abgang wird indes offiziell bestätigt: Es sei zutreffend, „dass ich dem Aufsichtsrat der Syntellix AG nicht mehr angehöre“, schrieb Jürgen Fitschen, einst Co-Chef der Deutschen Bank und zuletzt Vize im Kontrollgremium. „Weitere Angaben gibt es von meiner Seite nicht“, dafür bitte er um Verständnis.

Als Fitschen 2018 in das Gremium eintrat, hatte Claassen jubiliert: Sein Bekenntnis zum Unternehmen sei ein „Paukenschlag“ und ein „absoluter Glücksfall“. Mit seinen Erfahrungen in der Finanzwelt sei Fitschen auch für den geplanten internationalen Börsengang höchst hilfreich. Zu seinem Rückzug und dem der Kollegen gibt es von der Chefaufseherin Annette Claassen keinen Kommentar. Sie verweist auf ihre Pflicht zur Verschwiegenheit, ebenso wie der renommierte Stuttgarter Wirtschaftsanwalt Matthias Schüppen, der den Aufsichtsrat ebenfalls verlassen haben soll.

Die Staatsanwälte in Hannover hoffen derweil, noch in diesem Jahr klarer zu sehen. In etwa zwei Monaten laufe die Frist für die Verteidiger ab, so die Sprecherin, dann könne man erneut nachfragen.

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