Die Wende kann gelingen – doch dafür braucht es auch ein besseres öffentliches Bild von Unternehmern im Kreis, sagen Axel Kunkel und Sigrid Zimmerling. Foto: Andreas Dalferth
Ein Detroit 2.0 werde es nicht geben, sagt Axel Kunkel – dennoch ist seine Analyse düster. Jetzt komme es auf Einsatz und Zusammenhalt von Unternehmern und Beschäftigten an.
Das ist mehr als eine konjunkturelle Schwächephase für die Wirtschaft im Landkreis Ludwigsburg. Axel Kunkel, Präsident der Industrie- und Handelskammer im Raum Ludwigsburg, spricht von einer Krise historischen Ausmaßes: In Gesprächen mit Unternehmern falle immer wieder der Vergleich mit der schwersten wirtschaftlichen Lage seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Folgen sind bereits sichtbar. Unternehmen bauen Stellen ab, Investitionen werden zurückgestellt – und immer häufiger steht eine Frage im Raum: Bleibt die Produktion im Landkreis oder wandert sie ab? Spätestens in fünf Jahren dürfte sich laut Kunkel zeigen, ob die Transformation der Industrie gelingt – oder ob der Standort Ludwigsburg nachhaltig an Substanz verliert. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch mit dem IHK-Präsident und IHK-Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling.
1. Die Krise der Industrie trifft alle
Die aktuelle Lage trifft die klassischen Stützen der Region besonders stark: die Industrieunternehmen aus Automobilbranche und Maschinenbau. „Und das strahlt auf viele andere Bereiche aus“, sagt Kunkel. Denn die Krise endet nicht am Werkstor. Sie zieht sich durch die gesamte regionale Wirtschaft: Speditionen, Handwerksbetriebe, IT-Dienstleister, Beratungen, Reinigungsfirmen und selbst die Gastronomie hängen direkt oder indirekt an der Industrie.
Was lange ein Vorteil war, wird nun zur Herausforderung: die starke industrielle Prägung des Landkreises. „Wir sind ein Industrielandkreis, kein Start-up-Landkreis“, sagt Zimmerling. Neue, schnell wachsende Geschäftsmodelle, die kurzfristig für zusätzliche Wertschöpfung sorgen könnten, seien bislang kaum in Sicht.
Die Konsequenzen zeigen sich bereits deutlich. In vielen Betrieben wird Personal abgebaut, bei Bosch in Schwieberdingen beispielsweise 1600 Stellen bis 2030 – und ein Ende des Abbaus ist laut Kunkel noch nicht absehbar. Die Kapazitätsauslastung liege aktuell bei nur rund 76 Prozent. „Die Maschinen stehen still, aber das Personal ist noch da. Das können sich Unternehmen auf Dauer nicht leisten.“
2. Entscheidende Jahre für Produktionsverlagerungen
Der Stellenabbau ist für viele Unternehmen schmerzhaft – doch das eigentliche Risiko liegt tiefer: in der Abwanderung von Produktion. Mit Mann+Hummel, Bosch und Feintool haben bereits mehrere große Namen ihre Fertigung ganz oder teilweise aus der Region verlagert. Weitere könnten folgen.
„Unsere Umfragen zeigen, dass in den nächsten fünf Jahren wesentliche Standortentscheidungen getroffen werden“, sagt Kunkel. Was einmal verlagert sei, komme in der Regel nicht zurück. Genau darin liegt die Brisanz: Die Region steht vor einer Phase, in der sich entscheidet, ob industrielle Wertschöpfung dauerhaft verloren geht – oder gehalten werden kann.
3. Iran-Schock auch im Landkreis
Wer glaube, die Folgen des Iran-Krieges würden an der Wirtschaft im Landkreis vorüber ziehen, der irrt. „Der Krieg beeinflusst die Unternehmen massiv“, sagt Kunkel. Allein, dass der Flugfrachtverkehr in Dubai gestört ist, habe enorme Auswirkungen auf die Lieferketten. Hinzu kommen hohe Energiepreise, die bereits vor der Eskalation belastend waren.
4. Was können Unternehmen nun tun?
Die IHK-Bezirkskammer berät aktuell Unternehmen aktiv, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Weg von der Automobilindustrie, hin zu Zukunftsbranchen wie der Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung.
Positivbeispiele wie das Unternehmen Rigo aus Sersheim, das mittlerweile Teile für Satelliten herstellt, nähren die Hoffnung, dass „neue Ökostysteme entstehen, in denen sich die Unternehmen über ihre Best-Practice-Rezepte austauschen können“, sagt Zimmerling.
„Das wird nicht für jeden funktionieren“, stellt Kunkel klar. Hohe regulatorische Anforderungen, lange Entwicklungszeiten und große Investitionen machen den Einstieg in viele dieser Branchen schwierig.
5. Es braucht keine Optimisten, sondern Possibilisten
Trotz der angespannten Lage geben sich Kunkel und Zimmerling nicht fatalistisch. Die Region bringe vieles mit, um die Transformation zu schaffen: eine starke industrielle Basis, Innovationskraft und gut ausgebildete Fachkräfte.„Ein Detroit 2.0 wird es hier nicht geben“, sagt Kunkel. Dafür sei die Wirtschaftsstruktur zu breit aufgestellt und die Kompetenz zu groß.
Gleichzeitig appelliert er eindringlich an die Verantwortlichen – vom Firmenboss bis zum Arbeiter. „Es muss klar sein, dass man nur zusammen den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Jeder ist gefragt, in den kommenden Jahren Engangement und Einsatz zu zeigen.“ Es brauche keine Pessimisten oder Optimisten, sagt Kunkel – sondern Possibilisten, die mit positiver Grundhaltung gestalten.
Kunkel und Zimmerling beim IHK Jahresempfang vergangenen März. Foto: Dalferth
Dabei wirbt er für ein positiveres Bild der Unternehmer in der Region: Gerade im Landkreis würden viele familiengeführte Mittelständler das Bild prägen. „Ihr Fokus liegt nicht auf kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern auf langfristiger Wertschöpfung, sicheren Arbeitsplätzen und Verantwortung für kommende Generationen.“
Für viele wäre es aktuell das einfachste, die Produktion ins Ausland zu verlagern – viele würden aber an der Wertschöpfung vor Ort festhalten. Dieses lokale Unternehmertum und die weitgehende Unabhängigkeit von ausländischen Konzernen und Investoren seien ein großer Vorteil, den es zu verteidigen gilt.
Lob für Grüne und CDU
Sondierungspapier Axel Kunkel hat am Rande des Pressegesprächs auch das zuletzt erschienene Sonderungspapier der möglichen neuen Landesregierung gelobt. „Die Wirtschaft wird an erste Stelle gesetzt“, sagte Kunkel. „Die Probleme werden klar benannt – das begrüßen wir.“
Bürokratie Besonders bemerkenswert bezeichnete Kunkel das geplante „Effizienzgesetz“. Demnach sollen bis Ende 2027 sämtliche landesrechtlichen Berichts- und Dokumentationspflichten automatisch ablaufen. Wie groß diese bürokratische Entlastung für Unternehmen am Ende tatsächlich ausfällt, sei fraglich. Dennoch ist das laut Kunkel ein starkes Signal an die Wirtschaft.