Wirtschaft in Stuttgart Automotive-Stärke wird zur Herausforderung
Der aktuelle Strukturbericht für die Region Stuttgart weist auf zahlreiche Risiken hin, die den Wirtschaftsstandort nachhaltig gefährden können.
Der aktuelle Strukturbericht für die Region Stuttgart weist auf zahlreiche Risiken hin, die den Wirtschaftsstandort nachhaltig gefährden können.
Wie gut ist die Wirtschaft in der Region Stuttgart trotz aller Krisen auf den anstehenden Transformationsprozess vorbereitet? Und wie widerstandsfähig und flexibel sind die Unternehmen?
Diese Frage haben sich die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, die IG Metall und der Verband Region Stuttgart gestellt. Am Freitag haben das von ihnen beauftragte Stuttgarter IMU-Institut und das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung die Ergebnisse des diesjährigen „Strukturberichts Region Stuttgart“ präsentiert. Für Michael Kaiser, den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, ist der Strukturbericht „eine wertvolle Bestandsaufnahme und bietet die Chance, mittel- und langfristig Entwicklungen zu verbessern“.
In der Beurteilung der Ist-Situation bietet das Papier sehr präzise, aber wenig neue Erkenntnisse: Stuttgart ist demnach immer noch eine wirtschaftlich starke, international vernetzte und hochinnovative Region. Wörtlich heißt es: „Bestens ausgebildete Fachkräfte, eine ausdifferenzierte Unternehmenslandschaft, ein hohes Lohnniveau und eine in vielen Bereichen hochwertige Standortqualität kennzeichnen die Wirtschaft und den Lebensstandard in der Region.“
Dennoch, betonte Alexander Lahl, der Direktor des Verbands Region Stuttgart, gebe es enorme Herausforderungen: „Es gibt in der Bevölkerung keine Mehrheiten mehr für Gewerbeflächen vor der eigenen Haustür“, stellte er fest. Daran werde sich so schnell nichts ändern. Zudem seien viele Unternehmen durch die hohe Exportabhängigkeit stark von weltwirtschaftlichen Veränderungen abhängig. Erschwerend komme hinzu, dass der Automotive-Sektor und der Maschinenbau die Wirtschaft in der Region weiterhin dominieren – und das sogar mit steigender Tendenz. Mittlerweile betrage der Anteil der beiden klassischen Wirtschaftszweige am Umsatz der verarbeitenden Industrie rund um Stuttgart rund 70 Prozent.
Spannend sind die Handlungsempfehlungen der Experten: Weil fehlende Fach- und Arbeitskräfte ein zentraler Risikofaktor für die Region Stuttgart sind, müssten gerade auf diesem Gebiet die ohnehin bestehenden Bemühungen um die Gewinnung von Experten intensiviert werden. Ziel müsse unter anderem sein, Frauen schneller als bisher den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Dem Ausbau einer zuverlässigen Betreuungsinfrastruktur komme dabei eine zentrale Rolle zu.
Auch in den Bereichen Ausbildung, berufliche Bildung, Aufstiegsqualifizierung und Personalentwicklung gebe es noch Luft nach oben, betonte Peter Friedrich, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Die Ausbildung müsse durch gute Rahmenbedingungen – wie dem Ausbau des Azubi-Wohnens, der Digitalisierung und eines noch besser geschulten Ausbildungspersonals – verbessert werden. Ähnliches gelte für die Durchlässigkeit von Bildungswegen und die Verzahnung von beruflichen und akademischen Bildungsangeboten.
Weiterbildung müsse in allen Unternehmen zum Standard, ein Anreiz zur Fortbildung geschaffen werden. Diese müsse möglichst breit angelegt sein. So sollten die Mitarbeiter nicht nur für die aktuellen Herausforderungen geschult werden, sondern auch Fähigkeiten erwerben, die für die Bewältigung des technischen Wandels benötigt werden. So könnte der Beschäftigungsübergang zwischen unterschiedlichen Wirtschaftssektoren erleichtert werden.
Ein weiteres Handlungsfeld sieht die Studie im Feld der Innovationen. Wichtig sei, deutlich mehr Geld für Zukunftstechnologien zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag: Ein Innovationscampus als Schaufenster für neue Technologien könnte das Wir-Gefühl der Menschen in der Region stärken und die Attraktivität für innovative Ansiedlungen erhöhen. Wenn es dann noch gelänge, Flächen für die Entwicklung von Wohnraum und Gewerbe zu schaffen, die Mobilität zu gewährleisten und die Energieversorgung auf neue Techniken umzustellen, seien die Voraussetzungen, dass die Region Stuttgart gestärkt aus dem Umbruch hervorgeht, gar nicht einmal so schlecht.