Weissachs quasi dritter Teilort ist Porsche. Automobilhersteller und deren Zulieferer prägen die Region. Foto: Simon Granville
Geschichten des Jahres 2025 aus Leonberg und Umgebung: Droht der Region ein Schicksal wie Detroit? Die Landräte beruhigen. Doch in den Kommunen ist der Druck groß.
Der Landstrich in der Mitte Baden-Württembergs wird wahlweise als Altkreis Leonberg oder Entwicklungsachse entlang der Autobahn umschrieben. Je nach Sichtweise wird zur Charakterisierung des Südens des Landkreises Ludwigsburg und des Nordens des Böblinger Landkreises die Landwirtschaft oder die florierende Industrie herangezogen. Große Arbeitgeber gibt es hier, Bosch, Porsche, Daimler und Trumpf etwa.
Seit Kurzem, und dies vor allem überregional, gibt es nun eine dritte Umschreibung, die Bezug nimmt auf jene Stadt im Mittleren Westen der USA, deren Existenz eng mit Aufschwung und Verfall der Automobilindustrie verknüpft war: „Zweites Detroit“.
Viele Herausforderungen: Kreis Böblingen ist aber auch starker IT-Standort
Ist diese Umschreibung denn zutreffend? Die Landräte von Böblingen und Ludwigsburg widersprechen. „Es droht kein zweites Detroit“, betont Roland Bernhard, Böblinger Landkreis-Chef. „Der Landkreis steht als starker Automobil- und Zuliefererstandort vor erheblichen Herausforderungen durch die Transformation. Dabei kommt es in einzelnen Unternehmen auch zum Abbau von Arbeitsplätzen“, sagt er zwar. Aber insgesamt sei die wirtschaftliche Lage doch deutlich stabiler, als es der aktuelle Vergleich mit Detroit nahelegt.
Für Bernhard besticht der Kreis stattdessen mit einer „breiten und leistungsfähigen Unternehmensstruktur mit zahlreichen Hidden Champions“. Die Innovationskraft sei hoch – auch im Bereich Software und IT. Denn neben Autobauern und Zulieferern sind hier auch große IT-Unternehmen wie IBM und Hewlett Packard beheimatet, man setzt auf Start-up-Förderung.
Die Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur im Landkreis sei auch weiterhin entscheidend, so Bernhard. Zentrale Voraussetzung sei dafür aber auch: Ausreichend Gewerbeflächen. „Zwar ist die Nachfrage zuletzt rückläufig, sie liegt jedoch weiterhin über dem verfügbaren Angebot.“
Im Kreis Ludwigsburg ist die Innovationskraft hoch
Auf den bestehenden breiten Branchenmix setzt auch der Ludwigsburger Landrat Dietmar Allgaier. Der Landkreis profitiere „von einer insgesamt breit und heterogen aufgestellten Wirtschaftsstruktur“. Diese reiche vom Maschinenbau und der Verfahrenstechnik über Hightech-Branchen wie Laser- und Medizintechnik bis hin zu hochwertigen Dienstleistungen in den Bereichen Digitaltechnologien, Kreativwirtschaft und Finanzwirtschaft. Allein der Mix mache es aber nicht aus. „Die hohe Innovationskraft unserer Unternehmen, belegt durch überdurchschnittliche Patentzahlen, zeigt, dass ihre Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit weiterhin ungebrochen ist.“
All dies täuscht dennoch nicht über eine gewisse Anspannung hinweg: „Mit Sorge betrachten wir insbesondere die unsicheren Zukunftsperspektiven in Teilen der Automobilindustrie.“ Schließlich zähle der Landkreis zu den Regionen des Landes, in denen die Automobilwirtschaft einen erheblichen Anteil an der Wertschöpfung habe. Vergleichbares gilt für den Nachbarlandkreis Böblingen.
Weissach verliert durch Porsche wichtige Gewerbesteuer
Eng mit dem Autohersteller Porsche verknüpft ist etwa die kleine Gemeinde Weissach, die schon oft von den Steuerzahlungen des ansässigen Entwicklungszentrums profitiert hat. Jetzt steckt die Firma im Krisenmodus, spricht auf einer Sparliste sogar von „Personalabbau und Verlagerung der Entwicklung in Niedriglohnländer“. Der Betriebsrat fürchtet um jeden vierten Arbeitsplatz. In Weissach hat die schlechte Porsche-Bilanz erst diesen Herbst den Verlust von 62 Millionen Euro Gewerbesteuern bewirkt.
Hinter den Dächern des Dorfs erstreckt sich das Entwicklungszentrum des Autoherstellers Porsche. Dort könnten in Zukunft weniger Menschen arbeiten als aktuell. Foto: Simon Granville
Ganz neu ist das nicht: „Wir haben in der Vergangenheit immer wieder erleben müssen, wie schnell die Gewerbesteuerzahlungen einbrechen können“, sagt der Bürgermeister Jens Millow. Damit, dass es wieder passiert, habe er gerechnet. „Die Frage war nicht ob, sondern wann.“
Aussichtslos ist die Situation nicht. 163 Millionen Euro hat Weissach dank der sprudelnden Porsche-Quellen in den letzten Jahren ansparen können. Trotzdem will der Bürgermeister bei einer Haushaltsklausur eine Liste mit Sparpotenzialen diskutieren.
Einen größeren Stellenabbau hat erst kürzlich der Maschinenbauer Voith verkündet: 2500 Stellen will das Unternehmen streichen, das sind rund zehn Prozent der Belegschaft. Treffen könnte das auch den Standort in Rutesheim. Was macht das mit der Kommune? „Dass die aktuelle wirtschaftliche Lage schwierig ist, können wir alle der täglichen Presse entnehmen“, sagt die Rutesheimer Bürgermeisterin Susanne Widmaier. „Dies bereitet uns in Rutesheim auch Sorgen.“
Natürlich gehe die Lage auch an den großen Arbeitgebern in der Stadt nicht vorbei, so Widmaier. Bemerkbar mache sich die Lage gerade etwa bei der „sehr zurückhaltenden Nachfrage nach Bauplätzen und bei den bei den Anpassungen der Gewerbesteuerzahlungen unserer Betriebe“. Gespart wurde aber auch in Rutesheim – die Stadt muss deshalb trotz hoher Investitionen keinen Kredit aufnehmen. Gerade werden im Ort neue Gewerbegrundstücke vermarktet, hierbei achte man auch darauf, eine „möglichst krisensichere Sparte“ anzusiedeln.
Wie sieht es in Ditzingen mit der Firma Trumpf aus?
Ganz anders ist die Lage in Ditzingen. Dort erlebt man eine Situation, wie es sie bis zu diesem Zeitpunkt nie gegeben hat. Die Stadt rechnet im kommenden Jahr mit 24 Millionen Euro an Gewerbesteuerzahlungen, deutlich weniger als jene 30 Millionen, die regelmäßig in den vergangenen Jahren flossen. Die aktuelle Situation ist zwar in ihrer Ausprägung auch einmaligen Sondereffekten geschuldet, aber am Grundproblem ändert das nichts. Denn die Rücklagen sind aufgebraucht, das Tafelsilber weitgehend veräußert – und eine schnelle Verbesserung der wirtschaftlichen Situation wie etwa nach Corona ist nicht in Sicht. Von Einnahmen aus der Gewerbesteuer in Rekordhöhe – 2023 waren es rund 80 Millionen – ganz zu schweigen.
Ditzingen: Einsparungen in nicht gekanntem Ausmaß
Also werden die eigentlich nach und nach geplanten Baugebiete allesamt zeitnah auf den Markt gebracht, um durch den Verkauf der Grundstücke die dringend benötigten Einnahmen zu erzielen: Die Nachfrage nach Grundstücken sei ungebrochen, heißt es aus dem Rathaus. Doch diese Ressource ist endlich. Damit fehlt den Ditzingern das Polster, das sie in den vergangenen Jahren milde auf den Umstand blicken ließ, dass die laufenden Ausgaben nicht immer aus den Einnahmen desselben Jahres bestritten werden konnten. Die Räte haben sich vor wenigen Tagen gemeinsam auf Einsparungen in lange nicht gekanntem Ausmaß eingeschworen.
Die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller hat Stellenstreichungen angekündigt. Foto: Simon Granville
Anlass – aber nicht alleiniger Grund – ist die Situation beim Laserhersteller Trumpf. Das Unternehmen hat angekündigt, 430 von insgesamt 6200 Stellen am Stammsitz in Ditzingen zu streichen. Zurückhaltende Kunden, damit einhergehend rückläufige Auftragszahlen: Das Familienunternehmen bekommt die schwache Weltkonjunktur mit voller Wucht zu spüren. Und die Ditzinger müssen in der Folge umdenken – trotz eines Branchenmix im Ort.