Wirtschaftliche Folgen des Streiks Frankreichs Fahrradhersteller reiben sich die Hände

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Seit fast zwei Monaten stemmen sich die Gewerkschaften gegen die geplante Rentenreform. Tourismus und Kultureinrichtungen leiden darunter massiv. Andere wiederum freuen sich.

Fahrräder boomen gerade in Paris, vor allem während der Streiks. Foto: dpa/Christophe Ena
Fahrräder boomen gerade in Paris, vor allem während der Streiks. Foto: dpa/Christophe Ena

Paris - Es gibt wieder Fahrräder bei Décathlon zu kaufen. In der Filiale der französischen Sportartikelkette in der Avenue de Wagram in Paris war das zuletzt nicht immer so. Genervt vom Streik im Nahverkehr der vergangenen Wochen, kamen viele Franzosen in der französischen Millionenmetropole auf die Idee, sich einen Drahtesel zuzulegen.

„Die Leute haben uns die Türen eingerannt“, erzählt ein Angestellter. Offiziell heißt es bei Décathlon, dass sich die Absatzzahlen für Räder und deren Zubehör in den vergangenen Wochen bisweilen verdreifacht hätten. Der Konkurrenten GO Sport berichtet von einem Umsatzplus von 80 Prozent, mit einem enormen Sprung bei den Rädern mit Elektroantrieb.

Wenig erstaunlich ist, dass auch die Vermieter von E-Scootern mit dem Geschäft zufrieden sind. Der US-Anbieter Lime verzeichnet mehr als 1,5 Millionen Nutzungen im Dezember – doppelt so viele wie im November, als noch nicht gestreikt wurde. Der Höhepunkt wurde am 5. Dezember erreicht, als der erste Generalstreik ausgerufen worden war und das Land praktisch lahmgelegt hatte. An jenem Tag haben sich 8000 neue Kunden bei Lime eingeschrieben, und allein in Paris wurden von dem Unternehmen 120 000 Fahrten registriert.

Umsatzeinbruch bei Hotels

Doch auch andere Bereiche haben von dem Streik profitiert. Der dauert zwar noch immer an und geht damit in die achte Woche, doch inzwischen hat sich die Lage zumindest im Verkehrsbereich für die meisten Franzosen weitgehend entspannt. Zu den großen Gewinnern zählt die Online-Mitfahrzentrale BlaBlacar mit Sitz in Paris. Seit Beginn des Streiks am 5. Dezember seien 500 000 neue Registrierungen gezählt worden, heißt es. Auch das deutsche Unternehmen Flixbus gehört zu den Gewinnern des Streiks. Man habe rund 40 Prozent mehr Fahrkarten verkauft, heißt es, da die staatliche Bahn SNCF in jener Zeit mit schweren Ausfällen zu kämpfen hatte.

Wo es Gewinner gibt, muss es aber auch Verlierer geben. Die Hotels in Paris hätten bis zu 40 Prozent weniger Umsatz gemacht, sagt Frank Delvau, Co-Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Île-de-France. Nicht nur Touristen hätten Reisen storniert, vor allem kleinere Kongresse seien wegen des Chaos bei der Bahn und im Nahverkehr abgesagt worden.

Auch für die Restaurants seien es sehr schlechte Wochen gewesen, erklärt Delvau. Kultureinrichtungen wurden ebenfalls Opfer des Streiks. Vor den Museen bildeten sich nur selten Schlangen. Die zahlreichen Musicals und Theater klagen über massive Einbußen während der Streikwochen.

Staatsbahn beklagt eine Milliarde Minus

Bertrand Thamin, Präsident der nationalen Vereinigung der Privaten Theater berichtet von einem Einbruch der Besucherzahlen von 40 Prozent. Doppelt getroffen wurden die Oper und die Comédie-Française. In beiden Einrichtungen wurde gestreikt, weil die Angestellten selbst von der Rentenreform betroffen sind.

Am schwersten betroffen ist allerdings der Verkehrsbereich. Die Verantwortlichen der Pariser Nahverkehrsbetriebe summieren die Kosten inzwischen auf 200 Millionen Euro. Noch härter trifft es die Staatsbahn SNCF, rund eine Milliarde Euro kostete der Streik sie bisher. Über die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft wird unter den Volkswirten gestritten. Die Französische Notenbank präsentierte in diesen Tagen eine eher optimistische Einschätzung und geht davon aus, dass die Streiks im vierten Quartal 2019 das Wachstum höchstens um 0,1 Prozentpunkte gesenkt haben.