Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau Merkel warnt vor Aufflammen der Finanzkrise

Kanzlerin Angela Merkel redet zur Eröffnung der  5. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften offen über die Probleme der EU: Während in Brüssel um einheitliche Regeln gerungen werde, suchten einzelne EU-Mitglieder   bereits wieder Vorteile für sich. Foto: dpa
Kanzlerin Angela Merkel redet zur Eröffnung der 5. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften offen über die Probleme der EU: Während in Brüssel um einheitliche Regeln gerungen werde, suchten einzelne EU-Mitglieder bereits wieder Vorteile für sich. Foto: dpa

Kanzlerin Angela Merkel hält die Gefahren der Finanzkrise für die Weltwirtschaft noch nicht für gebannt. Beim Nobelpreisträgertreffen in Lindau findet sie zudem kritische Worte für die Wirtschaftswissenschaftler und ihr Versagen vor Ausbruch der globalen Krise.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)
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Lindau - Im Jahr 2011 war es der damalige Bundespräsident Christian Wulff, der das Lindauer Nobelpreisträgertreffen eröffnete und vor den versammelten Wirtschaftswissenschaftlern von einem „Sommer der Ernüchterung“ sprach und eine „Rückbesinnung“ forderte. Die Strudel der Finanzkrise waren damals noch dabei, immer weitere trügerische Fassaden von Sicherheit und Wohlstand wegzureißen. Am Mittwoch hat das fünfte Treffen der Ökonomen am Bodensee begonnen; diesmal war es die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die einer Wissenschaftszunft ins Gewissen redete, deren Annahmen und Modelle versagten, die aber nicht immer so zerknirscht wirkt, wie es ihr wohl anstünde.

Die Ausmaße des globalen Desasters, das 2008 begonnen hat, sind im Jahr 2014 überdeutlich sichtbar. In der Schreckensbilanz stehen Millionen junge Arbeitslose, vor allem in Südosteuropa, gestrauchelte Regierungen, ausgelöschte Banken, eine Europäische Union, die immer wieder den Eindruck vermittelt, sie könne ihren inneren Zerreißproben womöglich nicht standhalten. Angela Merkel hat nicht darum herumgeredet. Es sei schon schwer genug, sagte sie in Lindau, Rezepte zur Lösung der entstandenen Probleme zu finden und systemische Schieflagen zu erkennen. Doch der EU komme auch noch die „dramatische politische Aufgabe“ zu, Lösungsansätze im Staatenverbund gegen große Widerstände durchzusetzen.

Wie schwer das ist, ließ die Kanzlerin immerhin anklingen: Sie sprach von Staaten, die Haushaltsdefizite in „Schattenbanken“ ausrangiert hätten, einzelnen EU-Mitgliedern, die, während in Brüssel um einheitliche Regeln gerungen werde, bereits wieder Sondervorteile für sich suchten, oder von der Erfahrung, dass so mancher „Verursacher der Krise“, also Banken, sich „längst am rettenden Ufer“ befände.

Merkel: Sprechen Sie verständlich als Wissenschaftler

Die Gefahren einer Fortsetzung des Finanzdesasters sind laut Merkel längst nicht gebannt. Immer noch sei die EU eine Währungs- und Wirtschaftsunion, die zwar einen gemeinsamen Binnenmarkt geschaffen habe, der aber die wirksamen Sanktionsmittel zum Beispiel bei Verstößen gegen Haushaltsrichtlinien fehlten. Das Problem von „Altlasten“ in Form hoher Staatsverschuldungen sei ungelöst. Und die europäischen Bankensysteme seien nach wie vor durch „zu viel Probleme und zu wenig Transparenz“ gekennzeichnet.

Vor allem die „Schattenbanken“ machen Merkel große Sorge. Damit sind zum Beispiel spekulative Fonds oder Investmentfirmen gemeint, die zwar milliardenschwere Transaktionen abwickeln, aber anders als die traditionellen Geldhäuser kaum einer Kontrolle unterliegen. Wenn diese Gebilde „nicht unter die Lupe genommen“ würden, dann sei „die nächste Krise programmiert“. Für einen „Quantensprung“ hielte es die Kanzlerin, wenn es gelänge, eine europäische Bankenunion unter Aufsicht der Europäischen Zentralbank zu schaffen. Zusammen mit anderen Regierungschefs arbeite Deutschland daran. Im Wissen gerade auch um ihre Kritiker aus den USA verteidigte die Kanzlerin ihre Politik der Nullverschuldung. Deutschland sei das Beispiel dafür, dass es gelingen könne, in Wirtschaftswachstum zu investieren, ohne die Schuldenobergrenze immer weiter auszudehnen. Als einen wesentlichen Unterschied etwa zu Amerika benannte Merkel die rückläufige demografische Entwicklung in Deutschland. „Wir dürfen nicht den künftigen Generationen alle Spielräume nehmen.“

Kritische Worte fand die Eröffnungsrednerin auch für die Wirtschaftswissenschaften selbst, genauer für deren Versagen vor Ausbruch der globalen Krise. Die Bundesregierung hatte sich, als in den USA die Banken zu fallen begannen, monatelang einem vielstimmen Expertenkanon teilweise widersprüchlicher Expertenmeinungen gegenübergesehen. „Politik ist immer auf ökonomisches Knowhow angewiesen“, so Merkel – auf Gutachten, Prognosen und Sachverständigenmeinungen. Doch es habe sich, als die Finanzmärkte zusammenbrachen, gezeigt: „Die Komplexität und Dynamik der Wirklichkeit lässt sich nicht so einfach in Modelle pressen.“ Merkel wurde noch deutlicher: „Was ich bei den Beratungen vermisse: Man sollte auch die Ehrlichkeit haben, die Unschärfen anzugeben, wenn man es nicht weiß. Wir können damit durchaus leben.“ Wohl nicht den würdig gealterten Laureaten, die Merkel zuhörten, aber den Hunderten Jungforschern aus aller Welt galt ihre Schlussempfehlung. „Sprechen Sie verständlich als Wissenschaftler.“ Es gebe ja offenbar immer mehr Wissenschaftsdisziplinen, die das Interesse der Ökonomen fänden. Das sei gut, denn „das macht Ihre Theorien eher besser als schlechter“. Und wenn das der Fall sei, wolle sie den Ratschlägen der Ökonomen auch künftig aufmerksam zuhören.

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