Wirtschaftsarchiv übernimmt Reklame-Sammlung Als Max Schmeling Kornfranck schlürfte

Prominenter Werbeträger für Ludwigsburger Ersatzkaffee: Max Schmeling, Box-Weltmeister im Schwergewicht im Jahr 1930. Foto: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg

Plakate, Fotos, gar eine alte Ersatzkaffeepackung mit Original-Inhalt: Mit 600 Regalmetern Reklame der Ludwigsburger Firma Kaffee-Franck hat das Wirtschaftsarchiv in Stuttgart-Hohenheim den bisher größten Bestand seiner Geschichte übernommen. Darunter sind wahre Schätze der Werbegeschichte.

Ludwigsburg - Es war eine Sternstunde für das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg – auch wenn sie sich nicht über 60 Minuten, sondern über Monate hinzog. 600 Regalmeter Hinterlassenschaften der früheren Ludwigsburger Firma Kaffee-Franck haben Christian Müller – der wissenschaftliche Mitarbeiter ist für Unternehmensbestände zuständig – und sein Team seit dem vergangenen Dezember gesichtet und aufgearbeitet.

 

Das Franck’sche Werbemittelarchiv, eine gigantische Dokumentation von rund 100 Jahren Werbegeschichte der Ersatzkaffee-Firma, war die bisher größte Übernahme in der Geschichte des in Stuttgart-Hohenheim ansässigen Wirtschaftsarchivs. Und eine, bei der viele Ludwigsburger Melancholie beschleicht. Denn von der für die Stadt ehedem so bedeutenden Firma ist, seit Nestlé das Caro-Werk am Bahnhof im vergangenen Jahr abwickelte, nur noch die Gebäudehülle übrig.

Plakate, Dosen, Kaffeepackungen: Eine wahre Schatzkammer

Dass Plakate, Anzeigen, Tuben, Dosen, Fotos, Dekorationen, Werbegeschenke, Prospekte und vieles mehr aus der Franck-Historie dennoch überdauern werden, das garantiert jetzt das Wirtschaftsarchiv. Christian Müller und seinen Kollegen gingen beim Sichten fast die Augen über angesichts der Fülle des Materials. Aber auch angesichts der gezielten und professionellen Art und Weise, wie die Firma Heinrich Franck und Söhne schon früh die Werbetrommel für ihre Produkte rührte und beispielsweise Prominente wie den Box-Star Max Schmeling einspannte, den sie noch im Monat seines Weltmeisterschaftsgewinns im Schwergewicht 1930 als Werbeträger für ihre Marke Kornfranck gewann.

Dass die bis ins Jahr 1880 zurückreichende Werbemittelsammlung überhaupt gesichert und jetzt öffentlich zugänglich ist, das ist keine Selbstverständlichkeit. „Wir hatten kaum zu hoffen gewagt, dass die öffentliche Hand die Sammlung erhält“, sagt Peter Müller. Der Namenskollege von Christian Müller ist Abteilungsleiter beim Staatsarchiv in Ludwigsburg – und war seinerseits intensiv mit der Franck-Reklame befasst. Denn als die Firma in den 70er Jahren, mittlerweile unter Unifranck firmierend, als eigenständiges Unternehmen zu existieren aufhörte, brauchten die Abwickler einen Lagerungsort für die Reklame-Berge – und das Staatsarchiv sprang ein, auch wenn Werbemittelarchive nun nicht gerade zu seinem üblichen Portfolio gehören.

Durchbruch nach vielen Versuchen

„In gewisser Weise war es bei uns zwar ein Fremdkörper, aber natürlich waren da großartige Dinge dabei. Man kam aus dem Staunen kaum heraus, auch über die minutiöse Dokumentation der Marketingtätigkeiten“, erzählt Peter Müller. Immer mal wieder habe das Staatsarchiv einzelne Stücke als Anschauungsmaterial genutzt. „Allerdings mussten wir das jedes Mal mit Nestlé abklären.“ Dem Konzern gehörte das Archivgut als Unifranck-Nachfolger mittlerweile. „Wir haben die Sammlung ja nur verwahrt. Alle Versuche, das Archivgut in eine andere Rechtsform zu überführen, scheiterten in den vergangenen Jahrzehnten.“ Als Nestlé im im vergangenen Jahr das Caro-Werk aufgab, gelang es aber doch – auch weil sich der ehemalige Werksleiter dafür stark machte. Einige Franck-Werbe-Archivalien hat das Ludwigsburger Staatsarchiv im Zuge der Überführung nach Hohenheim überlassen bekommen – ebenso wie das Ludwigsburger Stadtmuseum.

Nicht nur wegen der schieren Menge ist die Franck-Werbesammlung, die bis ins Jahr 1880 zurückreicht, eine Preziose. „Eine so stringente, strategische und detailgenau dokumentierte Werbemitteltätigkeit ist unter den 700 Beständen, die wir im Archiv haben, einmalig“, sagt Christian Müller vom Wirtschaftsarchiv. „Die Firma hat sehr früh erkannt, wie man Bedarfe weckt, aber auch, wie man sich gegenüber den Konkurrenz wirksam abgrenzt. Und das ist alles überliefert.“

Spannender Stoff für Liebhaber und Forscher

Für die Forschung berge das Material interessanten Stoff en masse – etwa zu den Themen Werbestrategien oder Kartelle. Die Firma Franck habe Konkurrenten wie die Marken Trumpler und Seelig übernommen und mit dem Münchner Malzkaffee-Marktführer Kathreiner eine gemeinsame Holding mit Sitz im schweizerischen Schaffhausen gegründet, was interne Absprachen und enge Abstimmungen bei der Vermarktung ermöglichte, berichtet Christian Müller.

Die gesamten 600 Regalmeter Material konnte das Wirtschaftsarchiv jedoch nicht aufheben. Rund drei Viertel wurden aussortiert, dokumentiert und vernichtet – „Verkaufen dürfen wir Dinge, die wir nicht für archivwürdig erachten, nicht“, erklärt der Fachmann. Ein wenig traurig sei das zwar gewesen, aber das Wegwerfen gehöre eben zur Archivarbeit, „sonst wird man der Dinge nicht mehr Herr“.

Kostbarkeiten, so weit das Auge reicht

Rund 80 Prozent der kassierten Objekte und Schriften waren aber Doubletten, etwa Plakate, die zigfach in verschiedenen Größen verwahrt worden waren. „Ein Plakat in Litfasssäulengröße können wir aber schwer lagern“, erklärt Christian Müller. Dinge, die vor dem Massendruckverfahren entstanden – also grob alles, was vor 1950 hergestellt wurde – , seien hingegen so rare Kostbarkeiten, „dass wir da nicht noch mal Hand angelegt haben“.

Die Werbemittelsammlung ist im Wirtschaftsarchiv aber nicht die einzige Fundgrube zu Kaffee-Franck. Auch das Firmenarchiv an sich mit Unterlagen wie den alten Geschäftsberichten lagert in Hohenheim. „Das Werbemittelarchiv ist zwar eine tolle Sache“, sagt Christian Müller. „Aber für ein Wirtschaftsarchiv wäre es nur die halbe Miete.“ Wenn in 30 Jahren ein Lebensmittelforscher herausfinden will, wie sich anno dazumal ein Ersatzkaffee zusammensetzte, wird er aber in Hohenheim ebenfalls fündig: Zum Archivgut gehören sogar Verpackungen samt Original-Inhalt.

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