Wirtschaftsentwicklung Afrika führt noch immer ein Schattendasein

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Die Wirtschaft des Kontinents wächst schnell – doch die Korruption ist ein Hemmnis. Schwäbische Mittelständler wie Bitzer und Krannich sehen Chancen mit Kühlaggregaten und Fotovoltaikanlagen. Und der Firma Elmer & Zweifel hilft eine Genossenschaft, die Biobaumwolle anbaut.

Asfa-Wossen Asserate will korrupten Cliquen den Geldhahn zudrehen. Foto: Anna Meuer/Heuser
Asfa-Wossen Asserate will korrupten Cliquen den Geldhahn zudrehen. Foto: Anna Meuer/Heuser

Stuttgart - Bitzer drückt in Afrika aufs Tempo. Nur wenige Wettbewerber des Kühlmaschinenbauers haben bereits eigene Büros in den Ländern südlich der Sahara. Anders dagegen die Sindelfinger: Erst vor Kurzem hat Bitzer eine Niederlassung in Nigeria gegründet, Anfang des Jahres eine im Senegal. Und seit Ende 2016 gibt es auch eine Niederlassung in Kenia. Aktiv geworden sind die Schwaben in Ländern, deren Wirtschaft deutlich wächst: wie etwa die Kenias um fast sechs Prozent 2015. Während sich viele Blicke nach Asien richten, führt Afrika für die Europäer eher ein Schattendasein – trotz eines Wachstums der Wirtschaft um meist mehr als fünf Prozent in den vergangenen 15 Jahren. „Europa hat Afrika verschlafen“, meint denn auch Asfa-Wossen Asserate, äthiopischer Prinz, Großneffe des einstigen Kaisers Haile Selassie und ausgewiesener Afrika-Experte.

Allein in den Ländern südlich der Sahara dürften bis in wenigen Jahren rund eine Milliarde Bewohner leben – ein Markt, so meinen viele, mit Chancen. Doch trotz des schnellen Wachstums ist Afrika wirtschaftlich immer noch ein Zwerg, ein Lieferant von Rohstoffen mit nur wenig entwickelter eigener Industrie. Dass sich wenig tut, liegt auch an den Eliten dieser Länder – oft regieren sie diktatorisch, Geld fließt in die eigene Tasche statt in die Entwicklung der armen Länder. Asserate möchte den Potentaten den Geldhahn zudrehen: „Hilfe bei Hungersnöten sollte es geben, aber keine Finanzmittel, die in die Länderhaushalte fließen“, sagt der 1948 in Addis Abeba geborene Fachmann. „Durch die Entwicklungshilfe sind in den letzten 50 Jahren zwei Billionen US-Dollar nach Afrika geflossen, davon kamen 1,6 Billionen US-Dollar wieder zurück nach Europa“ – Gelder, mit denen sich korrupte Cliquen „Schlösser und Luxuswohnungen gekauft oder ihre Konten in der Schweiz aufgefüllt haben“. Gernot Hämmerke, Leiter der Stuttgarter Niederlassung der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton, die auch verschiedene Unternehmen bei ihren Afrika-Engagements berät, sagt zu dem Thema: „Gerade die fehlende Rechtsstaatlichkeit ist ein Problem.“

Korrupte Cliquen kaufen Luxuswohnungen

Nach den Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) gibt es südlich der Sahara lediglich 865 deutsche Unternehmen mit eigenen Niederlassungen. „Für deutsche Unternehmen liegen die größten Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent in den Rahmenbedingungen vor Ort, der Risikoabsicherung und der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte“, erklärt Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Außenhandelschef des DIHK. Die deutschen Exporte nach Afrika sind im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 24,6 Milliarden Euro gewachsen – ein Plus zwar, aber kaum mehr als der Umsatz eines Unternehmens wie Porsche.

Die gesamten Exporte der baden-württembergischen Wirtschaft betrugen 2016 rund 190 Milliarden Euro – nur Waren für drei Milliarden Euro wurden nach Afrika ausgeführt. Dabei ergäben sich gerade aus Sicht des Südwestens Chancen für höhere Exporte: „Moderne Maschinen, verlässliche Energielösungen“ nennt Tassilo Zywietz, Außenhandelsgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, als Stichworte. Dank einer wachsenden Mittelschicht „mit steigender Konsumneigung“ sieht Zywietz nicht nur Chancen für Ausfuhren aus Deutschland, sondern auch für neue Produktionsstätten in Afrika selbst. Chancen, so Asserate, gebe es beispielsweise in der Fotovoltaik.

Schwäbische Solaranlagen sollen Stromversorgung sichern

Der Solarhändler Krannich Solar aus Weil der Stadt ist auf dem Sonnenkontinent bereits zugegen: Verkauft werden dort Solaranlagen über Elektriker und Installateure. „Man muss aber die richtigen Partner haben“, sagt Benjamin Schaible, der für die Geschäfte in den Ländern südlich der Sahara zuständig ist. „In einem afrikanischen Land kann der Strom schon mal sechs bis zehn Stunden am Tag ausfallen“, so Schaible – Fotovoltaik ist für ihn auch eine Hilfe bei der Stabilisierung der Stromversorgung: „Wir sehen einen schnell wachsenden Markt. Und was wir bisher geliefert haben, wurde auch bezahlt“ – so wie das Solardach für das größte Einkaufszentrum in Namibia. Schaible weiß auch von Widrigkeiten zu berichten: Ware wird bestellt, per Scheck bezahlt, „und dann haben wir schon gehört, dass der Scheck anschließend wieder zurückgeholt wurde.“

Auch Roland Stelzer, geschäftsführender Gesellschafter der Bempflinger Baumwollweberei Elmer & Zweifel, kennt die Tücken bei Geschäften in Afrika: „Man weiß manchmal einfach nicht, warum der Container nicht kommt“, erzählt Stelzer. Das Unternehmen hat seine Rohstoffe in der Vergangenheit stets von wechselnden Partnern bezogen, seit einigen Jahren kauft Stelzer seine Biobaumwolle von einer Genossenschaft mit 5000 Bauern. Angebaut wird die Baumwolle in Uganda, verschifft wird sie über den kenianischen Hafen Mombasa. Stelzer indes will in Afrika nicht nur einkaufen, sondern auch Hilfe zur Entwicklung geben: „Die Korruption ist das entscheidende Hemmnis“, sagt er. Schlössen sich aber beispielsweise Landwirte zusammen, könnten sie die Begehrlichkeiten lokaler Hoheitsträger selbstbewusster zurückweisen. Der Schlüssel für die Entwicklung in Afrika jedoch liegt nicht nur auf dem Kontinent selbst. So hätten etwa Textilketten aus Europa und Asien kleine afrikanische Textilhersteller ruiniert, indem sie den Markt mit billiger Second-Hand-Ware überschwemmt hätten, sagt Stelzer.

Baumwollanbau als Genossenschaft

Um eine industrielle Entwicklung in Gang zu bringen, könnten somit vorübergehende Schutzzölle eine positive Rolle spielen, meint Asserate. Für Matthias Hammerschmidt, bei Bitzer zuständig für die Geschäfte in Afrika, könnte zudem durchaus Vorbild sein, was in Deutschland schon lange praktiziert wird: eine duale Berufsausbildung, „um das Personal vor Ort zu qualifizieren“. Keine Probleme gab es für Bitzer bisher mit der Bezahlung der in den Ländern unter heißer Sonne verkauften Kühlgeräte: „Wir liefern nur gegen Vorkasse“, sagt Hammerschmidt.

Tatsächlich könnten auch Aktivitäten wie die der schwäbischen Mittelständler dazu beitragen, dass Europa Afrika nicht weiter „verschläft“. Zumal Großinvestoren – die zwar viel Geld bringen und riesige Infrastrukturprojekte planen, aber eben auch die Bodenschätze ausbeuten – zumindest nach Meinung von Asserate immer weniger geschätzt werden: „Die Zeit Chinas in Afrika geht ihrem Ende entgegen“, lautet die Prognose des äthiopischen Prinzen.