Wirtschaftsethiker warnt „Ethik ist auch ein Risikomanagement“

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Unternehmen stehen bei Klimaschutz und ökologischen Rahmenbedingungen immer stärker unter der Beobachtung von Nichtregierungsorganisationen, sagt der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge. Ethische Risiken könnten so schnell zu ökonomischen werden.

Der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge glaubt, dass Unternehmen verstärkt auf Transparenz setzen müssen. Foto: Andreas Heddergott / TU München
Der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge glaubt, dass Unternehmen verstärkt auf Transparenz setzen müssen. Foto: Andreas Heddergott / TU München

Stuttgart - Allein das Recht im Ausland zu beachten, reiche nicht mehr, sagt der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge. Das Verantwortungsbewusstsein wachse.

Herr Lütge, wo beginnt und endet globale Verantwortung für unsere Unternehmen?

Es herrschen weltweit nicht überall die gleichen Standards, das wird auf absehbare Zeit so bleiben. Die Frage ist, ob Unternehmen auf unterschiedliche Standards eingehen und für ihre Zwecke verwenden dürfen. Grundsätzlich zulässig ist das bei Preisen und Angeboten. Bei Klimaschutz und ökologischen Rahmenbindungen vertreten viele Unternehmen die klassische Position, in Ordnung sei, was rechtlich erlaubt sei. Diese Sichtweise ist aber seit 15 oder 20 Jahren nicht mehr so hinnehmbar, denn Unternehmen stehen auch stärker unter der Beobachtung von Nichtregierungsorganisationen. Sie müssen nicht auf alle Forderungen eingehen. Aber sie sollten transparent darstellen, was sie machen. Im übrigen haben viele Studien gezeigt, dass deutsche Unternehmen etwa in Asien bessere Standards bei Mitarbeitern oder Umwelt einhalten als lokale Firmen.

Versicherungen steigen reihenweise aus Investitionen in Kohlekraft aus. Von Divestment ist die Rede. Ist das ein neuer Trend des Verantwortungsbewusstseins bei Konzernen?

Das hat schon vor 20 Jahren begonnen mit der Corporate Governance, der Einführung von Grundzügen der Unternehmensführung. Aber die Tendenz verstärkt sich. Wir haben beispielsweise den Norwegischen Pensionsfonds, der auch bei kleinen Anzeichen von ökologischen oder ethnischen Konflikten aus einem Investment herausgeht. Das Gleiche gilt für Banken und Versicherungen etwa beim Geschäft mit Lebensmittelspekulationen. Ich will nicht bewerten, ob das gerechtfertigt ist, aber die Tendenz ist eindeutig. Wir haben seit 2017 die Pflicht zum Corporate-Social-Reporting. Das sind Nachhaltigkeitsberichte, die Aktiengesellschaften oder kapitalmarktorientierte GmbHs betreffen. Da geht es um Umwelt, Menschenrechte, Mitarbeiterschutz oder Tierwohl. Das ist für viele Unternehmen neu in Deutschland. Da drohen keine Sanktionen, aber allein die Berichtspflicht bringt etwas.

Seit dem Aufdecken der VW-Abgas-Affäre in den USA schütteln Skandale die Branche. Hat in der Autoindustrie ein Lernprozess begonnen?

Ich würde ein vorsichtiges Ja sagen. Unsere BWL-Studenten an der TU München hören Vorlesungen und schreiben Klausuren in Wirtschaftsethik. Was ich nicht mache, ist, Moral und Werte zu predigen. Das funktioniert nicht. Es verfängt vielleicht für den Moment, aber nicht später im Berufsleben. Aber ich erhebe den Anspruch, dafür zu sensibilisieren, dass bestimmte Handlungen eine ethische Dimension haben. Ethik ist auch ein Risikomanagement. Man muss verstehen, dass ethische Risiken zu ökonomischen werden können. Der Fall Siemens zeigt, wie Korruption erhebliche Strafzahlungen ausgelöst hat. Das Beispiel VW haben Sie schon genannt. Mit dieser Argumentation kann man Unternehmen überzeugen.