Wirtschaftsförderung im Strohgäu Im Zwiespalt der Interessen

Von unserer Redaktion 

Wenn Firmen überlegen, sich in einer Kommune anzusiedeln, muss es schnell gehen. Das stellt die Städte häufig vor Probleme – und setzt sie unter Druck, die Wünsche der Unternehmen zu erfüllen.

Der Blick vom Müllberg Grüner Heiner auf Korntaler Markung zeigt, wie eng  Gewerbegebiete beieinander liegen: im Vordergrund Weilimdorf,  in der Bildmitte Ditzingen-Ost und im Hintergrund Gerlingen. Dazwischen verlaufen die B 295 und die Bahnstrecke. Foto: factum/Bach
Der Blick vom Müllberg Grüner Heiner auf Korntaler Markung zeigt, wie eng Gewerbegebiete beieinander liegen: im Vordergrund Weilimdorf, in der Bildmitte Ditzingen-Ost und im Hintergrund Gerlingen. Dazwischen verlaufen die B 295 und die Bahnstrecke. Foto: factum/Bach

Strohgäu - Konkurrenz belebt das Geschäft. Der Wettbewerb der Kommunen untereinander ist zwar alt. Aber selten wurde so um Einwohner gerungen und um Unternehmensansiedlungen gebuhlt wie in dieser Zeit. Auch Korntal-Münchingen wäre unlängst gerne zum Zug gekommen: Porsche war auf der Suche nach einem Standort für den Bau seines ersten rein elektronisch betriebenen Sportwagens, Mission E. Doch am Ende scheiterte es auch an der knappen Zeit.

Der Faktor Zeit ist einer von mehreren Aspekten, die bei einer Unternehmensansiedlung eine Rolle spielen. Porsche baut nun am Stammwerk in Zuffenhausen, mehr als 1000 neue Arbeitsplätze entstehen. Als es bei Porsche um mögliche Standorte ging, hatte der Autohersteller bei der Stadt Korntal-Münchingen angefragt. Dabei geriet das Aichelin-/Greutter-Areal in Korntal ins Visier, auch die Sportflächen vom TSV Korntal waren laut dem Technischen Beigeordneten Ralf Uwe Johann im Blick. Für ein klares Signal von Seiten der Stadt gab es offenbar zu viele offene Fragen. Hinzu kam laut Johann ein „enormer Zeitdruck“. In der Verwaltung, so der Beigeordnete, habe man überlegt, „wie schnell man planerisch damit zurechtkommt“.

Wenn Firmen anfragen, muss es schnell gehen

Gleichzeitig gab es einige Probleme, angefangen beim Regionalplan. Die dort festgehaltenen Grünflächen im Bereich der Sportflächen wären durch eine Ansiedlung von Porsche verringert worden, was wiederum hätte abgestimmt werden müssen. Auch im Flächennutzungsplan wären Änderungen nötig geworden. Hinzu kam eine zu niedrige Bahnunterführung und schwierige Lärmschutzfragen. Auch die Frage, ob und unter welchen Bedingungen der TSV umziehen könnte, konnte laut Johann aufgrund der knappen Zeit nicht abschließend geklärt werden. Um künftig in solchen Situationen rascher reagieren zu können – und damit auch bessere Chancen auf den Zuschlag der Firmen zu haben – hat die Stadt eine Machbarkeitsuntersuchung in Auftrag gegeben. Diese soll die Grundlagen der Gewerbeansiedlung in Korntal klären, damit eine fundierte Planung möglich ist. Die Ergebnisse werden im Herbst erwartet.

„Der Zeitdruck ist immer hoch, wenn Firmen anfragen“, sagt Johann. Gleichzeitig sei die Ausgangssituation häufig eine bessere als bei der Anfrage von Porsche – etwa, weil die Rahmenbedingungen schon geschaffen oder Gewerbeflächen bereits im Flächennutzungsplan vorgesehen sind.

In Ditzingen hat man schnell reagiert

Die Stadt Korntal-Münchingen zog gegen den direkten Nachbarn Stuttgart den Kürzeren. Anders lief es, als sich Thales in Ditzingen ansiedeln wollte. Innerhalb der Region Stuttgart war nach einem geeigneten Standort gesucht worden. Das Ziel war laut dem Chefplaner Thomas Kiwitt gewesen, den Technologiekonzern, der mehrere Standorte zusammenlegen wollte, in der Region zu halten. Binnen kurzer Zeit wurde der Bebauungsplan, also der rechtliche Rahmen für den Bau, geschaffen.

Das aus mehreren Gebäuden bestehende Thales-Werk gefällt heute ebenso wenig allen wie das Hochregallager von Helukabel in Hemmingen. Als der Kabel- und Leitungs-Produzent vor knapp zehn Jahren an seinem Stammsitz am Ortseingang von Hemmingen erweitern wollte, waren nicht alle begeistert, dass ein weiteres, wuchtiges Gebäude entsteht. Der damalige Bürgermeister Werner Nafz hatte eingeräumt, städtebaulich sei das „nicht das Gelbe vom Ei“ – gleichwohl könne man kein Unternehmen in den Ort holen und dann behindern. Der Bürgermeister sah es als Aufgabe einer Kommune an, angesiedelte Firmen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Auch in Ditzingen und Gerlingen hatte diese Begleitung Auswirkungen auf die kommunalen Entscheidungen.

Lockmittel für Gewerbetreibende

Die Ditzinger hatten schon lange Entwicklungsflächen für die Erweiterung von Trumpf in der unmittelbaren Nachbarschaft des Standorts vorgesehen. Die Gerlinger wiederum senkten den Gewerbesteuerhebesatz für Bosch. Ausgangspunkt aller Überlegungen war dabei stets, ein Unternehmen im Ort zu halten.

Denn die Konkurrenz der Kommunen ist groß und auch vom demografischen Wandel geprägt – auch wenn sich zunehmend, wie in Pleidelsheim und Ingersheim geschehen, Kommunen gegen großflächige Neuansiedlungen wehren. Die Bevölkerung wird älter, die Zahl der Einwohner sinkt. Kommunen buhlen um junge Familien, die es im ungemein wohlhabenden Süden des Landkreises schwer haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Baugrundstücke sind knapp, das treibt den Preis in die Höhe. Nicht selten siedeln sich die jungen Erwachsenen mit ihren Kindern inzwischen weit draußen in der Region an. Diese Entwicklung treibt die Kommunen in eine schwierige Situation: Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Infrastruktur geschaffen, die die Bürger nicht mehr missen möchten: Kindertagesstätte in Laufnähe, Stadtteilbibliotheken, Schwimmbäder.

Um all dieses aufrecht zu erhalten, auch wenn die Nutzer – und damit die Gebühreneinnahmen – ausbleiben, muss die Kommune Einnahmen generieren. Städte und Gemeinden setzen dabei vor allem auf Gewerbesteuereinnahmen.




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