Herr Rogg, die Autoindustrie war schwer in der Krise, als Sie vor 28 Jahren Wirtschaftsförderer der Region Stuttgart wurden. Und auch heute wieder steht dieser Wirtschaftszweig im Fokus. Sind Sie besorgt, dass durch den Wandel hin zur E-Mobilität Arbeitslosigkeit droht?
Damals sind über Nacht in Baden-Württemberg 200 000 Jobs weggebrochen, allein 100 000 davon in der Region Stuttgart. Die Produktivität in der hiesigen Autoindustrie war sehr viel schlechter als bei den Wettbewerbern etwa in Japan. Nur hat das lange Zeit niemand bemerkt angesichts des Booms durch die Wiedervereinigung, wo jede noch so alte Schüssel verkauft werden konnte. Ich will nicht sagen, dass sich der Kreis jetzt schließt. Gott sei Dank gibt es im Moment keine Arbeitslosigkeit, sondern einen Fachkräftemangel. Aber keine Frage: Wir stehen an einem Wendepunkt.
Bei ihrem Start 1995 hieß es, in der Region Stuttgart müsse dringend die elementare Abhängigkeit von der Autoindustrie reduziert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Was lief schief?
In der Tat: Der Anteil der Automobilindustrie und ihrer Ausrüster am Umsatz des verarbeitenden Gewerbes in der Region Stuttgart lag vor vier Jahren bei 53 Prozent, vor zwei Jahren bei 56 Prozent – und aktuell bei 62 Prozent. Das sind also fast zwei Drittel! Und die Frage ist, drängender denn je: Was wird aus den Arbeitsplätzen in der Autoindustrie, da E-Fahrzeuge sich mit deutlich weniger Personal produzieren lassen? Was passiert bei den Zulieferern sowie den Maschinen- und Anlagenbauern? Mit der Digitalisierung im Fahrzeugbau, mit neuen Mobilitätskonzepten und neuen Wettbewerbern? Antworten auf diese Fragen zu finden, wird überlebenswichtig sein für den gesamten Ballungsraum am Neckar.
Wir hatten gehofft, dass Sie die Antworten liefern?!
Zunächst ist festzuhalten, dass wir seit Jahrzehnten alle miteinander sehr gut leben von und mit dieser Autoindustrie. Kaum irgendwo sonst wird so viel dafür getan, das Grundbedürfnis der Menschen nach individueller Mobilität in dieser Qualität zu befriedigen. Insofern agieren wir nach wie vor aus einer Position der Stärke heraus. Das ist gut. Aber ganz klar ist auch, dass die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Kernbereich des Wirtschaftsstandortes Region Stuttgart zurückgehen wird.
Was also tun?
Das Wichtigste ist, dass wir erkennen, dass diese Entwicklung stattfindet – und dass wir uns bewusst machen, dass es große Anstrengungen braucht, diesen unaufhaltsamen Wandel zu gestalten. Bisher war der äußere Druck ja nicht so groß. Die Gefahr ist, sich dadurch zu sehr und zu lange in Sicherheit zu wiegen. Wer freilich darauf baut, dass alles irgendwie weitergehen wird, täuscht sich. Wenn wir auf Dauer nicht verlieren wollen – und diese Gefahr ist real –, müssen wir wieder kämpfen lernen und uns anstrengen.
Diese Erkenntnis allein schafft aber auch keine neuen Arbeitsplätze.
Gewiss nicht. Dieses Ziel werden wir nur erreichen, wenn wir uns breiter aufstellen. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation hat das für uns untersucht. Und das schöne ist, dass es vielfältige Chancen gibt. Die Welt hat einen enormen, ungestillten Bedarf an Umwelt-, an Energie- und Materialeffizienztechnik, an Digitalisierung, an Künstlicher Intelligenz, an Quantenrechnern, hat ein Bedürfnis nach Bildung und Wissen oder auch nach Gesundheitstechnik, da die eine Hälfte der Weltbevölkerung krank ist oder Hunger hat und die andere Hälfte zu dick und zu alt ist.
Liegt darin also die Zukunft?
Auf jeden Fall sind all das Felder, die enormes Potenzial bergen und sich glaubwürdig mit dem verbinden, was unsere Region auszeichnet. Nicht nur, dass wir auf diesen Feldern heute teilweise schon sehr gut aufgestellt sind, etwa im Bereich der Biotechnologie. Wir können vor allem die Zusammenarbeit organisieren, den Erfahrungsaustausch und den Technologietransfer. Wir können Start-ups unterstützen und Hochschulen mit mittelständischen Firmen vernetzen. Und auf diese Weise kann die Region Stuttgart dann auch von weltweiten Wachstumsmärkten profitieren.
Verglichen mit der Autoindustrie oder auch dem Maschinenbau reden wir da aber eher über – wenn auch wichtige – Nischen. Haben Sie Angst, dass der Wandel zu langsam vonstattengeht?
Ein Mitarbeiter von mir sagt immer: Wir haben keine Angst vor den Problemen, wir leben von ihnen. Und diese Sichtweise gefällt mir sehr gut. Seit dem Beginn der Industrialisierung hat es national wie global immer neue Herausforderungen gegeben. Und die Firmen und Menschen hier in der Region haben sich immer ausgezeichnet dadurch, dass sie sich als innovative Problemlöser erwiesen haben. Diesen Geist müssen wir uns bewahren oder vielleicht auch wiederbeleben.
Was kann und muss die Politik tun oder auch eine Wirtschaftsförderung, um solche Prozesse zu befördern?
Die Welt ändert sich immer rasanter – durch die Digitalisierung, durch den Krieg in der Ukraine, aber auch durch viele andere Faktoren unter denen der demografische Wandel auch nur einer ist. In der Region Stuttgart werden bis 2035 rund 200 000 Menschen mehr in Rente gehen als Arbeitskräfte nachwachsen. Der Schlüssel zum Erfolg auch in der Zukunft liegt aus meiner Sicht in einem wesentlichen Punkt: der Weiterbildung. Das Wort vom „lebenslangen Lernen“ ist angesichts der dynamischen Veränderungen keine Phrase, sondern existenziell. Es kommt darauf an, dass wir für die neuen Technologien, für die neuen Produkte, für die neuen Märkte die richtige Ausbildung und richtige Weiterqualifizierung haben. Und dass die Menschen dieses Angebot auch annehmen, bereit sind, am Abend nach getaner Arbeit oder am Wochenende sich neues Wissen anzueignen – und so im besten Sinne Wettkampfhärte zeigen.
Das klingt sehr optimistisch. Gerade die nachwachsenden Generationen scheinen ja eher nach einer Vier-Tage-Woche zu streben als sich zu später Stunde noch in einen Seminarraum zu setzen.
Rein persönlich fremdle ich, wenn ich von solchen Einstellungen höre. Aber ich bin vorsichtig mit einem Urteil: Es ist ja nicht erwiesen, dass die Generation „Z“ weniger leisten will. Insofern besteht die Hoffnung, dass ein gutes, transparentes Angebot auch zieht. Dafür haben wir eigens einen Verbund für Weiterbildung geschmiedet, der von den Agenturen für Arbeit über die Industrie- und Handels- wie die Handwerkskammern bis hin zu den Tarifparteien etwa von IG Metall und Südwestmetall reicht. Das ist eine hervorragende Plattform, die uns sehr, sehr weiterhelfen wird.
Wie geht es Ihnen persönlich angesichts des nahenden Abschieds?
An den Gedanken des Abschieds habe ich mich schwer gewöhnt – was sicher verständlich ist, wenn man eine Aufgabe so lange und mit so viel Herzblut erfüllt hat wie ich. Aber ich bin mit mir im Reinen.
Was sind aus Ihrer eigenen Sicht die Highlights in Ihrer Bilanz?
Solch eine Frage zu beantworten ist schwer. Lassen Sie mich drei Punkte nennen. Erstens die Gigabit-Region, der Vertrag mit der Telekom, der bundesweit einmalig sicherstellt, dass in eineinhalb Jahren alle Gewerbegebiete in der Region an das 1-Gigabit-Breitbandnetz angeschlossen sein werden und bis 2030 zudem 90 Prozent aller Haushalte. Das ist für das mobile Arbeiten enorm wichtig.
Und zweitens?
Da denke ich an die Kooperation in Sachen Künstliche Intelligenz in einer eigens geschmiedeten großen Allianz der Räume Stuttgart, Tübingen, Reutlingen, Karlsruhe, Freiburg, Ostwürttemberg und Nordschwarzwald. KI wird unser Leben in den nächsten Jahrzehnten prägen. Da müssen wir Vorreiter sein. Und drittens: das Zusammenwachsen in der Region Stuttgart insgesamt.
Zu Ihrer Wahl 1995 wurde kommentiert: „Rogg kann sich gar nicht vorstellen, dass es hier Kommunen gibt in der Region, die sich nicht auf eine Zusammenarbeit freuen und einlassen. Der Mann wird sich noch wundern.“ War es so?
Genauso war es. Es war schwierig, wirklich schwierig über Jahre hinweg. Dass wir es heute geschafft haben, über alle Kommunen und alle Landkreise in der Region hinweg zu einer konstruktiven und fairen Zusammenarbeit zu kommen, das ist von unschätzbarem Vorteil. Allein deshalb hat sich der Einsatz gelohnt.
Zur Person
Karriere
Walter Rogg, geboren 1957 in Ravensburg, war 1995 Gründungsgeschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS). Seither hat er die Geschicke des Verbands sehr erfolgreich geleitet. Zuvor war er bei der Wirtschaftsförderung Sachsen Gründungsgeschäftsführer und vier Jahre lang Vorsitzender der Geschäftsführung.
Ausbildung
Bis 1986 absolvierte Rogg ein Volontariat bei der Schwäbischen Zeitung in Leutkirch und war vor allem in den Ressorts Wirtschaft, Politik und Stuttgart aktiv. hol