Wirtschaftskrise im Südwesten Ein Land auf der Suche nach sich selbst

Ministerpräsident Lothar Späth gelang es, Traditionsbewusstsein und Zukunftsglaube auszutarieren. Foto:  

Die Landtagswahl am 8. März fällt in eine Zeit des Umbruchs. Baden-Württemberg, einst Liebling der Götter, zeigt sich verzagt. Dabei ist das Land mit Wandel vertraut.

Wir haben uns selbst verloren. Aber haben wir uns jemals gehabt? Es ist gefährlich, die Sinnfrage zu stellen. Es könnte sein, dass sie ohne Antwort bleibt. Dann ist man mit sich allein, ohne zu wissen, wer man ist – und was man eigentlich soll auf dieser Welt; vorausgesetzt, dass es sie gibt, und nicht alles nur ein böser Traum ist. „Das Leben ist ein Schattenspiel“, klagt Macbeth. „Ein Märchen ist’s, erzählt von einem Dummkopf, voll Lärm und Wut, es bedeutet nichts.“

 

Shakespeare hat das notiert. „Macbeth“ ist eine Tragödie, die von Machtwahn und Verderbnis erzählt – als wäre es ein Stück von heute. Die Welt gerät außer Kontrolle. Nicht zum ersten Mal, nur dass die Instrumente der Selbstvernichtung immer gewaltiger werden. Viele, zu viele Menschen reagieren auf die Bedrohung mit dem Rückzug ins Private. Von der Politik erwarten sie wenig. Die Zeit der Gesellschaftsentwürfe ist vorbei. Man macht es sich zuhause schön. Oder gönnt sich eine Urlaubsreise. „Deutschland auf der Flucht vor der Wirklichkeit“: So betitelte das Kölner Rheingold-Institut für psychologische Marktforschung eine Erhebung aus dem Jahr 2023. Der Befund: „Die Politik bietet keine übergreifende Perspektive, die die Gestaltungskraft der Bevölkerung aktiviert.“

Viele Menschen fühlten sich von den Gegenwartskrisen überrollt, zögen sich in ihr Schneckenhaus zurück und wollten ihre Ruhe haben. Den Krieg in der Ukraine oder den Klimawandel blendeten sie aus, schreibt Stefan Grünewald, Studienleiter und Gründer des Rheingold-Instituts. In toto führe die Krisenverdrängung und die Hinwendung zum Privaten dazu, dass eine Mehrheit für einen übergreifenden Wandel überhaupt nicht mehr ansprechbar sei. Die Menschen konzentrierten sich ganz auf ihr eigenes Glück, auf den privaten Konsum und das Ausleben der eigenen Individualität. Sein Resümee: „Den Deutschen gelingt die Maximierung ihrer Zuversicht durch die Minimierung ihres Gesichtskreises.“

Zu Beginn der westdeutschen Demokratie waren die Deutschen der Politik ebenfalls müde. Kein Wunder nach dem Untergang der NS-Diktatur, die eine ganze Gesellschaft ideologisch verblendet und in den moralischen Bankrott geführt hatte. Aber man agierte in einem festen Rahmen: Der Feind stand im Osten, die Amerikaner beschirmten die junge Bundesrepublik und hielten sie zugleich unter Kontrolle. Und auch damals verdrängten die Deutschen – allerdings die Vergangenheit und nicht, wie heute, die Zukunft. Mit dem „Wirtschaftswunder“ festigte sich die Demokratie. Das Gegenbild zu der planwirtschaftlich gelenkten Parteidiktatur in der „Ostzone“ definierte die eigene Identität. „Freiheit oder Sozialismus“: Mit dieser Parole brachte 1976 Ministerpräsident Hans Karl Filbinger die CDU in Baden-Württemberg auf fast 57 Prozent.

Das Bundesland Baden-Württemberg war eine Spätgeburt. 1952 wurde der Südweststaat geschaffen: mit einem kleinen Abstimmungstrick zu Lasten der Südbadener, die damals schon glaubten, sie lebten dort, wo einst das Paradies gestanden haben musste. Auf den Höhen des Südschwarzwaldes wacht der Cherub mit dem Flammenschwert, um die Schwabenplage fernzuhalten. Die bestimmende Eigenschaft des Bindestrich-Landes liegt in seiner Dezentralität. Es gibt kein München, das mit seinem Glanz ganz Bayern überstrahlt. Dafür sind die Stadt-Land-Unterschiede weniger ausgeprägt. Baden-Württemberg ist wesentlich dichter besiedelt als der Nachbar im Südosten (315 zu 188 Einwohner pro Quadratkilometer).

Dennoch glaubt ein Großteil der Menschen im Südwesten, im ländlichen Raum zu leben. Das prägt die politische Mentalität. Zwar war die Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts rasch vorangeschritten. Doch eine klassenbewusste Arbeiterschaft entstand nur punktuell, vor allem in Mannheim und auch in Stuttgart. Die meisten Arbeiter, die in den Maschinenfabriken schufteten, verblieben auf ihren Dörfern und lebten in einem kirchlich und bäuerlich geprägten Umfeld. Nicht selten verfügten sie über einen Acker oder ein Stückle; in einem Verschlag neben dem bescheidenen Häusle grunzte ein Schwein, das, war seine Zeit gekommen, die Familie nährte. Für die Arbeit in der Fabrik nahmen diese Menschen oft weite Wege in Kauf.

Die CDU saugt die Wähler auf

Die Geschichte des neuen Bundeslandes begann mit einem Coup des Remstal-Liberalen Reinhold Maier, der sich mit Hilfe von SPD und der Vertriebenenpartei BHE 1952 zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Bereits ein Jahr später, 1953, erlangte Gebhard Müller für die CDU, die stärkste Partei im Landtag, dieses Amt. Die CDU musste es erst 58 Jahre später, 2011, wieder hergeben. Wie kam es zu dieser Dominanz? Die CDU begründete und verbreiterte ihre soziale Machtbasis in Baden-Württemberg in vier Schritten: 1. Als Nachfolgepartei des Zentrums bildeten Katholiken den Kern ihrer Wählerschaft, hinzu kamen konservative Protestanten. 2. In den frühen 1950er-Jahren band die CDU mit antikommunistischer Rhetorik die Vertriebenen an sich. 3. Nach Etablierung der sozialliberalen Koalition in Bonn 1969 wandte sich das Bürgertum vollends der CDU zu. 4. Mit dem ökonomischen Erfolg gewann die CDU schließlich die Arbeiterschaft. Ministerpräsident Lothar Späth (1978 bis 1991) stand auch bei Gewerkschaftern in Ansehen.

Dass die Grünen ausgerechnet in Baden-Württemberg früh Zuspruch fanden, liegt nicht – wie die Parteimythologie behauptet – an einem besonders obrigkeitskritischen, renitenten Menschenschlag im Südwesten. Vor 1945 hatte man die jüdischen Mitbürger genauso bereitwillig zur Schlachtbank expediert wie andernorts. Vielmehr verband sich im Land ein gesättigter Wohlstand mit einem bürgerlichen Wertkonservativismus. Bildungsaufsteiger – die Profiteure der nicht allein, aber maßgeblich von der SPD vorangetriebenen Bildungsreformen – wandten sich unter dem Eindruck von Umweltverschmutzung und atomarer Bedrohung den Grünen zu. Als Ideengeber erwiesen sich Sozialdemokraten wie der SPD-Vordenker Erhard Eppler oder der Waiblinger Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, der „Sonnenpapst“, ein maßgeblicher Wegbereiter der Solarenergienutzung.

In den 1980er-Jahren galt Baden-Württemberg als Experimentierfeld für ein modernes Deutschland. Das „Geo“-Magazin widmete dem Südwesten ein Heft, dessen Titelseite einen Schwarzwaldhof mit Solardach vor Bergkulisse zeigte. Die Botschaft lautete: Tradition und Modernität verschwistern sich. Der Fortschrittsglaube war angeknackst, auf der Höhe der Zeit bewegte sich, wer Technik mit Umweltverträglichkeit verband. 1986 veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“. Sein Befund: Die Industriegesellschaft mit dem Klassenkampf als Gefechtsfeld geht in die Risikogesellschaft über, für die Zielkonflikte zwischen Wirtschaftswachstum und Naturerhalt bestimmend sind.

Diese Perspektive zeigt nicht mehr die Arbeiter als Akteure des gesellschaftlichen Fortschritts, sondern die neuen sozialen Bewegungen, zu denen man heute die Klimaaktivisten zählen würde. Leitwert der (post-)modernen Gesellschaft ist nicht mehr Solidarität, sondern Individualismus – mit allen Problemen, die er aufwirft. 1984 weihte Ministerpräsident Späth die neue Staatsgalerie in Stuttgart ein: ein Gebäude, das die Postmoderne in Architektur übersetzt. Lothar Späth war das Gesicht des Landes an der Schwelle von der alten Industriegesellschaft zur Postmoderne. Der flamboyante Politikkünstler verkörperte die Synthese von „Hightech“ und „Highculture“, von Industrieroboter und Opernbühne.

Der wirtschaftliche Strukturwandel ist Baden-Württemberg nicht unbekannt. Textil-, Uhren- und Unterhaltungselektronikindustrie verschwanden großenteils, selbst der Maschinenbau und die Autobranche schwächelten zwischenzeitlich, vermochten sich aber mit Innovationen immer wieder neu zu erfinden. Aktuell plagt Baden-Württemberg eine tiefe Identitätskrise. Im säkularen Prozess der Digitalisierung ist das Land mehr duldendes Objekt als treibendes Subjekt. Ist man vielleicht doch nicht so toll, wie man immer glauben wollte?

Besitz als Ausdruck eines gottgefälligen Lebens

Wenn die Identität auf ökonomischen Erfolg beruht, zerbröselt die innere Stabilität, sobald dieser ausbleibt. Für Baden-Württemberg mag dies besonders gelten. Wohlstand ist angenehm, ja, aber ihm wird auch eine moralische Qualität zugemessen. Er erbringt den Nachweis der Tugendhaftigkeit, die sich in Arbeitsfreude, Pflichtbewusstsein, Tüchtigkeit äußert. Besitz gilt als Ausdruck eines gottgefälligen Lebens. Ein Fluidum protestantischer Ethik, wie sie von Max Weber beschrieben wurde, ist noch wahrnehmbar.

Demokratie und Wohlstand haben sich in der Nachkriegserfahrung verschwistert. Daher rührt die deutsche Furcht, in der Krise schwinde der Wunsch nach Freiheit zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit, auch wenn diese autoritär daherkommt. Eine Verrohung des öffentlichen Diskurses ist jedenfalls unverkennbar. Härte zeigen gilt wieder als en vogue. Das führt zu Verhältnissen wie in den USA. Das Beispiel USA beweist allerdings auch, dass öffentlicher Protest wirksam ist. Trump reagierte auf den Widerstand auf den Straßen von Minneapolis. Deshalb ist es falsch, die Politik aus dem eigenen Leben auszublenden – auch wenn sie oft wenig angenehm anzuschauen ist. Ein Rückzug ins Private gibt den Weg frei für die Dämonen der Unfreiheit. Die Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu und James Robinson zeigen in einer Studie („Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut“), wie demokratische Institutionen, geregelte Verfahren und Bürgerrechte den Wohlstand fördern. Sie sind die Voraussetzung für Wohlstand, nicht umgekehrt. 2024 erhielten sie dafür den Wirtschaftsnobelpreis.

„Erheitre deinen Blick: Ein tiefer Fall führt oft zu einem höheren Glück“, rät der Feldherr Caius Lucius in Shakespeares „Cymbeline“. Im „Othello“ heißt es: „Unser Körper ist unser Garten, und unser Wille der Gärtner.“ Wem das zu poetisch ist, der sei auf die alte Weisheit hingewiesen, am Ende komme es darauf an, einmal mehr aufzustehen als hinzufallen. Ob das Leben nur ein Schattenspiel ist – oder nicht, das bleibt sich letztlich gleich. Ein anderes haben wir nicht.

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