KommentarWirtschaftsmigration in Europa Begehrte Arbeitskräfte

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Der Zustrom an Arbeitskräften aus Osteuropa schwächt sich ab. Ohne eine klug gesteuerte Zuwanderung bekommen auch deutsche Unternehmen Probleme bei der Besetzung von freien Stellen, meint Wirtschaftsredakteur Thomas Thieme.

Branchen wie das Gastgewerbe sind auf Zuwanderer aus Osteuropa angewiesen. Foto: dpa
Branchen wie das Gastgewerbe sind auf Zuwanderer aus Osteuropa angewiesen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Menschen gehen dorthin, wo sie Arbeit finden. Wenn das ihre Heimat ist – umso besser. Daher ist die Tatsache, dass es eine nennenswerte Zahl von Abwanderern in Richtung Ost- oder Südosteuropa gibt, zunächst einmal ein positiver Befund dafür, dass Europa seinen wirtschaftlichen Erholungskurs fortsetzt.

Gerade hat die europäische Statistikbehörde Eurostat die geringste Arbeitslosigkeit seit acht Jahren für alle Staaten zwischen Finnland und Portugal festgestellt: In der Eurozone lag die Erwerbslosenquote bei 9,1 Prozent, in der EU bei 7,6 Prozent. Ein Land wie Tschechien erreicht mit einer Quote von 2,9 Prozent sogar den Bereich, ab dem Volkswirte von Vollbeschäftigung sprechen. Die Kehrseite des Aufschwungs ist die zunehmende Fachkräfteknappheit. Sie gefährdet das Wachstum von Unternehmen und ganzen Wirtschaftszweigen.

Betriebe müssen mehr Anreize setzen oder neue Standorte eröffnen

Im Wettbewerb um Arbeitnehmer – egal ob Akademiker, Facharbeiter oder Geringqualifizierte – gibt es für Betriebe zwei Ansätze: Entweder sie steigern die Attraktivität der Arbeit an den heimischen Standorten, oder sie gehen dorthin, wo sie genügend Arbeitskräfte finden. Unterlassen sie beides, bekommen sie über kurz oder lang Schwierigkeiten. Im verarbeitenden Gewerbe sind steigende Auftragseingänge ohne personelle Verstärkung nicht mehr zu bewältigen. Im Dienstleistungssektor – etwa im Gastgewerbe, Handel oder Gesundheitswesen – gibt es die zweite Möglichkeit nicht. Hier sind die Kunden respektive Patienten die Leidtragenden – genauso wie das vorhandene Personal, dem die Mehrarbeit aufgebürdet wird.

Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der allem Anschein nach noch länger anhaltende hohe Arbeitskräftebedarf in einer schrumpfenden und alternden deutschen Gesellschaft auch durch Zuwanderung gedeckt werden kann. Einzelne Instrumente wie die Bluecard für Hochqualifizierte sind viel zu kleine Schritte auf diesem Weg. Das Gleiche gilt für die seit Anfang 2016 geltende Westbalkanregelung, die auch Geringqualifizierten das Kommen ermöglicht, wenn sie einen Arbeitsvertrag nachweisen. Die viel zu lange in maßgeblichen Teilen der Politik dominierende Vorstellung, Migration ohne ein modernes Einwanderungsgesetz erfolgreich zugunsten der Wirtschaft steuern zu können, ist jedenfalls gescheitert.