Krawummm. Die Wucht des Aufpralls ist dermaßen laut, dass die Anwesenden zuvor gebeten werden, sich die Ohren zuzuhalten. Doch trotz des improvisierten Gehörschutzes fährt einem der Knall durch Mark und Bein. Soeben haben die Prüfingenieure von Mercedes-Benz in Sindelfingen eine EQE-Limousine kontrolliert mit exakt 50 Kilometern pro Stunde an die Mauer gesetzt. Aus sicherer Entfernung beobachtet dies am Montag die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), die an diesem Tag den Kreis Böblingen bereist.
Nachdem der kurze Spuk vorbei ist und sowohl die Werksfeuerwehr als auch Entwickler bestätigen können, dass von dem Hochvolt-Wrack keine Gefahr mehr ausgeht, darf die Delegation es aus der Nähe begutachten. Der EQE wurde per Seilzug auf einer der drei Crash-Bahnen in der imposanten Halle an die Wand gefahren. Die Front ist komplett zertrümmert, Splitterteile liegen auf dem Boden, Kühlflüssigkeit tröpfelt aus der Fahrzeugfront. Doch der Innenraum blieb wie durch ein Wunder nahezu unbeschädigt. Von einem lauten Knarzen abgesehen, lassen sich die Türen ohne große Mühe öffnen.
Die Ministerin zeigt sich beeindruckt, als sie das Wrack beäugt. Kein Geringerer als der Mercedes-Vorstand für Forschung und Entwicklung, Markus Schäfer, ist an diesem Tag in die Crash-Halle gekommen, um ihr den Stand der Technik zu präsentieren. Mercedes investiere jährlich acht Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. „Innerhalb der vergangenen vier bis fünf Jahre hat sich dieser Betrag verdoppelt“, sagt der Herr über rund 13 000 Mitarbeiter in diesem Bereich.
Sicherheit als Markenkern
Die Sicherheit gehöre seit jeher zum Markenkern von Mercedes-Benz, sagt Schäfer. Wegweisende Erfindungen wie die Knautschzone, der Airbag, das Anti-Blockier-System oder das Elektronische Stabilitätsprogramm seien in Sindelfingen geboren worden. Schäfer: „Die Fahrzeugsicherheit ist eine der Grundwerte dieser Region.“ Trotzdem liegt an diesem Tag eine gewisse Nervosität über der Veranstaltung. Stichwort: Strafzölle gegen China. Die Diskussion auf europäischer Ebene, den europäischen Markt stärker gegen die subventionierten Elektroautos aus dem Reich der Mitte abzuschotten, kommt bei den Mercedes-Bossen gar nicht gut an.
„Wir hoffen, dass es keine Gegendebatte gibt“, sagt Schäfer halblaut, als er die Bedeutung des chinesischen Marktes gerade für den Standort Sindelfingen betont. Hier würden die Flaggschiffe des Konzerns gebaut, für die China mit der wichtigste Absatzmarkt ist: S-Klasse, E-Klasse, Maybach, EQS. Zieht man Einfuhrzölle hoch, ist davon auszugehen, dass China seinerseits reagiert und die Einfuhr europäischer Autos teurer macht. Das würde gerade die deutschen Hersteller empfindlich treffen.
Schäfer: „Bauen das, was Kunden erwarten“
Auf die kritischen Stimmen, Mercedes würde sich mit seiner Strategie nur noch auf das Luxussegment konzentrieren und die bürgerliche Mitte aus dem Blick verlieren, antwortet Schäfer: „Wir bauen das, was die Kunden erwarten.“ Er schiebt aber gleich hinterher, dass es auch weiterhin kompakte Modelle mit Stern geben werde. Der Blick in die Mercedes-Zukunft verspricht neben neuen Fahrzeug-Plattformen vor allem digitale Innovationen: Ein eigenes Betriebssystem, mehr Entertainment im Auto und vor allem: autonomes Fahren, bei dem der Konzern der weltweiten Konkurrenz derzeit vorausfahre.
Die CDU-Ministerin zeigt sich beeindruckt davon, was bei Mercedes in Sindelfingen alles am Werden ist und sichert zu, die Landesregierung werde sich weiterhin für gute Rahmenbedingungen einsetzen. „Die Automobilwirtschaft erlebt aktuell zweifelsohne turbulente Zeiten“, sagt sie. In der Diskussion hätten viele Menschen den Aspekt der Fahrzeugsicherheit nicht so sehr im Blick. Doch sie sei ein relevantes Kriterium für Wettbewerbsfähigkeit, das Zentrum in Sindelfingen dafür „ein Leuchtturm“, nicht nur in Baden-Württemberg.
Nach Mercedes ins Ai xpress
Mit zur Delegation bei dem Crashtest gehören die Landtagsabgeordneten Florian Wahl (SPD) und Hans-Dieter Scheerer (FDP) sowie der Böblinger Landrat Roland Bernhard. Er sagt, man habe der Ministerin „die Kronjuwelen im Landkreis wie an einer Perlenkette aufgereiht.“ Am Mittag besichtigte sie das Bosch-Entwicklungszentrum in Renningen, nach dem Mercedes-Termin geht es weiter nach Böblingen ins AI xpress. Jenes Gründerzentrum, das Landkreis und Stadt jährlich mit viel Geld unterstützen, um innovative Start-ups nach Böblingen zu locken.
Doch neben Glanz und Glorie habe Bernhard der Ministerin auch Forderungen präsentiert. Der Böblinger Landrat habe in Sachen Lückenschluss zwischen der B 295 und der B 464 noch mal den Finger in die Wunde gelegt: „Es ist wirklich eine Schande, dass dieser Zustand immer noch besteht“, sagt er. Darauf angesprochen sagt Hoffmeister-Kraut, die Landesregierung sei stets bestrebt, „Schiene, Straße und die digitale Infrastruktur im Gleichklang auszubauen.“ In puncto Digitalisierung sei der Kreis Böblingen ja gut aufgestellt. Zur Straße und zur Schiene ist ihr indes kein weiteres Statement zu entlocken, der nächste Termine warte bereits.
Crashtest-Dummies
Puppen
Die Dummies sind wichtiger Bestandteil der Crashtests aller Automobil-Hersteller. In ihrem Inneren befinden sich laut Mercedes 220 Sensoren, um den Aufprall genau zu dokumentieren.
Preis
Beim Tipp, wie viel so ein Dummy kostet, liegen Laien garantiert daneben. Tatsächlich liegt der Preis bei etwa einer Million Euro.
Bandbreite
Mercedes in Sindelfingen hat 120 Dummies im Inventar. Deren Größe und Gewicht richtet sich nach strengen Vorgaben der Behörden – und bilden den Querschnitt der Bevölkerung ab.
Pflaster
Für die Crashtests werden Dummies Pflaster mit Farbstreifen auf Gesicht und Beine geklebt. An den Farbmarken auf den Airbags lässt sich ablesen, wo sie aufgeprallt sind.
Hersteller
Weltweit gibt es nur zwei Hersteller für die Menschenpuppen, beide sitzen in den USA. Das Land hat mit die strengsten Vorgaben für den Insassenschutz.