Der Franzose Jean Tirole ist ein Verfechter des freien Wettbewerbs, kennt aber auch deren Grenzen – etwa auf den Finanzmärkten. Die Verleihung des Nobelpreises an ihn ist auch eine Mahnung, die Lehren aus der Finanzkrise nicht zu vergessen.

Stuttgart - Wie können die Schwächen des Marktes durch bessere Spielregeln gemildert werden? Dies ist das zentrale Thema des französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Tirole, der in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt wurde.

 

Das Nobelkomitee hatte insbesondere Tiroles Vorschläge zu einer besseren Regulierung des globalen Finanzsystems im Blick – seit dem Börsenkrach 2008 ein ungelöstes Thema. „Der diesjährige Preis handelt vom Zähmen mächtiger Firmen“, sagte der Ständige Sekretär der Wissenschaftsakademie, Staffan Normark. Tirole habe gezeigt, wie auch Märkte mit übermächtigen Akteuren reguliert werden könnten. Die Preisverleihung ist damit auch ein Kontrapunkt zur üblichen Dominanz von US-Ökonomen.

Der französische Ökonom hat schon im Jahr 2010 unter dem Titel „Balancing the Banks“ („Die Banken ins Gleichgewicht bringen“) ein Buch mit praktischen politischen Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Dort geißelte er die damals geplanten Reformen der Finanzmärkte als unzureichend und forderte mehr globale Zusammenarbeit. „Das Buch offeriert einen nützlichen, nicht amerikanisch geprägten Blick auf das Finanzsystem“, schrieb die US-Zeitschrift Foreign Affairs über das von der Universität Princeton publizierte Werk.

Der 61-jährige Wirtschaftswissenschaftler, der an der Universität Toulouse lehrt, versucht Disziplinen und Sichtweisen, die in der Wirtschaftswissenschaft oft nebeneinander her existieren, miteinander zu verknüpfen. Tiroles breites Interesse an sozialwissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen sei bemerkenswert, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Martin Peitz, der 2011 zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Mannheim an Tirole die Laudatio hielt. Ideologie sei dem bescheidenen Franzosen fremd: „Er ist ein Teamspieler und will die Leute überzeugen.“ Die Universität Mannheim würdigte damals Tiroles Weitsicht: Er habe sich schon den Achtzigerjahren mit der Entstehung von Spekulationsblasen befasst.

Der Franzose sucht nach Rezepten für die Finanzmärkte

Tirole hat die von ihm weiterentwickelten, theoretischen Modelle der Spieltheorie und der Informationstheorie (siehe Infokasten) immer auch nach der praktischen Relevanz abgeklopft. „Jean Tirole ist ein liberaler Ökonom, der an die Vorteile des freien Wettbewerbs glaubt“, schrieb die linksliberale französische Tageszeitung „Libération“ über ihn: „Aber er kennt besser als viele Verächter des Marktes auch dessen Schwächen.“ Der Franzose, der sich nach einem Zwischenspiel am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Jahren 1984 bis 1991 gegen eine Karriere in den USA entschied, um ein wirtschaftswissenschaftliches Forschungszentrum in Toulouse aufzubauen, sei „sowohl Idealist als auch Pragmatiker“. Seit der großen Finanzkrise 2008 hat sich Tirole intensiv mit der Frage beschäftigt, wie künftig derartige Desaster verhindert werden können – etwa dadurch, dass der Staat den Banken die Anreize zu egoistischen und für die Gesamtwirtschaft letztlich ruinösen Spekulationen nimmt.

Auch andere gesellschaftspolitisch bedeutende Themen stehen auf seiner Agenda, etwa die im Internetzeitalter besonders wichtige Frage, wie man die Netze so regulieren kann, dass es einerseits wirtschaftliche Anreize zum Ausbau der Infrastruktur gibt und andererseits die Nutzer keinen zu hohen Preis bezahlen müssen. Auch über ökonomische Konzepte für den Klimaschutz hat sich der französische Nobelpreisträger Gedanken gemacht.

Tirole hatte zu Beginn seiner Laufbahn zunächst keinen Bezug zur Welt der Ökonomie. Der Sohn einer Ärztin und einer Lehrerin für Geisteswissenschaften studierte erst an der renommierten Pariser École Polytechnique Straßenbau. Erst danach stieß er wegen seiner Faszination für die praktische Anwendung mathematischer Modelle zu den Wirtschaftswissenschaften. Ihn faszinierte, dass man hier theoretische Erkenntnisse in praktische Empfehlungen ummünzen konnte.

„Diese Disziplin analysiert Verhaltensweisen, um der Politik Empfehlungen geben zu können. Sie will letztlich versuchen, die Welt zu verbessern“, sagte Tirole im Jahr 2007 anlässlich der Auszeichnung mit dem vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) vergebenen Goldmedaille für wissenschaftliche Leistungen. In seinem Heimatland ließ sich Tirole allerdings nie für eine bestimmte wirtschaftspolitische Richtung einspannen und beriet sowohl rechte als auch linke Regierungen – etwa mit Empfehlungen zur Neugestaltung der gesetzlichen Regelungen für Arbeitsverträge.

Was sind Spieltheorie und Informationstheorie?

Spieltheorie
– Die Spieltheorie ist eine der beiden zentralen Grundlagen für Jean Tiroles Marktverständnis. Die Theorie untersucht Situationen, in denen Individuen Entscheidungen in dem Wissen treffen, dass das Ergebnis ihres Handelns vom Verhalten anderer abhängt. Ein Fußgänger, der erwartet, dass Autofahrer normalerweise am Zebrastreifen stoppen, verhält sich anders als einer, der sich nicht darauf verlassen will. Andererseits beeinflusst auch das Verhalten der Fußgänger die Autofahrer. Je mehr diese davon ausgehen, dass Fußgänger im Allgemeinen nicht auf den Zebrastreifen vorpreschen, umso weniger rücksichtsvoll werden sie sich dem Überweg nähern.

Informationstheorie
– Während in unserem Beispiel für die Spieltheorie beide Seiten gleichgewichtig das Geschehen beeinflussen, beschäftigt sich die Informationstheorie mit möglichen Ungleichgewichten bei der Information. Nicht alle Spieler auf dem Markt sind auf dem gleichen Stand. Wenn es möglich wird, mit verdeckten Karten zu spielen, ist dies das Einfallstor für ein Verhalten, dass das faire Spiel der Marktkräfte verzerrt. Der Verkauf von Hypothekenpapieren vor der Finanzkrise war ein Beispiel dafür: Banken wussten, welche Schrottwerte sie anboten, ihre Kunden nicht. Jean Tirole hat sich mit den so erzeugten Verwerfungen beschäftigt