Wirtschaftsregion „Wir müssen unabhängiger vom Weltmarkt werden“
Michael Kaiser, der oberste Wirtschaftsförderer der Region, setzt alles daran, die Stuttgarter Spitzenposition zu verteidigen.
Michael Kaiser, der oberste Wirtschaftsförderer der Region, setzt alles daran, die Stuttgarter Spitzenposition zu verteidigen.
Seit rund zwei Jahren ist Michael Kaiser Chef der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) – und damit Nachfolger von Walter Rogg, der die WRS 30 Jahre lang erfolgreich geführt hat. Mit einer neuen Strategie will Kaiser die Region fit für die Zukunft machen.
Herr Kaiser, Ihr erklärtes Ziel ist es, Stuttgart zur wettbewerbsstärksten Region Europas zu machen. Wie lang ist der Weg dorthin?
Meines Erachtens gehört der Großraum Stuttgart schon jetzt dazu. Aber es geht darum, dieses Niveau zu halten. Das wird uns nur gelingen, wenn wir uns als Wirtschaftsregion stetig verbessern. Es geht also darum, immer wieder Neues zu wagen, Prozesse zu verstetigen und zu optimieren. Wenn Sie mich also nach der Länge des Wegs fragen: Es ist einer, der niemals endet.
Was muss denn konkret geschehen, damit die Region dauerhaft Spitzenreiter bleibt?
Für uns hier in der Region ist es extrem wichtig, die Wirtschaftskompetenz und den Bestand an Unternehmen zu modifizieren. Wir müssen einerseits die bereits existierenden Unternehmen auf ihrem Weg durch den Transformationsprozess begleiten. Dabei geht es an vorderster Stelle um Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Andererseits müssen wir für mehr Breite, auch durch Gründungen oder Ansiedlungen in den zukunftsrelevanten Branchen sorgen. Und: wir brauchen qualifizierte Fachkräfte.
Die Region definiert sich nach wie vor zu sehr über das Auto?
Natürlich sind wir sehr stark im Automobil- und Maschinenbau. Das ist auch gut so. Aber im Transformationsprozess müssen wir auch dafür sorgen, neue Branchen zu stärken.
Das ist ja auch eines der Hauptanliegen des neuen Strategiepapiers der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). Was sind die anderen Hauptanliegen?
Wir wollen die Unternehmen, die wir haben, mitnehmen in der Neuaufstellung in Richtung Zukunft und dabei auf den vorhandenen Stärken aufbauen. Dabei stellt sich dann auch die Frage, welche Chancen es für Unternehmen und Beschäftigte gibt, die vielleicht morgen nicht mehr in der Automobilbranche arbeiten können.
Welchen Weg sollten diese einschlagen?
Wir werden uns intensiv mit den Themen Luft- und Raumfahrttechnik und Sicherheit und Verteidigungstechnik beschäftigen. Zudem werden wir uns verstärkt der Umwelttechnik zuwenden. Da sind Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft Stichworte. Neu ist für uns auch, die Transformation in der Bauwirtschaft ein Stück weit mit begleiten zu wollen. Ich bin fest überzeugt, dass sich mit dem Wissen, dass wir in der Region Stuttgart haben, mehr Wertschöpfung generieren lässt. Unser Motto ist da ganz klar: Wir wollen die Stärken stärken.
Und die IT?
Im IT-Bereich sehen wir im Bereich Robotik und Chips - dabei meine ich konkret die Herstellung photonischer Chips für KI-Anwendungen - große Möglichkeiten. Überhaupt werden künstliche Intelligenz und Quanten ein Riesenthema für die Region werden. Ein Feld, dem wir uns zudem verstärkt widmen wollen, ist das Thema Start-up-Entwicklung und Begleitung. Wir haben ein tolles Ökosystem junger Unternehmen hier. Deren Arbeit müssen wir noch stärker als bisher unterstützen. Dazu wollen wir die Arbeit der vielen Organisationen, die Start-ups unterstützen, besser koordinieren. Ein letztes großes Thema, was wir neu aufbauen, ist das Thema Ansiedlungsstrategie. Wir müssen Ansiedlungen stärker begleiten und mehr als bisher für den Standort werben.
Wäre es in der aktuellen Ausnahmesituation nicht sinnvoll, das unternehmerische Konkurrenzdenken nach hinten zu stellen und firmenübergreifend zusammenzuarbeiten, um gemeinsam Strategien für die Zukunft zu entwerfen?
Absolut, gerade wenn wir in Wertschöpfungsketten denken. Die aktuelle geopolitische Lage zeigt, wo wir in unserer Region anfällig sind - nicht nur im Export, sondern auch im Import.
Beim Import auch? Können Sie da ein Beispiel nennen?
Wenn Sie allein die Chipherstellung betrachten: Wir sind darauf angewiesen, Chips zu importieren. Die kommen vor allem aus dem US-amerikanischen und asiatischen Raum. Wir müssen aber unabhängiger vom Weltmarkt werden und sicherstellen, dass wir an die Produkte, die wir unbedingt brauchen, auch tatsächlich herankommen.
Wie könnte da eine Lösung aus Sicht der Region aussehen?
Wir sollten uns mehr Gedanken über die Potenziale der Kreislaufwirtschaft machen. Und wir sollten verstärkt auf dem europäischen Markt auch europäische Produkte nutzen. Ein konkretes Beispiel: Es gibt in Europa viele gute Softwarelösungen. Wir fokussieren uns aber oft sehr stark auf US-amerikanische Software. Das ist nicht schlecht per se, aber wir machen uns abhängig. Diese Abhängigkeit müssen wir uns sehr genau anschauen.
Welche Rolle spielt die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart?
Wir können zunächst sensibilisieren und mit Beispielen zeigen, wie es funktionieren kann. Und natürlich schaffen wir Formate, um Unternehmen derselben Branchen oder wirtschaftlichen Ausrichtung zusammenzubringen. Unsere Aufgabe als Wirtschaftsförderung ist es, Kooperationen zu schmieden oder gemeinsam auch Projekte anzubieten. Beispielsweise gibt es das Transformationsnetzwerk CARS 2.0, das wir explizit an die Automobilwirtschaft und den Maschinenbau adressieren. Gemeinsam mit regionalen Partnern schauen wir, wie wir diesen Branchen gemeinsam helfen können.
Ist die Erkenntnis, dass es nur gemeinsam geht, schon bei den Firmen angekommen?
Ich würde sagen: In der Breite ja, aber noch nicht bei allen. Mittlerweile ist es so, dass man wirklich vertrauliche Zirkel einberufen kann, in denen sich Unternehmensvertreter zu bestimmten Themen austauschen, die früher geheim waren. Diese Offenheit, gemeinsam zu lernen, zu adaptieren und gemeinsam zu denken, wächst.
Welche Rolle spielt denn KI für die Region Stuttgart?
Eine sehr große. KI hat dabei zwei Komponenten: Zum einen bietet sie die Möglichkeit der Effizienzsteigerung. Sie ist für viele Menschen aber auch ein großer Unsicherheitsfaktor. Die Frage ist also, wie gehen wir mit dem Thema um. Letztlich muss jedes Unternehmen für sich selber entscheiden, wie es in die Digitalisierung reingehen will, welche Produkte es nutzen will. Klar ist aber, dass Unternehmen, die KI nicht einsetzen, auf lange Sicht am Markt verlieren werden. Man muss sich also damit beschäftigen, aber jedes Unternehmen muss sehr dezidiert entscheiden, was es nutzen willen – und was nicht.
Tun sich kleine und mittlere Unternehmen damit besonders schwer?
Die Frage ist immer, welche Ressourcen habe ich, um mich intensiv damit zu beschäftigen. Kleine Unternehmen haben in der Regel Limitierungen in den personellen Ressourcen, in der Struktur und auch in den Finanzen. Und manchmal ist der nächste Auftrag wichtiger als sich mit strategischen Zielen zu beschäftigen.
Wäre es nicht sinnvoll, wenn kleine und mittlere Unternehmen firmenübergreifend Teams bilden würden, die sich mit solch wichtigen Zukunftsfragen beschäftigen könnten?
Das ist eine sehr gute Idee. Das unterstützen wir gerne. Für uns ist es wichtig, Formate anzubieten, bei denen sich solche Unternehmen treffen können.
Und um was kümmert sich die WRS nicht mehr?
Wir haben beispielsweise das Thema Logistik bei uns rausgenommen. Das zweite Thema, was bei uns auch immer mal wieder auf dem Tisch lag, ist die Landwirtschaft. Diese beiden Felder zählen zukünftig nicht zu unseren Schwerpunktthemen.
Es wird immer von einer drohenden Wirtschaftskrise geredet. Ist die Region darauf vorbereitet.
Davon gehe ich aus. Die Situation in der Region ist angespannt. Von Angst würde ich aber nicht reden – und es gibt auch keinen Grund dafür. Die Wirtschaft hier ist extrem wandlungsfähig und hat immer wieder bewiesen, dass sie sehr gut auch auf Krisen reagieren kann. Solche Krisen bieten ja auch die Chance, sich einmal genauer das eigene Portfolio anzuschauen und über die Sinnhaftigkeit der eigenen Produktpalette nachzudenken.
Das Gespräch führte Kai Holoch
Position
Michael Kaiser (50) ist seit 2023 Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS). Daneben ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Gigabit Region Stuttgart sowie der Film- und Medienfestival-Gesellschaft und sitzt im Vorstand der KI-Allianz Baden-Württemberg.
Persönliches
Vor seiner Tätigkeit bei der WRS war Kaiser viele Jahre Direktor der Wirtschaftsförderung der Stadt Karlsruhe. Der gelernte Industriekaufmann und Diplom-Geograph ist verheiratet und hat zwei Kinder. hol