Wirtschaftsvertreter schlagen Alarm Konjunkturmotor im Kreis Böblingen stottert hörbar

IHK-Böblingen blickt in die Zukunft (v.l.n.r.): Amin Khalsi, Katja Pacholczyk, Andreas Weeber, Marion Oker, Christina Almert Foto: sts

Bürokratie, Zollschranken, teure Energie und zu wenig Personal und Wohnungen: Das neue IHK-Präsidium legt vor der Wahl den Finger in die Wunde.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Sicherlich hätte sich das neu gewählte IHK-Präsidium gewünscht, zum Start bessere Nachrichten in Böblingen verkünden zu können. Doch der IHK-Konjunkturbarometer spricht eine deutliche Sprache: „Die Konjunktur verharrt im Krisenmodus“, sagt der neue IHK-Präsident Andreas Weeber, Inhaber der gleichnamigen Autohandels-Gruppe mit rund 700 Mitarbeitern. „Geringe Nachfrage, Kostendruck, strukturell negative Rahmenbedingungen und ein politisch instabiles Umfeld“ ließen bei den Betrieben wenig Optimismus aufkommen, sagt er. Das zeigten die Zahlen.

 

Ein Drittel der Unternehmen sei mit der Geschäftslage unzufrieden, bei 42 Prozent der Befragten ging die Auftragslage sogar zurück. Der Geschäftsindikator bleibt mit minus 9,1 Punkten also negativ, auch wenn er sich im Vergleich zum Herbst leicht verbessert hat von minus 12,7 Punkten.

Der Blick in die Zukunft bleibt bei den Befragten nach wie vor trübe, die Geschäftserwartungen negativ. Am düstersten allerdings fällt der Blick in den industriellen Bereich aus, der im Kreis Böblingen traditionell einen hohen Stellenwert hat. „Wir können lediglich eine minimale Aufhellung der Lage von ‚ganz schlecht’ zu ‚schlecht’ feststellen“, sagt IHK-Vizepräsident Amin Khalsi, der eine Industriebuchbinderei betreibt und die Schwankungen der Konjunktur unmittelbar abkriegt. Nur 13 Prozent der befragten Industrieunternehmen bezeichneten ihre Geschäftslage als „gut“ – 40 Prozent sehen diese als „schlecht“. Ähnlich düster sind die Erwartungen: Nur noch 19 Prozent der Firmen sind optimistisch, 32 Prozent erwarten eine weitere Verschlechterung.

Dienstleister verhalten optimistisch

Einzig der Dienstleistungssektor geht mit stabilen Erwartungen ins neue Jahr: Der Indikator bleibt bei plus sechs Punkten. Grund für den verhaltenen Optimismus ist die stabile Auftragslage: Knapp 37 Prozent der Befragten freute sich zuletzt über ein anziehendes Geschäft. Doch der Handel als weitere wichtige Säule der heimischen Wirtschaft ächzt nach wie vor unter der Rezession: Nur zehn Prozent rechnen mit einer Verbesserung, 23 Prozent sehen ein weiteres Abrutschen in die Flaute.

Die Gründe für den stotternden Konjunkturmotor sind nicht neu, doch das neue Präsidium legt den Finger vor der Bundestagswahl noch mal in die Wunde: „Die überbordende Bürokratie ist nach wie vor ein massiver Wettbewerbsnachteil“, sagt IHK-Präsident Weeber. Ein Beispiel seien die neuen Vorgaben zur Nachhaltigkeits-Berichterstattung in den Bereichen Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Führung), abgekürzt ESG. Weeber: „Das kostet in meinem Unternehmen schnell einen sechsstelligen Betrag und bindet Kapazitäten, die an anderer Stelle fehlen.“

Ebenso drücke der Schuh beim Thema Fachkräfte, an denen es noch immer mangele, wenngleich die Lage sich etwas entspannt hat. Stimmungskiller im exportabhängigen Landkreis Böblingen sei außerdem die Zolldebatte, angestoßen durch die neue US-Regierung unter Donald Trump sowie eine zu zaghafte Digitalisierung auf vielen Ämtern.

Gibt es denn gar keine Lichtblicke? Wenn, dann nur schwache, sagt das Präsidium unisono. Weeber legt große Hoffnungen in eine neue Bundesregierung. „Immerhin hat man verstanden, wie wichtig die Wirtschaft ist“, sagt er. Außerdem verzeichne die IHK wieder mehr Gründungen: „Hier passiert gerade richtig viel“, sagt IHK-Geschäftsführerin Marion Oker. Dies sei in der Geschichte ein häufiger Effekt gewesen, sagt der stellvertretende IHK-Geschäftsführer Tilo Ambacher: „Als in den 1990er Jahren die IBM viele Stellen mit Abfindungen abgebaut hat, haben das viele als Startkapital für ein eigenes Unternehmen genutzt“, sagt er.

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