Wirtschaftswissenschaftler Christian Kreiß „Wir brauchen eine Inflation!“

Christian Kreiß glaubt, dass die Rezession mindestens zwei Jahre anhalten wird.Foto:privat Foto:  

Welche langfristigen Folgen hat der Lockdown? Christian Kreiß, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Aalen, über Verschwörungstheorien, Informationslücken, Überkapazitäten, Konjunkturprogramme und einen Geistesblitz des amerikanischen Präsidenten.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Aalen - Christian Kreiß, 57, ist ein Querdenker unter den deutschen Ökonomen. In seinen Büchern prangert der Aalener Hochschulprofessor die „Dominanz der Gier“ in der Wirtschaftswelt an, die er einst als Investmentbanker selbst erfahren hat. Nun sucht Kreiß nach einem Weg aus der Corona-Krise.

 

Herr Kreiß, Sie haben als Wirtschaftsexperte in diesem Jahr mit der Gewerkschaft Verdi, dem Deutschlandfunk, aber auch dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen gesprochen. Geben Sie jedem Auskunft?

Grundsätzlich ja. Ich vertrete allen Menschen gegenüber offen meine Meinung – also das, was ich für die Wahrheit halte.

Mittlerweile hat Jebsen den Lockdown mit der Machtergreifung 1933 durch die Nazis verglichen und ihn als Gehorsamsexperiment bezeichnet. Würden Sie sich trotzdem noch von ihm interviewen lassen?

Schwierige Frage. Durch Corona hat sich ja alles Mögliche geändert – auch meine Wahrnehmung von Herrn Jebsen und seinem Youtube-Kanal. Jebsen nutzt mit seiner extremen Kritik an dem Lockdown eine Informationslücke, die die traditionellen Medien geschaffen haben. Ich war selbst überrascht, dass von der konservativen „Welt“ über die öffentlich-rechtlichen Sender bis zur linksalternativen „taz“ die massiven Einschränkungen unserer Freiheitsrechte einmütig befürwortet wurden.

Sie fordern seit Langem eine „menschengerechte Wirtschaft“. Doch wenn unserer Regierung die Gesundheit der Bürger offensichtlich wichtiger ist als Unternehmensgewinne, ist Ihnen das auch nicht recht?

Ich bezweifle nicht, dass die Politik geeignete Maßnahmen ergreifen musste, um Risikogruppen vor einer schweren Erkrankung zu schützen. Aber ich beklage die Überreaktion unseres Staates: Ich halte die Schutzvorkehrungen teilweise für gefährlicher als das Virus selbst. Letztendlich treffen die Maßnahmen vor allem den normalen Bürger: den Arbeitnehmer, der seinen Job verliert, Gastwirte, Kleinunternehmer. Durch den Lockdown wird das soziale Ungleichgewicht größer – das ist das Gegenteil von dem, was ich mir von der Politik wünsche.

Der Daimler-Vorstand war sicherlich auch nicht begeistert, dass wochenlang kaum neue Mercedes hergestellt werden konnten.

Das schätze ich anders ein. Vor Corona wurden in Deutschland mehr Autos produziert, als auf dem Weltmarkt abgesetzt werden konnten. Und auch in anderen Schlüsselbranchen, etwa dem Maschinenbau, gab es Überkapazitäten. Die Krise bietet einzelnen Konzernen die Chance, sich neu aufzustellen – und zwar auf Kosten des Steuerzahlers: Das Kurzarbeitergeld zahlt die Arbeitsagentur, zudem gibt es staatliche Hilfen. Mir ist aufgefallen, dass die sonst wortmächtig agierende Lobby der Großindustrie den Lockdown recht still ertragen hat. Ich bin davon überzeugt, dass die vorübergehenden Werksschließungen manchem Vorstand durchaus in den Kram gepasst haben. Und die globalen Giganten wie Amazon, Alphabet oder Microsoft werden von der Krise langfristig ohnehin profitieren, weil Konkurrenten nun entweder pleitegehen oder günstig aufgekauft werden können. Die Großen fressen die Kleinen – und das Virus hilft ihnen dabei.

Das klingt nach einer weiteren Corona-Verschwörungstheorie.

Ich behaupte nicht, dass das Virus gezielt in die Welt gesetzt wurde – das wäre in der Tat eine Verschwörungstheorie. Aber ich bin der festen Ansicht, dass es in der Wirtschaft einflussreiche Akteure gibt, die Corona nun für ihre Zwecke instrumentalisieren – und in der Politik natürlich auch: Wenn beispielsweise der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seinem Bundesland erst den bundesweit strengsten Lockdown beschließt und nun die Deutschen auffordert, in Bayern Urlaub zu machen, dann ist für mich klar, dass er vor allem eigene Interessen verfolgt.

Laut Umfragen hat Söder an Popularität gewonnen, und nach wie vor befürwortet eine Mehrheit der Bevölkerung die Sicherheitsmaßnahmen. Ich glaube: Politiker wie Söder wollen nicht nur uns vor dem Virus schützen, sondern auch sich selbst vor Kritik. Sie reagieren auf die Anspruchshaltung einer ängstlichen Gesellschaft.

So ist es! Die Ursache der Krise wurde bisher hingegen ausgeblendet. Die Seuche Corona ist ja, wie manche Seuche zuvor, höchstwahrscheinlich dadurch entstanden, dass Tiere unter grauenvollen Bedingungen massenweise gehalten und gehandelt wurden. Aus meiner Sicht wäre zurzeit das Allerwichtigste, alles zu tun, damit wir nicht nach Covid-19 bald Covid-20 erleben. Eigentlich benötigen wir sofort einen weltweiten Lockdown der Massentierhaltung. Diese Forderung traut sich aber kein Politiker zu stellen: Scheinbar kann man den Bürgern vieles verbieten, aber nicht den Verzehr von Billigfleisch oder das Tragen von Pelzen.

Dass das Virus vom Tier auf den Menschen übertragen wurde, ist bloß eine wissenschaftliche These – wie das meiste, was man rund um das Thema Corona liest. Und die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Experten mit ihren Vermutungen mitunter danebenliegen. Sie sprachen Anfang April in einem Interview beispielsweise von einem „Absturz der Börsen“. Zu diesem Zeitpunkt lag der Dax bei etwa 10 000 Punkten, nun liegt er bei fast 12 000 Punkten. Ich kann also keinen Absturz erkennen.

Sie haben recht, dass sich die Lage ständig ändert. Anfang April hatten wir beim S & P – einem Index, der die Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst – einen einzigartigen Absturz hinter uns: 33 Prozent in drei Wochen. So einen dramatischen Kursverfall gab es nicht einmal während der Großen Depression in den 1930er Jahren. In den vergangenen Wochen hat sich der S&P erholt – und jeder Ökonom weiß, dass der Dax dem amerikanischen Index mit etwas Abstand wie ein braves Hündchen folgt. Das ist aus meiner Sicht bloß ein Zwischenlodern: Die Aktienkurse werden sich in den kommenden Monaten straight in Richtung Süden bewegen.

Warum sind Sie so pessimistisch?

Weil der Schuldenstand schon vor Corona weltweit höher war als vor gut zehn Jahren während der letzten großen Finanzkrise, und er zurzeit explosionsartig steigt. Diese Schulden verschwinden nicht von allein: Am Ende der Kette steht immer ein Kreditgeber, der irgendwann sein Geld zurückfordert. Aber wo soll es herkommen, wenn die Massennachfrage fehlt? Die Jugendarbeitslosigkeit in den USA liegt momentan bei 28 Prozent und somit ungefähr auf dem Rekordniveau von 1932. Wenn die Kaufkraft fehlt, schrumpft die Wirtschaft, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und Baden-Württemberg, weil unsere Industrie von Exporten abhängig ist. Ich glaube auch nicht wie andere Ökonomen, dass wir diese Rezession in V-Form überwinden werden, also schnell runter und genauso schnell wieder hoch. Sie wird uns noch mindestens zwei Jahre begleiten.

Sie vertreten in Ihren Büchern die These, dass ohnehin zu viel Unnützes produziert werde. Demnach müsste ein wirtschaftlicher Abschwung auch positive Folgen haben, beispielsweise für das Klima.

Studien zeigen, dass es in einem Mittelschichtshaushalt heutzutage etwa 10 000 Güter gibt, von denen die Hälfte gar nicht benutzt wird. Langfristig – damit meine ich den Zeitraum von ungefähr einer Generation – ist es deshalb erstrebenswert, weniger zu konsumieren und die normale Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden zu reduzieren. Aber: Wenn viele Menschen kurzfristig einen Teil ihres Einkommens verlieren und – sagen wir – deshalb ein Drittel weniger kaufen, dann kollabiert unser Wirtschaftssystem. Wir haben bundesweit zurzeit etwa zehn Millionen Menschen in Kurzarbeit. Sollten diese zehn Millionen arbeitslos werden, müssten wir mit den schlimmsten sozialen Verwerfungen rechnen.

Wie können wir das verhindern?

Deutschland steht vergleichsweise gut da: Wir haben eine relativ geringe Staatsverschuldung, und auch die meisten Unternehmen und Privatleute leben nicht auf Pump. Aber in Italien, Spanien und sogar in Frankreich schaut es ganz anders aus. Wir können uns von den Problemen anderer EU-Staaten nicht isolieren. Ohne Schuldenschnitt wird es nicht gehen. Der kann entweder offiziell erfolgen – indem man beispielsweise alle Anleihen und Geldguthaben um einen bestimmten Prozentsatz abwertet – oder über eine Inflationsrate von etwa zehn Prozent. Wenn sich die Preise innerhalb von fünf Jahren verdoppeln, sind die Schulden halbiert.

Allein das Wort „Inflation“ löst beim Kleinsparer Panikattacken aus.

Die Deutschen sollten sich viel mehr Sorgen über eine Deflation machen: Dauerhaft fallende Preise würden unsere Wirtschaft zerstören. Die Europäische Zentralbank hat in den vergangenen zwölf Jahren die Geldmenge nahezu verfünffacht, und trotzdem sind wir weit von den zwei Prozent Inflation entfernt, die in der EU angestrebt werden. Die entscheidende Frage ist also: Wäre es zurzeit überhaupt möglich, eine Inflation künstlich anzuheizen? Vermutlich lautet die Antwort: nein.

Die Regierungen bauen ohnehin lieber auf Wachstumsprogramme. Ministerpräsident Kretschmann fordert eine Kaufprämie für Neuwagen. Was halten Sie davon?

2009, in der letzten Wirtschaftskrise, erwies sich die sogenannte Abwrackprämie als konjunkturpolitisch sinnvoll. Die aktuelle Lage kann man damit aber nicht vergleichen, weil die Autoindustrie heute insgesamt besser dasteht als seinerzeit. Ich bin gewiss kein Anhänger von Donald Trump. Aber sein Vorschlag, dass der Staat jedem Bürger – vom Millionär bis zum Obdachlosen – einen Konsumscheck schenkt, der in den kommenden Monaten eingelöst werden muss, halte ich für eine wesentlich gerechtere Idee. Alles, was die Massenkaufkraft schnell stärkt, würde uns momentan weiterhelfen. Aber man sollte die Leute nicht dazu drängen, ein neues Auto anzuschaffen. Mancher hätte sicherlich lieber ein neues Fahrrad.

Sie fordern ein sozialeres Wirtschaftssystem. Wie schätzen Sie die Chance ein, dass Ihre Visionen irgendwann Realität werden?

Wenn wir eine stabile, gesunde Ökonomie wollen, führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei, dass wir den kleinen Leuten mehr Geld geben und dass die Reichen mehr an die Gesellschaft abführen müssen. Davon sind wir aber leider zurzeit sehr weit entfernt. Und ich befürchte, dass durch die Corona-Krise die Fehlentwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte, dass alles wirtschaftliche Streben auf den höchsten Gewinn auszurichten ist, der allein den Aktionären zusteht, noch verstärkt wird. Ich habe vier Kinder und zwei Enkel – deswegen hoffe ich, dass ich mit meiner Prognose falsch liege.

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