Oberndorf - Das größte Laster und gleichzeitig die größte Errungenschaft der sozialen Medien? Jeder kann zu jeder Zeit seine Gedanken, Meinungen und Ansichten auf verschiedenen Kanälen mit der Welt teilen. Sei es auf Facebook, Instagram oder Twitter. Was dort unter Corona-Nachrichten seit einigen Monaten regelmäßig zu lesen ist, sind Aussagen wie: "Hört auf, hier rumzuschwurbeln" oder "Da sind die Querdenker wieder unterwegs".
Wem nun vergangene Zeiten in den Sinn kommen, in denen "schwurbelig" noch ein harmloses Wetterphänomen, nämlich das Synonym für "schwindelig", war und "Querdenker" Leute, die gut Kreuzworträtsel lösen konnten, der ist in guter Gesellschaft. Was ist es also, das Worte aus dem Kontext reißt und ihnen neue, strittige Bedeutungen zuweist? Verkommt die deutsche Sprache so langsam?
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Ganz und gar nicht, sagt Lutz Kuntzsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Die Institution mit Hauptsitz in Wiesbaden ist die älteste Sprachpflegeinstitution in Deutschland und sieht es als ihre Hauptaufgabe an, eine Brücke zwischen der Sprachwissenschaft und der Öffentlichkeit zu schlagen. Seit 1966 hat sie auch einen Redaktionsstab im Deutschen Bundestag. Am 10. Januar wurde sie 75 Jahre alt.
Schwurbeln stammt aus dem tiefen Mittelalter
Vom Rückgang der Sprache haben die Menschen schon vor Jahrhunderten gesprochen. Ebenso von der Sprache der Jugend, die man kaum noch verstehe. Entwickelt habe sich die Sprache also schon immer, so Kuntzsch. Das müsse man aber nicht gleich so negativ sehen. Die wenigsten Worte, die neu im Sprachgebrauch erscheinen, seien auch tatsächlich neu. "Meistens hört man sie nur zum ersten Mal in einem anderen Kontext. Das Wort 'schwurbeln' kannte man schon früher im Zusammenhang mit Unsinn reden. Es wurde nur noch nicht so häufig verwendet. Und beim Wetter. Wenn es vermischt bewölkt war, war es schwurbelig", erklärt der aus Dresden stammende Doktor. Das Wort schwurbeln leite sich vom mittelhochdeutschen "swerbe" ab, was so viel wie "taumeln, sich im Kreise drehen" bedeutet. Der Ausdruck stamme damit schon aus der Zeit um das achte bis elfte Jahrhundert.
Das Verb "schwurbeln" steht jedoch noch nicht lange im Duden. Erst seit 2020, wie Nicole Weiffen, Sprecherin des Bibliographischen Instituts in Berlin, das unter anderem den Duden veröffentlicht, auf Anfrage mitteilt. In den beiden Lesarten "schwirbeln" (landschaftlicher Gebrauch) und "verschwurbelt reden" (Umgangssprache) sei es schon längere Zeit in den Texten des Dudenkorpus zu finden. "Meist wird es in den Medien gebraucht, um Äußerungen als unlogisch und verworren zu charakterisieren. Die Verwendung des Verbs hat in den letzten beiden Jahren in der Presse stark zugenommen, sodass es 2020 ins Wörterbuch aufgenommen wurde." Es handle sich um eine Nebenform von "schwirbeln", was übertragen auch für "schwindeln" stehe.
Auch "Querdenker" gebe es schon lange, weiß Lutz Kuntzsch. "Man dachte originell, konnte um die Ecke denken, dachte also quer. Damit hat die Querdenker-Bewegung, bei der Corona-Hetzer ihre Verweigerungshaltung auf Corona-Spaziergängen - welch verharmlosendes Wort - lautstark äußern, nicht mehr viel zu tun." Das lasse sich eher auf das Wort "verquer" zurückführen.
Damit hat nun für "Querdenker" auch die Beschreibung "Anhänger, Sympathisant der politischen Bewegung, die sich insbesondere gegen staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie, gegen Impfungen u. Ä. richtet und dabei auch Verschwörungserzählungen verbreitet", Einzug in den Duden gehalten.
Wenn Wörter umgewidmet werden
Was muss passieren, damit Wörtern eine neue Bedeutung zugewiesen wird? "Eine gesellschaftliche Entwicklung", sagt Kuntzsch. "Wenn eine gänzlich neue Situation da ist, müssen für deren Aspekte oft neue Worte gefunden werden. Also nimmt man zumeist Wörter, die es in der Sprache schon gibt und widmet sie um. Das ist zum Beispiel beim 'Wellenbrecher' passiert, der bis dahin nur im Zusammenhang mit Schiffen bekannt war. Jetzt steht er für Maßnahmen zum Brechen der Corona-Welle." Das funktioniere aber nicht immer. "Zu Hause gearbeitet haben auch schon früher Leute, aber nicht in diesem Umfang. Nun könnte man das zu Hause arbeiten natürlich Heimarbeit oder Hausarbeit nennen. Aber diese Wörter haben schon eine Bedeutung, die zu Verwechslungen führen könnte. Wer Heimarbeit macht, kann auch stricken oder kochen." Deswegen werden häufig auch Worte aus anderen Sprachen wie dem Englischen übernommen und adaptiert. Wie im Falle von "Homeoffice" oder "Booster". Das Wort "boostern" zum Beispiel gehe viel leichter von den Lippen als "sich eine Auffrischungsimpfung abholen". Hier wird das Fremdwort deshalb genutzt.
Einige dieser umgewidmeten Wörter werden nach der Pandemie auch wieder aus der Alltagssprache verschwinden oder ihre frühere Bedeutung zurückbekommen. "Wenn es Corona nicht mehr gibt, braucht es auch das Wort 'Wellenbrecher' in diesem Zusammenhang nicht mehr", verdeutlicht der promovierte Germanist.
Der Einfluss von Politik und Medien
In bewegten Zeiten gehen Veränderungen schneller. Und eine Krisensituation dieser Art, die die öffentliche Aufmerksamkeit in diesem Maße über einen so langen Zeitraum eingenommen habe, sei neu. Das erkläre auch, warum das Wort "schwurbeln" gerade in dieser Krise verstärkt auftauche. Es passt gut in den Kontext. "Die Leute schwurbeln in Krisensituationen besonders viel. Vor allem wenn das Thema die Gesellschaft so stark spaltet und wenn es keine Vorerfahrungen gibt, auf die die Menschen zurückgreifen können. Jeder will seine Meinung unterstreichen, aber keiner hat Fakten dafür." Also werde geschwurbelt.
Politik und Medien haben seiner Meinung nach ebenfalls einen großen Einfluss auf die Prägung von Wortbedeutungen. "Wenn man vor zwei Jahren jemanden gefragt hätte, welcher Buchstabe Omikron im griechischen Alphabet ist, hätte vermutlich niemand gewusst, dass es der 15. ist." Hätte die Virusvariante einen anderen Namen bekommen, wüssten das nach wie vor die Wenigsten. "Und wie verbreitet die Politik neue Begriffe, wenn sie welche gefunden hat? Na über die Medien", schlussfolgert der Sprachwissenschaftler. Und die prägen die Sprache ihrerseits weiter. "'Die Omikronwelle rollt' erzeugt zum Beispiel ein ganz anderes sprachliches Bild als: 'Omikron breitet sich aus'. Da wären wir wieder beim 'Wellenbrecher'." Weiter geht es mit der Entwicklung von Wörtern und ihren Bedeutungen im gesellschaftlichen Kontext. Da tragen die sozialen Medien ihr übriges dazu bei.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählt jedes Jahr das Wort des Jahres und stellt eine Liste mit Wörtern auf, die das Jahr besonders geprägt haben. 2021 haben es weder "Querdenker" noch "schwurbeln" unter die Top 10 geschafft. Aber wer weiß, wie sich das aktuelle Jahr entwickelt.