Wer woher kommt, lässt sich nicht mehr am Dialekt feststellen. Das weiß ein Freiburger Linguist. Wie man schnell wohin kommt, weiß ein Karlsruher Informatiker. Beide haben den Landesforschungspreis bekommen.

Stuttgart - Aussterbende Dialekte und blitzschnelle Routenberechnungen haben beim diesjährigen Landesforschungspreis das Rennen gemacht. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) präsentierte den Freiburger Sprachwissenschaftler Peter Auer und den Karlsruher Informatiker Peter Sanders als Gewinner. Bemerkenswert nannten es Bauer wie Auer, dass der Preis für Grundlagenforschung in einem nichttechnischen Fach, nämlich der Germanistik, vergeben wurde. Der Linguistikprofessor Peter Auer untersucht, wie sich regionale Unterschiede in der deutschen Sprache im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung verändern. Dabei hat er die traditionelle Dialektforschung mit Theorien zur Globalisierung und Urbanisierung verbunden und so „sein Forschungsgebiet revolutioniert und ihm Aktualität verliehen“, wie es in der Würdigung heißt. Auer sagt, „wir holen die Dialektologie aus der verstaubten Ecke heraus“.

 

Ausdruck regionaler Identität

Der Dialekt steht nach wie vor für regionale Identität und ist besonders in Süddeutschland durchaus noch wichtig. Heutige Sprecher sehen das aber großzügiger als ihre Vorfahren noch in den siebziger Jahren. Auer stellt fest, dass dorftypische Dialekte verschwinden und Regionaldialekte die kleinräumigen Formen ersetzen. Viele Deutsche begnügen sich bereits mit einer leicht gefärbten Hochsprache, um ihre regionale Identität auszudrücken. Als Beispiele nennt Auer den einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber oder Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Inzwischen könne man Menschen nicht mehr anhand ihres Dialektes exakt verorten. Junge Menschen in Großstädten hätten häufig schon nicht einmal mehr eine regionale Färbung in der Sprache. Stattdessen entwickle sich in urbanen Milieus eine andere Form unterhalb der Hochsprache. Besonders Jugendliche unterschiedlicher ethnischer Herkunft lassen dabei manche Präpositionen und Artikel weg. Klassisches Beispiel: Ich gehe Bahnhof.

Die Ursachen für den Rückgang lokaler Dialekte liegen laut Auer im Schulsystem, in den überwiegend hochsprachlichen Medien und der gestiegenen Mobilität. Die Entwicklung lasse sich in ganz Europa beobachten, sagt Auer. Ausnahmen bilden jedoch die Schweiz und Norwegen.

Blitzschnell auf dem richtigen Weg

Mobilität ist auch das Stichwort des Informatikprofessors Peter Sanders. Er heimst am laufenden Band Preise für „Algorithm Engineering“ ein. Den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis hat Sanders dieses Jahr schon bekommen, jetzt folgt der Landesforschungspreis. Er leitet das Institut für Theoretische Informatik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und erhält paradoxerweise den Preis für angewandte Forschung. Mit seinem Berechnungsverfahren lassen sich Reiserouten eine Million Mal schneller ermitteln als bisher. „In 0,00015 Sekunden auf dem richtigen Weg“ ist die Devise der Informatiker. Die Effizienz des Verfahrens ermögliche „fortgeschrittene Routenplanung“.

So fließe etwa das Verkehrsaufkommen zu einer bestimmten Uhrzeit in die Bewertung der Route ebenso ein wie politische Grenzen. Neben Zeit und Streckenlänge können auch Spritverbrauch, die Fahrzeugabnutzung und Mautgebühren berücksichtigt werden. Die Route sei schon fertig, ehe der Autofahrer merke, das sie berechnet werde.

Planer für Mitfahrgelegenheiten

Während beim Navigationsgerät im Auto die Berechnungszeit nicht so entscheidend ist, steigt die Bedeutung in anderen Einsatzgebieten. Sammeltaxis etwa können via Smartphone-App informiert werden, wo Fahrgäste warten und wie die schnellste Route dahin aussieht. Andersrum könnten Interessenten über Suchmaschinen Mitfahrgelegenheiten ermitteln und „in Mikrosekunden berechnen, welchen Umweg wer fahren müsste“, erläutert Sanders unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten, zu denen auch Verkehrssimulationen gehören. Fahrradrouten lassen sich ebenso ermitteln wie Energieeinsparmöglichkeiten auf der Strecke. In Zukunft will Sanders weitere Verkehrsmittel in die Berechnung integrieren. „Der Anwender soll wählen können, ob er Teilstrecken mit dem öffentlichen Nahverkehr, einem Mietfahrrad oder durch Mitfahrgelegenheiten zurücklegen möchte.“

Höchster Forschungspreis eines Landes

Mit dem Landesforschungspreis Baden-Württemberg ist ein Preisgeld von 200 000 Euro verbunden. Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums ist er damit der am höchsten dotierte Forschungspreis eines Bundeslandes.

Der Preis wurde 1989 zum ersten Mal verliehen. Damals ging er an Erik Jayme von der Uni Heidelberg für die Klärung von Problemen bei der Rückführung von Kunstwerken. Seit 1999 ist die Auszeichnung zweigeteilt. Jeweils 100 000 Euro gehen inzwischen an einen Grundlagenforscher und an Wissenschaftler aus der angewandten Forschung.

In diesem Jahr findet die öffentliche Preisverleihung in der Uni Freiburg statt. Termin ist der 20. Juli.