Putin hat mit seinen Äußerungen die Angst vor einem Atomkrieg genährt. Was sagen Wissenschaftler zu den Drohungen? Russland hat die meisten Atomwaffen der Welt.

Politik: Christoph Link (chl)

Äußerungen von Kremlchef Wladimir Putin vom Mittwoch, Russland sei „auf jede Entwicklung von Ereignissen vorbereitet“ und sein Hinweis auf das Atomraketenpotenzial seines Landes haben Befürchtungen genährt, das Land könne einen Erstschlag gegen die westliche Welt führen.

Andreas Hasenclever, Professor für Friedensforschung und Internationale Politik an der Universität Tübingen, glaubt nicht an einen Atomschlag durch Russland. Hasenclever sagte unserer Zeitung, dass der Hinweis auf das Atomwaffenarsenal durch Putin eine abschreckende Wirkung gegenüber der Nato entfalten sollte: „Bleibt zuhause, macht nichts, dann passiert Euch auch nichts.“ Solange es kein „massives Engagement“ der Nato in der Ukraine gebe – und darauf deute nichts hin – sei die Gefahr eines Atomschlags gering.

Russland hat sich ökonomisch und politisch marginalisiert

Hasenclever meint auch, dass es in der aktuellen „furchtbaren“ Situation keine Alternativen zu diplomatischen Bemühungen und wirtschaftlichen Sanktionen gebe. Deren mittelfristige Wirksamkeit dürfe nicht unterschätzt werden. Russland habe sich unter Putin bereits ökonomisch und politisch marginalisiert. Hinzu komme, dass die Propagandalügen des Kreml global immer sichtbarer würden.

Wer zurückschreckt, der verliert das Spiel

Auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Universität ging in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ auf die „offene“ Drohung Putins mit einem Atomkrieg ein. „Wer in dieser Frage zurückschreckt, der wird solche Spiele verlieren. Auf der einen Seite haben wir es nämlich mit einem Akteur zu tun, der unter dem Schirm seiner Atomdrohung einen konventionellen Krieg führt“, sagte Münkler dem „Tagesspiegel“. Wenn der Westen sage, er könne dagegen nichts machen, weil er die Eskalation zum Atomkrieg vermeiden wolle, „dann zieht er a priori den Kürzeren“. Münkler: „Diese Regeln strategischer Spiele kannte man aus dem Kalten Krieg. Sie waren aber freilich bis zur Auflösung der Sowjetunion stillgestellt, weil beide Seiten feste Einflusszonen hatten, die man gegenseitig respektierte.“

Atomwaffen tragen zu Misstrauen und Feindseligkeit bei

Auch der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri, Dan Smith, glaubt nicht an einen Einsatz von nuklearen Waffen im Ukraine-Krieg. „Ich glaube nicht, dass ein Atomkrieg eine wahrscheinliche Folge dieser Krise ist“, sagte Smith der Deutschen Presse-Agentur in Skandinavien. „Wenn Atomwaffen existieren, dann gibt es aber leider natürlich immer diese kleine Möglichkeit. Und das wäre katastrophal.“ Laut dem Sipri-Jahresbericht für 2021 hat Russland 6255 Atomwaffen, das ist weltweit die höchste Anzahl und mehr als die USA haben, die 5550 atomare Sprengkörper besitzen. Smith wies auf das oft genannte Argument hin, Atomwaffen trügen zur internationalen Stabilität bei. „Leute, die so argumentieren, sollten sich die Instabilität ansehen, die wir im Moment erleben“, sagte er. „Nein, Atomwaffen tragen nicht zur Stabilität bei. Sie tragen zu gegenseitigem Misstrauen, Feindseligkeit und Unsicherheit bei.“