Dass Kuscheln wichtig für Wohlbefinden und Gesundheit ist, belegen zahlreiche Studien zuhauf. Doch in Zeiten von Social Distancing sind Umarmungen rar geworden. Ob ein Roboter da Abhilfe leisten kann?

Stellt man sich das ideale Gegenüber zum Kuscheln vor, denkt man nicht zwangsläufig an einen Roboter. Wahrscheinlich denkt man zuerst an einen geliebten Menschen. Oder an kleine, tapsige Berner Sennen-Welpen.

 

Aber was hilft gegen Einsamkeit, wenn man mal keine geliebte Person oder Hundewelpen in der Nähe hat? Die Wissenschaftlerinnen Alexis Block und Katherine Kuchenbecker vom Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart haben einen Roboter entwickelt, dessen sanfte Umarmungen einen ähnlich tröstenden und beruhigenden Effekt wie eine menschliche Umarmung haben sollen. Wer sich nach einer weichen Umarmung sehnt, kann sich diese an diesem Donnerstag bei der Eröffnung des Stuttgarter Wissenschaftsfestivals im Rathaus abholen. Neben dem bekannten Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar steht auch HuggieBot, der Kuschel-Roboter, im Rampenlicht und verteilt kostenlose Umarmungen. Wärmepads und Schaumstoff-Polsterung sollen für ein kuschelweiches Gefühl sorgen. Der erste menschengroße Schmuse-Roboter reagiert sogar auf Gesten.

Raus aus dem Uncanny Valley

HuggieBot verspricht keine Talfahrt ins Uncanny-Valley, sondern will das Oxytocin-Level seiner Kuschler ankurbeln. Mit dem sanften Riesen soll der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt überwunden werden. Das Phänomen des unheimlichen Tals erklärt, warum wir uns vor humanoiden Robotern wie Sophia eher gruseln, während wir blau-weiß rollende Blechkisten wie R2D2 in Star Wars irgendwie süß finden. Steigt nämlich der Anthropomorphismus (die Menschenähnlichkeit) eines technischen Trägers, steigt nicht etwa unsere Akzeptanz automatisch mit an. Ab einem gewissen Punkt, wo nur noch Kleinigkeiten darauf hindeuten, dass es sich bei der Figur um ein nicht-menschliches Wesen handelt, stürzt die Sympathie rapide ab. Die Figur wird unheimlich. Das macht Zombies mit ihrer fast menschlichen Nicht-Menschlichkeit zur Grusel-Garantie. Was für Horrorfilm-Produzenten eine wahre Goldgrube ist, stellt Spiele-Designer und Robotiker vor Herausforderungen. Besonders in Pflegeberufen sollen Roboter in Zukunft einmal eine wichtige Rolle spielen – und müssen für ihre zukünftigen Jobs als liebenswert gelten.

Liebenswerte humanoide Roboter gibt es bereits. Der sozial-interaktive Roboter Pepper (ähnlich knuffig wie der Pixar-Filmheld Wall-E und damit sehr weit weg vom Uncanny-Valley) wird gerne in Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen eingesetzt. Dort spielt er Quiz mit den Senioren, ermuntert sie zu Bewegungsspielen und sorgt mit seiner frechen Art für so manchen Schmunzler. Was humanoiden Robotern wie Pepper bisher fehlt, ist ein bisschen haptische Gemütlichkeit. „Wir hoffen, dass irgendwann alle Roboter, die in der Nähe von Menschen arbeiten (einschließlich Pepper), gut im Umarmen sind“, sagt Katherine Kuchenbecker. Bis dahin sei es aber noch ein langer Weg.

Die Probanden sind entzückt

Das Herz der Probanden habe HuggieBot erobern können, so die Wissenschaftlerin. Viele der Probe-Kuschler waren Studierende aus Stuttgart. Immer wieder seien einige unaufgefordert vorbeigekommen, um sich von HuggieBot eine Umarmung vor wichtigen Klausuren abzuholen. Tatsächlich scheint die mechanisch-weiche Umarmung von HuggieBot Auswirkung auf die Herzfrequenz und auf die Hormone Oxytocin und Cortisol zu haben. „Wir fanden heraus, dass die Umarmung mit HuggieBot zwar anders aussieht als die Umarmung mit einem Menschen, sich aber nicht so sehr von der Umarmung eines freundlichen Fremden unterscheidet!“, sagt seine Erfinderin Alexis Block. Zurzeit analysiere man den Datensatz. Der Schmuse-Roboter ist Gegenstand ihrer Doktorarbeit. Wer noch skeptisch sei – am Donnerstag zum Probekuscheln kommen.