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Wissenschaftsgeschichte Wie man Monster erforscht

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Als die moderne Wissenschaft im 17. Jahrhundert in Fahrt kam, interessierten sich Forscher noch für Zentauren und Satyre. Es gab ja gelehrte Berichte über solche Fabelwesen. Das Beispiel zeigt, wie sonderbar sich die wissenschaftliche Methode entwickelte.

Das Mosaik aus einer römischen Villa zeigt einen Zentauren im Kampf gegen Raubkatzen. Foto: Olbertz
Das Mosaik aus einer römischen Villa zeigt einen Zentauren im Kampf gegen Raubkatzen. Foto: Olbertz

Stuttgart - Am Anfang des 17. Jahrhunderts nimmt die moderne Wissenschaft Fahrt auf. Johannes Kepler leitet aus vielen astronomischen Messungen seine drei Gesetze für die Planetenbahnen ab. Und Galileo Galilei untersucht systematisch, wie Körper fallen oder eine schiefe Ebene hinunterrutschen. Aber nicht jede Forschung führt zu allgemeingültigen Formeln, wie es uns heute erstrebenswert erscheint. Zur gleichen Zeit beschäftigen sich Naturforscher auch mit Zentauren. Sie haben natürlich noch keinen gesehen, aber der römische Gelehrte Plinius beschreibt zum Beispiel einen, den es in Ägypten gegeben haben soll. Er hatte auch eine mögliche Erklärung für die Mischwesen: Geschlechtsverkehr von Mensch mit Pferd. Ulisse Aldrovandi von der Universität Bologna zitiert Plinius zum Beispiel in seinem 1642 posthum veröffentlichten Werk „Monstrorum historia“.

Berichte und Zeichnungen von vierbeinigen Zentauren – und auch von solchen, die nur auf zwei Hinterbeinen stehen, was wegen des weit vorgebeugten Oberkörpers ziemlich wackelig aussieht – greifen Naturforscher immer wieder von ihren Vorgängern auf. Es wird viel kopiert, zitiert und manchmal auch ausgeschnitten und ins Notizbuch geklebt, berichtet der Wissenschaftshistoriker Fabian Krämer von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Wissen der Literatur zu sammeln und neu zu ordnen, sei damals gang und gäbe gewesen, berichtet er bei einem Vortrag in Stuttgart. Die Forscher hätten damals sogar über die Informationsflut geklagt.

Das klingt, als sei die moderne Wissenschaft bei diesen Forschern, die sich mit mythologischen Wesen beschäftigen, noch nicht angekommen. Stimmt dieser Eindruck? Ihnen sei durchaus bewusst gewesen, dass nicht jede Quelle gleichermaßen verlässlich ist, sagt Krämer, und sie hätten darauf vertraut, dass ihre in Latein verfassten Bücher nur von Gelehrten gelesen werden, die sich ein kluges Urteil bilden können. Heute würde man sagen: sie haben sich auf die Medienkompetenz ihrer Kollegen verlassen. Aber selbst nach einem Zentaur zu suchen, schien nicht zur Debatte zu stehen – und zwar nicht nur, weil Reisen damals aufwendiger war als heute. Forschen hieß damals in erster Linie lesen. Expeditionen und Experimente, die wir heute zur Forschung zählen, kamen in manchen Fachgebieten erst später.

Die wissenschaftliche Methode . . .

Fabian Krämer hat in seiner Doktorarbeit „Ein Zentaur in London“ diese Anfangsphase der modernen Wissenschaft beschrieben. Er argumentiert gegen die verbreitete Sichtweise, dass in der modernen Wissenschaft das Beobachten der Natur das Lesen alter Schriften abgelöst habe. Er macht das auch an einer Akademie fest, der Academia Naturae Curiosum, die vier Ärzte aus Schweinfurt 1652, also kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, gegründet haben. Inzwischen ist daraus die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina geworden. Die Akademiegründer verpflichten sich zunächst, Bücher zu medizinischen Substanzen zu veröffentlichen. Philipp Sachs von Löwenheim ist der Erste und schreibt ein Buch über die medizinische Bedeutung des Weins. Er hat dazu mit viel Mühe das bestehende Wissen zusammengetragen.

Schon bald nach der Gründung legt die Akademie eine eigene Fachzeitschrift auf und stellt neue Bedingungen: Sie will weniger Zusammenstellungen veröffentlichen und lieber Berichte von eigenen Beobachtungen. Das wirkt modern, aber mit heutigen Fachartikeln, in denen sichergestellt werden muss, dass die statistisch möglichen Fehler klein sind, hat das nichts zu tun. Gewünscht sind Einzelfälle, am besten spektakuläre, die von Gelehrten aufgezeichnet werden, denn nur deren Urteil gilt als vertrauenswürdig. Überprüfungen von kritischen Fachkollegen gehören nicht zum Standard. Es seien viele Berichte über Monster eingereicht worden, erzählt Fabian Krämer. Aber auch solche, in denen missgebildete Totgeburten obduziert und die Deformationen auf eine natürliche Ursache zurückgeführt wurden.

. . . ist nicht mehr das, was sie einmal war

Ein Jahrhundert später warnt der Naturforscher Albrecht von Haller seine Studenten davor, an einen Zentaur zu glauben: „Diese Sage hat sich niemals bestätigt.“ Frühere Gelehrte seien leichtgläubig gewesen. Doch auch von Haller habe nicht allein auf die Empirie verwiesen, sagt Fabian Krämer, sondern vielmehr ein kritisches Quellenstudium gefordert. Das Problem war für ihn weniger, dass man keinen Zentaur im Zoo besichtigen kann, als vielmehr, dass die historischen Berichte nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Die wissenschaftliche Methode hat sich also über Jahrhunderte entwickelt.

Heute, so scheint es, haben Journalisten den Job des Zusammentragens übernommen. Zitate von Zitaten gibt es daher immer noch. Ich gebe gerne ein Beispiel: In seiner Einführung in die Wissenschaftstheorie schreibt Martin Carrier, dass die Gründungsmitglieder der Akademie vor dem Problem standen, dass ihre Behandlungen nicht erfolgreicher waren als die der Bader, Kräuterweiber und Scharlatane. Die Schweinfurter Ärzte wollten durch Forschung ihre Rezepturen verbessern – und damit auch ihre Einkommen. Martin Carrier verweist in diesem Punkt auf einen Beitrag von Richard Toellner in einem Sammelband zum 350. Jahrestag der Leopoldina (hier ein PDF des Inhaltsverzeichnisses). Diesen Beitrag kenne ich nicht, aber ich verlasse mich natürlich auf die Medienkompetenz der Leser dieser Kolumne.