Wizo-Sänger Axel Kurth im Interview „Bei rechten Mobs hört mein Spaßempfinden auf“

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Die Sindelfinger Band Wizo geht auf Tour, das erste Konzert in Stuttgart war sofort ausverkauft. Im Interview spricht Sänger Axel Kurth über die Kraft der „#wirsindmehr“-Bewegung. In der AfD sieht der Musiker einen Treppenwitz der Parteiengeschichte.

So schön kann Verfall aussehen: Wizo im Jahr 2018 mit Alex Stinson am Schlagzeug, Axel Kurth singend an der Gitarre  sowie Ralf Dietel am Bass Foto: André Noll
So schön kann Verfall aussehen: Wizo im Jahr 2018 mit Alex Stinson am Schlagzeug, Axel Kurth singend an der Gitarre sowie Ralf Dietel am Bass Foto: André Noll

Stuttgart - Seit über 30 Jahren betätigt sich Axel Kurth aus Sindelfingen als Punk-Musiker. Mit seiner Band Wizo hat er Deutsch-Punk-Geschichte geschrieben, im Januar 2019 geht die Gruppe auf Tour. Im Interview spricht er über die Kraft des „#wirsindmehr“-Festivals in Chemnitz und Donald Trump als Nachfolger von Franz Josef Strauß.

Herr Kurth, im Januar gehen Sie mit Ihrer Band Wizo auf Tour, das Konzert in Stuttgart im LKA war sofort ausverkauft. Sehnen sich die Menschen nach Halt im Punk?

Das scheint tatsächlich ein bisschen so zu sein. Zumindest gilt das für diejenigen, die mit unserer Musik groß geworden sind. Allerdings finden wir’s selbst hinreichend ironisch, als Vertreter einer Subkultur, die antrat, um Althergebrachtes über den Haufen zu pogen, jetzt selbst für so was wie die „gute alte Zeit zu stehen, in der die Welt noch besser war. Das Leben ist ein Hund.

Sind diese Zeiten nicht wie gemacht für Sie, um sich an der Politik abzuarbeiten?

Absolut! So ein herrliches Feindbild zum Beschimpfen wie Trump hatten wir seit Kohl oder Franz Josef Strauß nicht mehr! Die Lage in Deutschland sehe ich ähnlich fatal, nur bleibt mir da das Lachen oft im Hals stecken. Bei rechten Mobs hört mein Spaßempfinden auf. Unser Tourtitel „Schönheit des Verfalls“ ist wegen solcher Umstände gewählt: Alles wird mieser, alles verfällt: Rechtspopulisten-Deppen mit Filterblasenentzündung. Demokratie, Anstand und Menschlichkeit scheinen Auslaufmodelle zu sein.

Kann Popmusik die Antwort auf Chemnitz sein? Zum „#wirsindmehr“-Festival kamen 65 000 Menschen. Oder erreicht man damit nur die Menschen in der eigenen Filterblase?

Höchstwahrscheinlich, aber dennoch ist es nie zu unterschätzen, was aus solchen Events entstehen kann. Wenn auch nur ein paar Menschen daraus Kraft schöpfen, hat sich’s doch gelohnt.

Sie treten auch in Leipzig, Dresden oder Jena auf. Haben Sie bei Ihren Besuchen im Osten negative Erfahrungen gemacht?

Nicht mehr als etwa in Bayern. Idioten gibt es überall. Allerdings ist es vom Feeling her schon ein anderes Gefühl im Osten. Den Menschen, die dort „Gegen Nazis!“ auf ihren Shirts tragen, bläst ein anderer Wind um die Iros. Wir selbst kommen mit unserem Bandbus-Raumschiff nur kurz vorbeigesaust, kriegen aber gesagt, wie wichtig unsere Konzerte sind. Um Gleichgesinnte zu treffen oder einen Abend in einer nazifreien Zone zu verbringen.

Sie machen seit über 30 Jahren Punk. Haben Sie jemals eine aufgeheiztere gesellschaftliche Stimmung in Deutschland erlebt?

Schwer zu sagen. Als wir Anfang der Neunziger, zu Zeiten von Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen unterwegs waren, gab es weniger Informationen, keine (a-)sozialen Medien, keine Handys. Die Bedrohungslage war für einen Bunthaarigen dadurch viel abstrakter und ekliger. Heute sieht man das Elend relativ deutlich vor sich, was es aber leider nicht besser macht.

Einerseits geht es Deutschland so gut wie nie, andererseits haben besorgte Bürger Angst vor dem Fremden. Warum?

Um es etwas grobschnittig herunterzubrechen: Scheinbar spüren viele, wie schmal der Grad zum sozialen Absturz ist. Dazu die Sorge, in einer immer schnelleren, digitalisierten Welt den Anschluss zu verlieren. In ihrer Not suchen viele die Schuld „neben“ oder „unter“ sich. Da kommen Menschen gerade recht, die anders aussehen. Bildung und Liebe würden da viel helfen.

Die Rolle der AfD wird – nicht nur in Chemnitz – vielfach kritisch gesehen. Ihre Liedzeile über diese Partei?

Ich bin froh, dass ich nie eine rechte Partei namentlich in meinen Texten verewigt habe und hoffe nach wie vor darauf, dass auch dieser Kasperleverein bald ein weiterer Treppenwitz der Parteigeschichte sein wird. Wir können ja in 30 Jahren schauen, ob sich wer an die erinnert.