InterviewWladimir Kaminer im Interview „Das Festland ist verloren“

Wladimir Kaminer hat seine Erfahrungen aus mehreren Kreuzfahrten zu einem Buch verarbeitet. Foto: Michael Ihle
Wladimir Kaminer hat seine Erfahrungen aus mehreren Kreuzfahrten zu einem Buch verarbeitet. Foto: Michael Ihle

Der russische Bestsellerautor (51) beschreibt gerne die Tragödien des Lebens und versucht, darüber zu lachen. In seinem neuesten Buch Werk „Die Kreuzfahrer“ erzählt er von seinen Erlebnissen in einer Welt zwischen Weltuntergangs- und Partystimmung.

Leben: Susanne Hamann (sur)
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Stuttgart - Wir haben mit dem russischen Autor über seine Zeit an Bord der „modernen Arche Noah ohne Ziel“ gesprochen.

Herr Kaminer, bisher fielen Sie nicht damit auf, dem Massengeschmack zu entsprechen. Nun outen Sie sich als Kreuzfahrtfan. Was ist da los?

Ich wollte über gesellschaftliche Veränderungen schreiben, speziell über die Gruppen, die unterwegs sind: Touristen und Flüchtlinge – die freiwillig und die unfreiwillig Reisenden. Daraus sind zwei Bücher geworden. Eines davon dreht sich um Kreuzfahrten, weil sie die Spitze des Massentourismus sind. Ich versuche immer, im Kleinen das Große zu sehen. Deswegen kam mir die Einladung einer Reederei sehr gelegen. So lernte ich die Bewegung von innen zu verstehen. Das ist interessant, meine Frau Olga und ich sind tatsächlich Fans geworden.

Samt Gattin zwei Wochen kostenlos verreisen und in der Zeit nur dreimal was vorlesen – hört sich nach einem leichten Job an.

Eine Lesung auf einem Schiff ist ganz anders als an Land. An Land gehen die Leute danach nach Hause. Auf dem Schiff geht das nicht. So entpuppte sich die Reise als 14-tägige Lesung. Ich hatte meine Zuschauer ständig um mich: zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen, die ganze Zeit. Das war anstrengend.

Sie beschreiben Schiffe als eine Art Insel der Glückseligen, die viele gar nicht verlassen. Sind die Menschen an Bord auf der Flucht?

Fast alle Menschen sind auf der Flucht. Die einen fliehen vor schlechtem Wetter, die anderen vor ihrem schlechten Leben. Es gibt tausend Gründe. Einmal fuhren wir im November durch die griechische Inselwelt. Es war kalt und regnerisch, so hatte ohnehin keiner große Lust, von Bord zu gehen. Dann kam auch noch die Nachricht, dass Trump zum US-Präsident gewählt worden sei, und die Stimmung wurde furchtbar schlecht. Alle jammerten: Das Festland ist verloren! Tagsüber haben wir uns Sorgen gemacht um die Welt. Und abends gab es immer Party, bis der Erste umfiel – atemlos durch die Nacht. Und diese Mischung aus Schweinerei und Empathie, aus Weltuntergangs- und Partystimmung trifft für mich den Nerv der Zeit.

Ist dabei der Weg das Ziel?

Kann man sagen. Bei meiner letzten Reise in die Karibik habe ich Leute kennengelernt, die schon hundert Kreuzfahrten gemacht haben. Sie stehen für diese Tendenz: Früher wollte man mit dem Schiff bequem exotische Orte kennenlernen, und jetzt warnt man sich gegenseitig davor, an Land zu gehen. Ach Madagaskar! Steig nicht aus, da war die Pest. Oder die Seychellen, bloß nicht, da ist nicht das Paradies, sondern alles voll Ungeziefer. Die Touren werden immer nebensächlicher und die Schiffe immer bombastischer. Ein Kreuzfahrtschiff ist eine moderne Arche Noah ohne Ziel. Es fährt mit lauter Musik von einem Meer ins andere.

Ist das nicht traurig, nur auf dem Schiff zu bleiben und sich nicht mehr für fremde Länder zu interessieren?

Man interessiert sich schon. Aber die Welt befindet sich eben nicht im besten Zustand. Wahrscheinlich sind wir alle daran schuld. Wir können es aber nicht ändern. Was wir machen können ist feiern. Die Kreuzfahrer empfinden durchaus eine soziale Verantwortung. Sie nehmen sich die Probleme der Welt sehr zu Herzen und fragen sich, was wir tun können. Leider kann man nichts tun. Also dann eben feiern – Stößchen! Ich habe schon immer versucht, über die Tragödien des Lebens zu lachen. Wenn alle weinen, kommen wir nicht weiter. Wenn wir über uns selbst lachen, ist es der erste Schritt zur Veränderung.

Was finden Sie persönlich faszinierend an Seereisen?

Als Schriftsteller bekomme ich innerhalb kürzester Zeit so eine Fülle an Eindrücken, wie ich sie an Land niemals hätte haben können. Aber dafür muss ich auch einen hohen Preis zahlen: Man muss eine Kreuzfahrt machen.

Sie haben Ihre Zeit an Bord für soziale Studien genutzt. Erzählen Sie!

Die Schwaben zum Beispiel sind mir an Bord aufgefallen durch ihre realistische Weltsicht und eine gewisse Bodenständigkeit. Ich habe Leute kennengelernt, die auf griechischen Inseln Plastikflaschen gesammelt haben, weil sie den Anblick nicht ertragen konnten. Während die anderen Touristen im Souvenir-Shop abhingen, schimpften die Schwaben und sagten: Gib uns doch dieses Griechenland für drei Jahre, und wir machen hier Ordnung. Vernünftige Einstellung, finde ich.

Man könnte es auch arrogant nennen.

Warum? Die Griechen haben es jetzt 2000 Jahre versucht. Hat nichts genutzt, jetzt sollen die Schwaben ran. Voraus­gesetzt, die Griechen wollen die Hilfe haben. Wenn nicht sollen sie weiter neben ihren kaputten Amphoren sitzen.

Als Lektor waren Sie Teil der Crew. Wie geht es da hinter den Kulissen zu?

Ich habe nur positive Erfahrungen mit der Crew gemacht. Das sind alles Menschen, die den Job gerne machen. Dabei stelle ich mir das sehr anstrengend vor – das ganz Jahr über auf einem solchen Schiff. Man weiß gar nicht mehr, wo man ist, da muss man doch zu einem Psychopathen werden. Oder zu einem Weltbürger. Wer weiß?

Zwischen Psychopath und Weltbürger ist also kein großer Unterschied?

Ein Weltbürger muss sich von seinen Wurzeln verabschieden. Er hängt wie ein Luftballon in der Luft. Das muss man aushalten können.

Haben Sie schon die nächste Kreuzfahrt geplant?

Im Dezember gehe ich wieder an Bord, als Geschichtensammler und als Geschichtenleser. Mal sehen, wie es dann weitergeht. Neben Aida hat auch noch eine andere Gesellschaft angefragt, ob ich mal mitfahren möchte. Ich bin von der Neugier getrieben und immer interessiert am Abenteuer um die Ecke.

Haben Sie gar kein schlechtes Gewissen, auf diese Art zu verreisen? Im Hinblick auf die Umwelt . . .

Die Reedereien geben sich große Mühe, den ökologischen Fußabdruck zu ver­kleinern. Sie versuchen jetzt schon, ohne Schweröl zu fahren. Irgendwann schaffen sie es bestimmt nur mithilfe von Sonne und Wind. Ich sehe da auch große Chancen für die Zukunft. Irgendwann wird man auf den Schiffen eigenes Gemüse anpflanzen und Fische züchten. Wenn durch den Klimawandel ganze Landstriche nicht mehr bewohnbar sein werden, kann man auf ein Schiff umziehen und Stößchen machen. Das hört sich an wie Science-Fiction, könnte aber die Rettung der Menschheit werden.

Zur Person

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur und studierte Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Kurz vor der Wiedervereinigung wanderte er in die DDR aus. Mit dem Kurzgeschichtenband „Russendisko“ gelang ihm sein Durchbruch als Schriftsteller. „Die Kreuzfahrer“ ist sein 25. Buch. Zurzeit tourt er mit Lesungen durch das Land. Im neuen Jahr kommt er auch in den Süden Deutschlands. Termine: 8. Januar 2019 Stuttgart Liederhalle, 9. Januar 2019 Karlsruhe Tollhaus. Weitere Informationen unter www.wladimirkaminer.de




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