WLB Esslingen Aus schwarzer Druckfarbe sprießt nackte Gewalt
Zeitlos und mit starkem Körpertheater setzt Eva Lemaire Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ an der Esslinger Landesbühne in Szene.
Zeitlos und mit starkem Körpertheater setzt Eva Lemaire Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ an der Esslinger Landesbühne in Szene.
Die Macht der Medien und der Polizei zerstört die unbescholtene Hauswirtschafterin Katharina Blum. Bei einer Feier verliebt sie sich in den mutmaßlichen Mörder Ludwig Götten. Damit beginnt eine Hexenjagd. Für die Regisseurin Eva Lemaire ist das Thema aktueller denn je. Im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne setzt sie Heinrich Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, geschrieben im Jahr 1974, als zeitlosen Totentanz in Szene.
Auf diese Aktualität verweist der Untertitel der dichten Bühnenfassung des Dramatikers John von Düffel: „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.“ In einem blutroten Kleid sehnt sich die unverheiratete Katharina nach Liebe. Elif Veyisoglu legt ihre Figur zunächst als stille Beobachterin an, die ihr Leben im Griff hat. Ruhig sitzt sie im Raum. Als sie ins Fadenkreuz der Polizei gerät, entfesseln sich ihre Wut und Leidenschaft. Im hellblau gekachelten Verhörraum der Polizei liefert sie sich mit dem Hauptkommissar verbale Duelle, die faszinieren. Gnadenlos spielt Oliver Moumouris die Macht des Polizisten aus, dem es vor allem um seine Karriere geht.
Nora Johanna Gromer hat die Bühne mit schwarzen Stellwänden ausgestattet, die an Gefängnismauern erinnern. Da zittert und kauert Katharina, deren Angst Elif Veyisoglu mit jeder Geste, jedem verhohlenen Blick spüren lässt. Zugleich kämpft die junge Frau, die sich ohne Ehemann ihre Position in der Gesellschaft erobert hat, um ihre Ehre. Die stiehlt ihr der gnadenlose Reporter Werner Tötges. Reyniel Ostermann denkt das Klischee vom skrupellosen Reporter weiter. Er ist ein Verführer, der Menschen ihre Geschichten spielerisch entlockt. Dass er am Ende schreibt, was er will, ist damals wie heute traurige Realität der Boulevardpresse. Eva Lemaire und ihr Regieteam interessieren die Folgen, die das für die Gesellschaft hat. Ins Herz treffen Szenen jenseits der Sprache. Als Ostermann in der Rolle des Journalisten die nackte Katharina mit schwarzer Druckfarbe übergießt, bleibt nur Schmerz.
Bei den Kostümen zitiert Nora Johanna Gromer bewusst die Mode der 1970er-Jahre. Zugleich setzt sie auf Sinnlichkeit. Katharinas rotes Kleid zeugt von ihrer Sehnsucht nach Liebe, die in der Gesellschaft keinen Platz hat. Wenig tiefenscharfe Karikaturen bleiben Hubert und Trude Blorna. Als Katharinas Arbeitgeber machen Florian Stamm und Lily Frank eine wankelmütige Figur. Der Anwalt und die Architektin wollen gute Menschen sein. Aber sie schrecken nicht davor zurück, die schöne Katharina ihren Geschäftspartnern als Gespielin anzubieten.
Im Roman entlarvt der Nobelpreisträger Böll die Doppelmoral der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das klingt auch in John von Düffels Bühnenfassung immer wieder dogmatisch und schulmeisterlich. Mit ihren radikalen Theaterbildern bricht Eva Lemaire diese Starrheit auf. Im Polizeiverhör rüttelt und schüttelt Oliver Moumouris Bölls Sprache so wild, dass die Widersprüche zu Tage treten. Der hochgewachsene Schauspieler windet sich, wenn er Katharina nach ihren sexuellen Vorlieben befragt. Wenig später krümmt er sich selbst auf dem Boden. Dieses Porträt des Mannes, der seine Gier nur mühsam im Zaum hält, ist stark.
Eva Lemaires wilde, ungestüme Regiekunst haucht Bölls bisweilen bleischwerem Text neues Leben ein. Statt verletzender Worte von Medien, Polizei oder Staatsanwaltschaft lässt sie die Körper sprechen. Und nicht nur das. Die Akteure zücken ihre Waffen und richten sie gnadenlos auf Katharina, von deren Leben am Ende nichts als Scherben übrig bleiben. Augenblicke später verschlingen sie die Schlagzeilen, die Katharina zur Mörderin stempeln, ohne dass es dafür ausreichende Beweise gäbe.
Nostalgische Bilder der Wirtschaftswunderjahre rockt die niederländische Regisseurin mit zeitgenössischen Hits. Dass der dynamische Abend mit „Revolution“ aus der Feder von John Lennon endet, ist ein unerwarteter Schlusspunkt. Denn Katharinas Gegenwehr endet nicht mit dem großen Aufbruch, sondern mit einer Anklage wegen Mordes. Dennoch: die Frage, ob Katharina Blum in Notwehr gehandelt hat, steht im Raum.
Weitere Termine: 10., 18. und 25. Oktober, 4. und 13. November im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne, Strohstraße 1.