WLSB-Präsident Andreas Felchle über den DOSB-Chef „Alfons Hörmanns Abgang war unausweichlich“

WLSB-Präsident Andreas Felchle (re.) beim Besuch der Sportschule in Albstadt, neben ihm der Balinger Bundesliga-Handballer Tim Nothdurft Foto:  

Andreas Felchle steht vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten des Württembergischen Landessportbundes (WLSB). Im Interview spricht er über den Rücktritt von Alfons Hörmann, die Folgen der Coronakrise und die Vorteile eines einheitlichen Landessportbundes.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Seit 2017 ist Andreas Felchle als Präsident des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) Herr über 5671 Vereine und knapp 2,2 Millionen Sportlerinnen und Sportler. Seine Wiederwahl beim digitalen Landessportbundtag an diesem Samstag gilt als Formsache.

 

Herr Felchle, haben Sie immer noch keine Lust auf Kinobesuche oder Briefmarkensammeln?

(Lacht) Ich kann mir denken, auf was Sie anspielen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie sich, statt solcher Hobbys zu widmen, in Ihrer Freizeit schon immer lieber in Vereinen und Verbänden engagiert haben.

Daran hat sich nichts geändert, ich weiß seit Jahrzehnten, auf was ich mich einlasse. Deshalb kandidiere ich auch am Samstag wieder.

In welcher Form waren Sie am vergangenen Wochenende an der Forderung der Sportbünde nach Neuwahlen beimDeutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beteiligt?

Kraft meines Amtes als WLSB-Präsident bin ich zwar auch einer der Vizepräsidenten des Landessportverbandes (LSV). Die Vertretung des Sports in Baden-Württemberg – auch gegenüber dem DOSB – liegt aber bei der LSV-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis.

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DOSB-Chef Alfons Hörmann wird vorgeworfen, eine Kultur der Angst zu verbreiten. Von fehlendem Respekt und Fair Play gegenüber Verbandsangestellten ist die Rede. Nun gab er dem Druck nach und kündigte seinen Rücktritt für Dezember an. Was sagen Sie dazu?

Bei der Entwicklung der vergangenen Wochen war es unausweichlich und auch konsequent. Ich kenne Alfons Hörmann zwar persönlich, aber nicht besonders gut. Wenn wir miteinander zu tun hatten, hatten wir ein umgängliches Verhältnis. Ich hatte nie den Eindruck, dass da einer den Präsidenten raushängt. Allerdings kann ich nicht beurteilen, wie er als ehrenamtlicher Präsident mit den hauptamtlichen DOSB-Mitarbeitern umgeht.

„Ich spiele nicht den Häuptling“

Offensichtlich nicht besonders glücklich, wie handhaben Sie denn Ihre Rolle beim WLSB?

Wenn das Vertrauen angekratzt oder gar zerstört ist, dann muss man das aufklären. Ich selbst bin ein furchtbar wenig hierarchischer Mensch, auch im Maulbronner Rathaus halte ich nichts davon, den Häuptling zu spielen. Aber eines muss man grundsätzlich klar festhalten: Die Lust, jemanden anonym an den Pranger zu stellen, ihn über die sozialen Medien fertigzumachen, ist deutlich höher als vor zehn oder 20 Jahren. Auch stelle ich zunehmend die Lust fest, sich einen Sport daraus zu machen, jemanden vors Schienbein zu treten, bis er dermaßen beschädigt ist, dass man ihn loswird.

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Aber es werden doch Missstände aufgedeckt.

Das ist die andere Seite. Und warum gibt es immer mehr Missstände? Weil sich unsere Gesellschaft immer mehr individualisiert. Immer mehr Menschen glauben, dass das einzig Wichtige auf dieser Welt sie selbst und ihre ganz persönliche Meinung sind. Das macht auch Vereinen und Verbänden zu schaffen, die doch für Gemeinsinn stehen. Aber ja, es ist gut, dass in unserer Demokratie eingegriffen wird.

Sie haben im Zusammeneinhang mit der Coronakrise einen Runden Tisch mit dem Kultusministerium eingefordert. Was erwarten Sie?

Zunächst gehe ich nicht davon aus, dass man erheblich mehr Finanzmittel als die bisherigen 25 Millionen Euro an Soforthilfe (Anm. d. Red.: von Mai 2020 bis 30. Juni 2021) in die Vereine stecken muss. Von daher geht es uns nicht zuallererst ums Geld.

Bürokratische Hürden nerven

Sondern?

Bei den ganzen Coronaverordnungen, bei den Runden der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin hat an den organisierten Sport doch niemand gedacht. Es hat keinen interessiert, ob sich Kinder in der Schule oder im Verein bewegen dürfen. Wenn man sich mit uns unterhalten hätte, hätte vieles lebensnaher, pragmatischer gestaltet werden können.

Zum Beispiel?

Es kann doch nicht sein, den Sport im Freien gleichzusetzen mit einem voll besetzten Konzertsaal. Solche unverständlichen Entscheidungen gingen den meisten auf den Keks, genauso wie die extrem hohen bürokratischen Hürden.

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Und deshalb werfen viele langjährige Ehrenamtliche den Bettel hin?

Manche scharren auch mit den Hufen, dass alles wieder vollumfänglich losgeht. Aber klar hat die Pandemie die Probleme verschärft. Die Lust und Laune, 30 Prozent der Zeit mit dem Ausfüllen von Formularen zu verbringen, hält sich in Grenzen.

Wie kommt der Sport aus der Coronakrise heraus?

Quantitativ kostet die Pandemie den Sport natürlich Mitglieder. Im Jahr 2020 haben wir von 2,2 Millionen 55 000 verloren.

„Auf geht’s! Vereint aus der Krise“

Der Schwäbische Turnerbund allein 32 000.

Der STB hat die meisten Verluste, weil er sehr kinder- und jugendorientiert ist, das ist das Fatale an der Pandemie. Allgemein ist die Fluktuation in den Vereinen gar nicht so viel höher als in früheren Jahren, aber uns fehlen die Eintritte, vor allem weil die Mamas und Papas ihre Kinder nicht anmelden, wenn nichts stattfindet.

Wie steuern Sie dagegen?

Wir beschäftigen uns seit Wochen mit dem Re-Start, auch mit Hilfe unseres wissenschaftlichen Beirats im WLSB. Wir selbst haben die Kampagne „Auf geht’s! Vereint aus der Krise“ auf den Weg gebracht, damit Vereine wieder durchstarten können. Und von etlichen Fachverbänden weiß ich, dass sie sich um Mitgliederkampagnen kümmern – teils zusammen mit den nationalen Spitzenverbänden.

Anreize schaffen

Ist es damit getan?

Wir wollen Ehrenamtliche gewinnen, die sich bisher zurückgehalten haben, indem wir Anreize schaffen. Zum Beispiel für projektorientierte Geschichten, für Aufgaben für einen gewissen Zeitraum, nicht gleich für die nächsten 30 Jahre. Das halten wir für zeitgemäß. Zudem werden wir ab Herbst über mehrere Regionalforen auf die Vereine vor Ort zugehen. Klar ist, dass uns die Pandemie und ihre Folgen noch jahrelang beschäftigen werden.

Wäre nicht vieles einfacher in einem einheitlichen Landessportbund?

Ich bin 1962 geboren, da war Baden-Württemberg zehn Jahre alt. Längst ist das Land ein absolutes Erfolgsmodell. Eine Bündelung der Kräfte, mit einer Zunge zu sprechen – dies würde auch dem Sport guttun. Corona hat gezeigt, dass wir dringend über Strukturen und Abläufe sprechen sollten, um für unsere Vereine und Verbände auf baden-württembergischer Ebene schneller und schlagkräftiger zu werden. Der WLSB bekennt sich ja schon lange in seiner Satzung zu einem einheitlichen Landessportbund. Aber den sehe ich die nächsten Jahre nicht.

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