WM 2018 Der Filmemacher Hannes Halldorsson schreibt sein eigenes Märchen

Von red/sid 

Er heißt mit Zweitnamen Thor, ist eigentlich Filmemacher - und lässt Superstars reihenweise verzweifeln. Islands Torhüter Hannes Halldorsson ist der Gegenentwurf zum modernen, durchgestylten Fußballprofi.

Hannes Halldorsson hielt bei der WM 2018 einen Elfmeter von Lionel Messi. Foto: Getty Images Europe
Hannes Halldorsson hielt bei der WM 2018 einen Elfmeter von Lionel Messi. Foto: Getty Images Europe

Wolgograd - Hannes Halldorsson hielt sich vornehm zurück, doch ein Schmunzeln konnte sich der isländische Torwart dann doch nicht verkneifen. Welcher Filmstar ihn denn in einer möglichen Verfilmung des WM-Auftaktspiels gegen Argentinien verkörpern solle, wurde Halldorsson nach dem sensationellen 1:1 gefragt.

Doch anstatt etwa George Clooney oder vielleicht Brad Pitt zu erwähnen, erwiderte er nur: „Das müssen andere entscheiden.“ Sprachs, lächelte - und nahm stolz die Trophäe als Spieler des Spiels entgegen. Dabei ist Halldorsson doch selbst der Experte für die optimale Besetzung von Filmrollen. Denn: Bis vor etwas mehr als vier Jahren war er hauptberuflich Regisseur. „Es ist keine normale Kombination, Regisseur und Fußballer zu sein“, sagte er am Mittwoch: „Aber ich hatte immer eine Leidenschaft dafür.“

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Eine bessere Geschichte als seine eigene hätte sich der 34-Jährige aber wahrscheinlich auch nicht ausdenken können. Selbst für Hollywood mutet sein Weg nach Russland fast ein bisschen zu kitschig an. Denn eigentlich war Halldorssons Fußballkarriere schon vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

„Ich dachte: Das war’s!“

Ein Snowboardunfall verhindert, dass sich der 14-jährige Hannes Thor - so heißt Halldorsson mit vollem Namen - von einem talentierten Torwart zum Fußballprofi entwickeln kann. „Bis ich 19 war, habe ich praktisch keinen Fußball gespielt, weil meine linke Schulter ständig auskugelte“, sagt er. Dann, mit 20, die erste Operation. An echtes Torwarttraining war in dieser Phase nicht zu denken.

Der Ersatz: Eine Betonwand in einem Vorort von Reykjavik. Stundenlang schießt sich Halldorsson die Bälle selbst um die Ohren, versucht im Alleingang, die Jahre des Stillstands aufzuholen. Zunächst vergeblich: Selbst ein isländischer Viertligist lehnt ihn ab. Und dann das: Ein Jahr später sitzt er bei einem Drittligsten bis zur letzten Begegnung der Saison auf der Bank, kommt dann doch im entscheidenden letzten Spiel zum Einsatz - und patzt.

Sein Team verpasst den Aufstieg. „Ich dachte: Das war’s!“, erinnert er sich. Also wendet er sich realistischerweise seinem zweiten Hobby zu: Dem Filmemachen. Er arbeitet sich schnell nach oben, dreht bald Dokumentationen, Werbespots, Kurzfilme. Und, oh Wunder, nebenbei nimmt auch die Fußball-Karriere wieder Fahrt auf. Halldorsson spielt in der zweiten, dann in der ersten Liga, wird Meister und Pokalsieger in Island und debütiert 2011 in der Nationalmannschaft.

Höhepunkt gegen Argentinien

Erst mit 29 Jahren unterschreibt er überhaupt seinen ersten Profivertrag. Ein Jahr darauf dreht er das Musikvideo für Islands Teilnehmer am Eurovision Song Contest, dann für ein schwedisches Möbelhaus und einen Spot für die Fluglinie, die Islands Kicker sponsert. Schon bei der EM 2016 ist er der Rückhalt des Sensationsteams, bringt den späteren Europameister Portugal mit Cristiano Ronaldo beim 1:1 im Gruppenspiel genauso zur Verzweiflung wie später beim Überraschungssieg im Achtelfinale das englische Team um Wayne Rooney.

Und nun der nächste Höhepunkt gegen Argentinien. Er hielt einen Elfmeter von Superstar Lionel Messi („Daran werde ich mich den Rest meines Lebens erinnern“), ließ die argentinischen Superstars das ein oder andere Male verzweifeln. Sein Leistung brachte sogar seinen Vater im Stadion vor Stolz zum Weinen. Zuletzt drehte Halldorsson übrigens einen Clip für einen Getränkehersteller. Hauptdarsteller: Die isländische Nationalmannschaft und der legendäre Schlachtruf „Huh“.

Halldorsson spielt sich dabei selbst, Gänsehaut ist garantiert. Auch ohne George Clooney oder Brad Pitt.