WM 2022 in Katar Bindenzoff: Hitzlsperger spricht Klartext

Thomas Hitzlsperger, ehemaliger Vorstandschef des VfB Stuttgart, kritisierte den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino scharf (Archivbild). Foto: IMAGO/Pressefoto Rudel/Robin Rudel

Der Deutsche Fußballbund beugt sich dem Druck des Weltverbandes. Der ehemalige VfB-Vorstand Thomas Hitzlsperger findet deutliche Worte.

Sport: Marco Seliger (sem)

Das hat der Rasen im kleinen Stadion des katarischen Erstligisten Al-Shamal SC noch nicht erlebt. Gut, ein bisschen Belastung hat es schon in den vergangenen Tagen rund um die Eckfahne gegeben, weil die DFB-Elf auf ihrem WM-Trainingsplatz im Norden Katars ja auch fleißig Eckbälle trainiert hat und es dafür, genau, Schützen braucht. Ob das auch rund um den Spielfeldrand perfekt getrimmte Geläuf aber jenen Auflauf verkraftet, der sich am späten Montagnachmittag Ortszeit ereignete, darf zumindest bezweifelt werden.

 

Kurzfristig berief die Medienabteilung des Deutschen Fußballbunds (DFB) einen Termin am Trainingsplatz ein. Denn es gab etwas zu sagen. Oder besser: Es musste etwas gesagt werden. Von oben, von der Verbandsspitze. Und so nahmen der Präsident Bernd Neuendorf und der Direktor Oliver Bierhoff an der Eckfahne Stellung vor einer großen Schar Medienschaffender, die sich auf dem armen Rasen fast auf den Füßen stehen musste, so viel war da los.

Der Andrang hatte einen guten Grund – den Grund des Tages. Womöglich handelt es sich sogar um das Thema dieser WM.

Bierhoff spricht von „Zensur“

Der Deutsche Fußballbund (DFB) und seine sechs europäischen Verbündeten also haben sich im Kampf um ihre One-Love-Kapitänsbinde dem Druck des Weltverbands gebeugt. Bedeutet im Klartext: Manuel Neuer wird am Mittwoch im ersten Gruppenspiel gegen Japan nicht mit der Binde mit der Botschaft für Vielfalt, Gleichberechtigung und Menschenrechte auflaufen. „Es handelt sich aus meiner Sicht um eine Machtdemonstration der Fifa“, sagte Neuendorf dazu: „Das ist aus unserer Sicht mehr als frustrierend und auch ein beispielloser Vorgang der WM-Geschichte.“ Bierhoff meinte, dass es sich „schon stark nach Zensur anfühlt“.

Die Fifa hatte das Tragen der mehrfarbigen Kapitänsbinde mehrerer europäischer Nationen zuvor untersagt und den Verbänden harte sportliche Sanktionen angedroht – zum Ärger der DFB-Oberen. „Die Fifa hat eine Aussage für Diversität und Menschenrechte untersagt. Das sind Werte, zu denen sie sich in ihren eigenen Statuten verpflichtet“, sagte Neuendorf.

Sportliche Sanktionen wie eine Gelbe Karte wegen des Tragens einer nicht regelkonformen Binde sind durch die Fifa-Statuten nicht eindeutig gedeckt. Den Verbänden war das Risiko am Ende zu hoch. „Wir wollen nicht, dass der Konflikt, den wir zweifellos haben, auf den Rücken der Spieler ausgetragen wird. Wir stehen zu unseren Werten“, sagte Neuendorf – ehe er dem Kapitän Neuer nach seinen letzten Worten bei der improvisierten Pressekonferenz auf die Schulter klopfte. Es war eher ein schwacher Trost für den Keeper. Neuer lief dann wieder seine Bahnen beim Warmmachen und senkte den Kopf.

Nun gibt es eine Binde von der Fifa

Eine Geldstrafe jedenfalls hätten die betroffenen Verbände – neben Deutschland und England waren in Katar die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Wales und Dänemark noch an Bord – in Kauf genommen. Die Fifa begründete das Verbot mit von allen Teilnehmern anerkannten Regularien. Explizit hob der Verband in einer Mitteilung vom Montag den Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln hervor: „Für Finalwettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der Fifa gestellte Armbinde tragen.“ Die Spielführer würden nun stattdessen mit vom Weltverband bereitgestellten Kapitänsbinden auflaufen. Diese sollen an jedem Spieltag eine andere Antidiskriminierungsbotschaft verbreiten.

Der erste WM-Spieltag übrigens steht nun unter dem Motto „Fußball verbindet die Welt“. Thomas Hitzlsperger, ehemaliger Vorstandschef des VfB Stuttgart, sieht das ein bisschen anders. Er kritisierte den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino scharf. „Infantino hat es sogar geschafft, die Mannschaften zu zwingen, die One-Love-Binde nicht zu tragen. Wie erbärmlich?! Wie wäre es mit Regenbogenschnürsenkeln?“, schrieb der 40-Jährige am Montag bei Twitter – und ergänzte: „Infantino denkt, das Spiel gehört ihm. Er kann sich schwul, arabisch, muslimisch und noch ganz anders fühlen. Es ist so traurig, dass wir an diesem Punkt angekommen sind.“

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