Herr Müller, haben Sie den Schock des WM-Ausscheidens schon verdaut?
Auf der einen Seite habe ich schon gehofft, dass die deutsche Mannschaft das Weiterkommen packt, aber wenn man die anderen Nationen wie Frankreich, England, Brasilien oder Argentinien sieht, dann muss man ganz nüchtern feststellen, dass wir Weltmeister ohnehin nicht hätten werden können. Diese Nationen sind uns einige Schritte voraus, möglicherweise ist uns da eine bittere Niederlage erspart geblieben.
Das kann doch aber nicht der Anspruch eines deutschen Nationalteams sein.
Sollte es nicht. Wir haben ein Überangebot im Mittelfeld. Aber unsere Defizite in der Abwehr und im Sturm sind eklatant. Ich habe schon vor der WM gesagt, dass ich es nicht verstehe, dass Mats Hummels daheim bleibt. Er steht voll im Saft und spielt mit Borussia Dortmund in der Champions League. Seine Erfahrung hätte der Stabilität der Abwehr gutgetan. Wir sind mit Hummels und Boateng in der Innenverteidigung Weltmeister geworden. Süle und Rüdiger sind nicht auf diesem Level.
Wobei Rüdiger doch weitgehend einen guten Eindruck hinterließ?
Mag sein. Mit ihm habe ich ein anderes Problem. Toni hat die Physis und das Talent, aber es muss auch in der Birne stimmen, das gehört zum Gesamtpaket. Wie er gegen Japan im Laufduell mit seinem Gegenspieler die Knie in bester Skipping-Manier hochgezogen hat – das macht man einfach nicht. Auch gegen Costa Rica wollte er den Ball aufreizend lässig über seinen Gegenspieler heben, der läuft dann allein auf Manuel Neuer zu. Das sind Dinge, die nicht gehen. Da bekomme ich einen Vogel, tut mir leid. Als Nationalspieler musst du dir bewusst sein, dass du eine ganz besondere Vorbildfunktion hast.
Vor nicht allzu langer Zeit hieß es noch, es würden die Straßenfußballer fehlen. Jetzt hat Deutschland diese Zocker wie Jamal Musiala – fehlt es jetzt nicht eher an krisenfesten Persönlichkeiten?
Es ist immer gut, wenn eine Mannschaft einen Leader hat, der die anderen auch mal ordentlich zusammenfaltet, in die Pflicht nimmt und richtig Rabatz macht auf dem Platz, damit man erst gar nicht Gefahr läuft, in eine Lethargie zu kommen. Das war zu meiner Zeit ein Paul Breitner, später ein Stefan Effenberg oder ein Matthias Sammer.
„Sammer verkörperte Biss“
Mit dem Deutschland bei der Europameisterschaft 1996 den Titel gewann.
Deutschland hatte damals nicht den besten Kader, aber einen überragenden Zusammenhalt. Ich erinnere mich noch gut, wie der damalige Bundestrainer Berti Vogts nach dem Titelgewinn in London übers ganze Spielfeld in die Arme von Matthias Sammer sprintete, weil er genau wusste: Exakt dieser Mann stand für die Mentalität, für den unbändigen Willen, für die Gier, für den Biss dieses Teams. Den Biss, den unsere Mannschaft bei der WM definitiv nicht hatte.
Woran liegt das?
Vielleicht generell an der Entwicklung der jungen Generation, die so extrem viel Zeit in den elektronischen Medien verbringt. Es wird nicht mehr so viel untereinander kommuniziert. Vielleicht aber auch an der Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren, in der man möglicherweise die Spieler gleichmachen und ihnen die Kanten wegschleifen möchte. Du brauchst neben Spontaneität, Unbekümmertheit und Spielfreude aber einfach auch, salopp formuliert, einen Drecksack auf dem Platz. Einen, der, wenn Sand im Getriebe ist, die Verantwortung übernimmt, einen Typen mit einer gewissen Killermentalität. Aber das kannst du nicht lernen, einen solchen Charakter hast du oder eben nicht.
Sehen Sie da keinen im deutschen Fußball, der das verkörpern könnte?
In Ansätzen Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan ist zu ruhig. Am ehesten Leon Goretzka, ihm würde ich zutrauen, auch mal dazwischen zu hauen. Er müsste in der Hierarche ganz nach oben rücken.
Hat man beim Deutschen Fußball-Bund die Entwicklung verschlafen und sich nach dem WM-Gewinn 2014 zu sehr in der Sonne ausgeruht?
Nein, das glaube ich nicht. Da sind Profis am Werk. Sie vernachlässigen nichts, sie lassen nichts anbrennen, sie überlassen nichts dem Zufall.
„Flick hat nicht Hauptschuld“
Aber wäre nach den schlechten Turnieren 2018 und 2021 für eine Generalinventur des Verbands nicht ein Querdenker als Bundestrainer besser gewesen als die bequeme Lösung Hansi Flick?
Na ja, Hansi Flick hat beim FC Bayern München natürlich schon bewiesen, dass er es draufhat. Mit dem Triple hat er unglaublich viel geleistet. Ich sehe nicht die Hauptschuld bei Hansi Flick.
Sondern etwa bei Oliver Bierhoff, der die Gesamtverantwortung trägt?
Das ist für mich schwer zu beurteilen. Fest steht, dass beide jetzt zwingend die richtigen Lehren ziehen müssen. Wenn das gelingt, dann halte ich es auch für wahrscheinlich, dass beide bis zur Heim-EM im Amt bleiben.
Sie hatten Jürgen Klopp schon mal als Ihren Wunschkandidaten bezeichnet . . .
Dazu stehe ich nach wie vor. Jürgen Klopp würde ganz sicher neues Feuer entfachen. Er ist ein Menschenfänger, ein Mentalitätsmonster, sein Charakter würde dieser Mannschaft definitiv guttun. Das soll nicht heißen, dass ich Hansi Flick schlecht finde, aber für einen Re-Start, um neue Dinge und frischen Wind reinzubringen, wäre Kloppo die Idealbesetzung. Ich kann mir vorstellen, dass die Mannschaft unter ihm richtig abgehen würde.
Wer holt den WM-Titel 2022?
Argentinien hat mich sehr beeindruckt. Gefährlich werden können ihnen die Brasilianer und die Franzosen.
Hansi Müller
Karriere
Am 27. Juli 1957 wurde Hansi Müller in Stuttgart geboren und spielte für den VfB, Inter Mailand, Calcio Como und FC Tirol. In 42 A-Länderspielen erzielte er fünf Tore. 1980 wurde Müller Europameister. Er nahm an den Weltmeisterschaften 1978 und 1982 teil. Von 1999 bis 2001 gehörte er als Direktor für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit dem Vorstand des VfB Stuttgart an. 2011 wurde Müller in den Aufsichtsrat gewählt, aus dem er 2015 zurücktrat.
Privates
Hansi Müller wohnt mit seiner Ehefrau Elke in Korb. Er hat die Kinder Sabrina (37), Leif (34) und Sandro (12 ). Sein Hobbys sind Golf und Musik. (jüf)