Andy Haug, auf Youtube ist zu sehen, wie Sie von Dächern springen, von hohen Wänden Rückwärtssaltos auf Wiesen oder Gehwege machen oder sich über Stahlgeländer schwingen. Müsste da nicht eingeblendet stehen: „Zur Nachahmung nicht empfohlen“?
Ich denke, der Betrachter versteht, dass es sich um ein fortgeschrittenes Niveau handelt. Parkour und Freerunning aber sind auf jeden Fall zur Nachahmung empfohlen. Man sollte klein anfangen, mit gezielten Sprüngen. Dabei lernt man, seinen Körper zu beherrschen, und kann Fortschritte machen. Wenn Sie von einem Dach zum anderen springen wollen, die vier Meter auseinander liegen, und Sie haben das noch nie gemacht, ist das natürlich nicht zu empfehlen.
Aber ein gewisses Risiko besteht, wenn man einen Salto auf Asphalt macht?
Wenn beim Parkour was passiert, ist es meist mit blauen Flecken oder Schürfungen verbunden. Aber beim Fußball kann ich mich auch verletzen, wenn mich der Gegner umgrätscht. Es geht darum, das Risiko klein zu halten, indem man sich vorsichtig an neue Übungen herantastet.
Ich könnte mir vorstellen, dass manche Eltern beunruhigt sind, wenn sie erfahren, dass Sie die Klasse ihres Kindes besuchen . . .
Ich war als Botschafter für Parkour und Freerunning des Schwäbischen Turnerbundes schon häufiger an Schulen, und die meisten Eltern unterstützen das. Ihnen ist wichtig, dass sich die Kinder überhaupt bewegen, und Parkour ist ausgezeichnetes Ganzkörpertraining. Und Kinder lernen so schnell . . .
Aber Eltern sorgen sich auch schnell . . .
Klar, für sie ist es immer besser, wenn der Nachwuchs in einer Halle übt, mit Matten und so. Dort lernen viele Kids auch richtig coole Tricks, die sie sich draußen nicht gleich trauen. Die Kinder spüren automatisch, dass sie draußen vorsichtiger sein müssen. Aber das wahre Parkour und Freerunning ist letztlich immer draußen.
Wir stehen hier in der Freestyle Academy in Rutesheim auch in einer Halle . . .
Als ich mit 13, 14 in Freudenstadt angefangen habe, konnte ich im Winter so gut wie gar nicht trainieren. Da helfen Hallen weiter. Und die Academy ist megageil: Da habe ich Trampolins, die gut fürs Fluggefühl sind, einen großen Airtrack, auf dem ich gelenkschonend meine Bodenelemente üben kann und mehr Höhe bekomme, was mir bei neuen Sachen entgegenkommt, Kletterstangen und Airbags, in die man auch aus größerer Höhe reinspringen kann. Ich bin froh, dass die Kids heutzutage so trainieren können.
Seit Neuestem gibt es auch einen kleinen Parkour-Bereich . . .
Ja, ich durfte beim Einbau beraten.
Sie sind Profi-Traceur, wie die Parkour-Sportler heißen, und professioneller Stuntman. Was überwiegt?
Als ich nach meiner Ausbildung angefangen habe, war das als Stuntman in Bangkok . . .
Wie bitte? Wie verschlägt es einen Orthopädietechniker aus Freudenstadt als Stuntman nach Bangkok?
Na ja, als Jugendlicher war ich Jackie-Chan-Fan, „Shang-High Noon“ und so, und so kam ich zum Kung-Fu. Dann hat mir ein Kumpel auf Youtube ein Parkour-Video gezeigt, und ich war hin und weg. Mit 14, 15 wusste ich, dass ich das professionell machen will. Dafür gab es aber noch keine Möglichkeiten, nur für Stuntmen und speziell in Asien mit seiner riesigen Filmindustrie. Ich hab’ allen und jedem meine Videos geschickt und tatsächlich bekam ich die Chance, in einem Werbespot für eine Burgerkette als Ninja verkleidet aufzutreten.
Sie sind zwei Jahre in Bangkok geblieben?
Nach dem Spot wurde ich wieder als Ninja für einen ziemlich harten Spielfilm engagiert, „Kill em all“. Durch einen Fehler hat mir Hauptdarsteller Johnny Messner während eines gestellten Kampfs ein Veilchen verpasst, und der Regisseur wollte mich auswechseln. Ich hab’ gesagt, ich will weitermachen, und die haben gemerkt, dass es mir ernst mit dem Job ist. Das hat sich dann in Bangkok herumgesprochen . . .
Sie waren kaum 20, was haben Ihre Eltern zu all dem gesagt?
Nachdem ich die Lehre abgeschlossen hatte, war das für die okay. Die lieben selbst die Freiheit, surfen zum Beispiel, seit sie 20 sind.
Wie ging es weiter?
Irgendwann entwickelte sich Parkour zu einer Wettkampf-Sportart, und ich habe mehrere Wettbewerbe in Thailand gemacht, bis zur Parkour-WM 2015 in Mexiko . . .
. . . die Sie sich nicht entgehen ließen?
Ich bin hingeflogen und auch dort zwei Jahre geblieben. Da gibt’s eine riesige Community, wir haben am Wochenende mit 40 oder 50 Leuten trainiert. Wir sind zum Beispiel durch den historischen Otomi-Tempel geturnt, wo schon der James-Bond-Film „Lizenz zum Töten“ spielte – natürlich mit Genehmigung.
Wie haben Sie wieder nach Deutschland gefunden?
Die Sportart, die ich liebe, wächst ständig. Parkour wurde immer professioneller, seit 2018 gibt es eine kleine Weltcup-Serie, die ebenfalls wächst, und inzwischen gehören wir auch zum Turn-Weltverband. Mir wurde klar, dass ich in Europa am ehesten von Parkour würde leben können.
Klappt es?
Früher war ich öfter an Schulen, um auf unkonventionelle Weise für das Turnen allgemein zu werben. Dann durfte ich im Rahmen der Turn-WM in Stuttgart für Parkour werben und die Anlage am Schlossplatz gestalten. Das ist mein Ding, vollen Service für Parkour-Wettbewerbe zu bieten.
Als Teilnehmer lief es aber nicht so ganz?
Beim Speed-Rennen am ersten Tag war es gut, da wurde ich Sechster, aber beim Freestyle am zweiten Tag hatte ich vor lauter Organisation keine Zeit, meine Choreografie noch mal durchzugehen, stürzte und stieg aus.
Da flossen sogar Tränen . . .
Nachdem sich der Holländer am Abend zuvor ein Bein gebrochen hatte, und ich dann während des Wettbewerbs erfreulicherweise viel mehr Interviews geben durfte als gedacht, ist es nach meinem Aus mal kurz zu viel geworden. Aber es waren viele Zuschauer da, und die Kollegen waren begeistert.
Sie sind jetzt 29, wie lange können Sie als Profi noch mitmischen?
Ich fühle mich extrem fit, abgesehen von diesem Jahr war ich immer verletzungsfrei. Ich wäre blöd, wenn ich jetzt aufhören würde, wo das Ding richtig rollt. Da will ich noch ein paar Jahre dabei sein. Zum Beispiel nächstes Jahr bei der WM in Hiroshima und im Begleitprogramm der Olympischen Spiele in Tokio für Sportarten, die vielleicht auch mal olympisch werden können.
Na dann, Hals- und Beinbruch!
Danke, wird schon werden . . .