WM-Finale Keine Kampfansagen

Geschlossen und entschlossen: Sami Khedira, Toni Kroos und Miroslav Klose wollen auch im Finale wieder jubeln. Foto: AP
Geschlossen und entschlossen: Sami Khedira, Toni Kroos und Miroslav Klose wollen auch im Finale wieder jubeln. Foto: AP

Vor dem WM-Finale soll nichts mehr die Konzentration der deutschen Nationalmannschaft stören. Das Team um Jogi Löw hat sich komplett zurückgezogen, um bereit zu sein, auch den letzten Schritt zu machen.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Santo André - Jetzt sind sie alle nach Santo André gekommen. Mit dem Flugzeug sind sie in Porto Seguro gelandet und mit Mietwagen entlang des Atlantiks nach Santa Cruz de Cabrália gefahren. Dann haben sie die Fähre genommen und die Halbinsel erreicht, sie sind noch ein paar Kilometer die Küstenstraße entlanggefahren und schließlich rechts in den sandigen Dorfweg abgebogen. Und dann stehen die Reporter der Weltpresse vor dem weißen Zelt, in dem seit fünf Wochen fast täglich deutsche Fußball-Nationalspieler auf dem aufwendig ausgeleuchteten Podium sitzen.

Nie ist das Interesse größer gewesen als jetzt, da das große Weltmeisterschaftsfinale bevorsteht. Die Reporter wollen die deutschen Wunderspieler sehen, die den WM-Gastgeber Brasilien mit dem historischen 7:1 ins Tal der Tränen gestürzt haben. Und sie wollen wissen, ob es am Sonntag ähnlich laufen werde, wenn im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro der Weltmeister gekürt und Argentinien der deutsche Gegner sein wird.

Praktischerweise ist diesmal Miroslav Klose gekommen, der Rekordtorjäger, der auch die letzten beiden Male dabei war, als die Argentinier von der DFB-Auswahl auf dem Weg Richtung Titel gestoppt wurden. Bei der Heim-WM 2006 benötigten die Deutschen in Berlin ein Elfmeterschießen, um in das Halbfinale einzuziehen. Vier Jahre später, im Viertelfinale der WM in Südafrika, überrollten sie Lionel Messi und Co. in Kapstadt mit einem fulminanten 4:0.

Keine Paarung hat es im WM-Finale öfter gegeben

Als Einziger stand Klose auch schon auf dem Platz, als Deutschland 2002 zum letzten Mal in einem WM-Endspiel stand. „Ich weiß, wie beschissen es sich anfühlt, so ein Spiel zu verlieren“, sagt der 36-jährige Stürmer. Jetzt sollen das Glück und der Erfolg auf deutscher Seite sein: „Wir sind alle voller Zuversicht, wir haben große Möglichkeiten zu gewinnen – diesmal sind wir dran.“

Es ist bereits das dritte Endspiel zwischen Deutschland und Argentinien. Es ist also der große Klassiker, keine Paarung hat es in einem WM-Finale öfter gegeben. 1986 triumphierten die Südamerikaner im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt mit 3:2. Vier Jahre später revanchierten sich die Deutschen durch den 1:0-Sieg im Römer Olympiastadion. Es steht also 1:1 – nun wird eine Mannschaft wieder in Führung gehen.

Damit es Deutschland sein wird, dafür tun die Spieler und ihr Bundestrainer im Vorfeld alles, was nur möglich ist. Wild entschlossen scheinen sie, diesmal auch den letzten Schritt zu machen und sich nicht wieder im Finale eines großen Turniers stoppen zu lassen, so wie bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz (0:1 gegen Spanien) sowie bei der WM 2002 in Asien (0:2 gegen Brasilien).

Kurz vor dem Endspiel in Yokohama hatte der Teamchef Rudi Völler damals noch eine größere Journalistenrunde empfangen und Interviews gegeben. Nun hat sich der Bundestrainer Joachim Löw völlig zurückgezogen. Schon in den vergangenen Wochen hat er sich in der Öffentlichkeit rar gemacht – und auch nun, vor dem Finale, schickt er wieder seinen Assistenten Hansi Flick zum Pflichttermin ins weiße Zelt.

Die Mannschaft hat sich komplett zurückgezogen

„Richtig heiß“ sei die Mannschaft, sagt Flick, der am Sonntag zum letzten Mal auf der Bank sitzen und anschließend ins Amt des DFB-Sportdirektors wechseln wird. Wochenlang habe das deutsche Team auf diesen Moment, auf dieses Finale hingearbeitet – „jetzt wollen wir uns durch nichts mehr ablenken lassen“.

Die Mannschaft hat sich komplett zurückgezogen. Die letzten Trainingseinheiten finden hinter verschlossenen und bewachten Türen statt. Auch Interviews mit einzelnen Spielern wird es nicht mehr geben. „Die volle Konzentration“, das teilt der DFB in einer Medienmittelung mit, solle „ausschließlich der Regeneration und der Vorbereitung auf das Finale gelten“.

Es gibt folglich auch keine Kampfansagen und keine Sticheleien in Richtung der Argentinier mehr, so wie vor vier Jahren. „Wie die Spieler gestikulieren und versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen, ist in meinen Augen respektlos und gehört sich nicht“, hatte Bastian Schweinsteiger damals erklärt und auch noch die Fans aufs Korn genommen: „ Wie man hört, setzen sie sich im Stadion zusammen, obwohl sie für andere Plätze Karten haben – das zeigt den Charakter und die Mentalität.“

Erst feiern nach dem letzten Schritt

Nun hört man von Miroslav Klose kein böses Wort, das den Endspielgegner provozieren und von der Konzentration auf die eigene Arbeit ablenken könnte. Stattdessen: „Argentinien ist ganz stark, es wird sehr schwer, sie zu schlagen.“ Auch der Rausch nach dem 7:1 gegen Brasilien, wenn es ihm im deutschen Lager überhaupt je gegeben hat, ist bereits verflogen: „Wenn wir das Endspiel nicht gewinnen, sprechen hinterher nicht mehr viele von diesem Halbfinale“, sagt der Außenverteidiger Benedikt Höwedes.

Als vermeintliche Notbesetzung war der Schalker ins Turnier gegangen – und ist nun einer von nur drei deutschen Spielern, die bislang in jeder Sekunde auf dem Platz standen. „Unfassbar und großartig zugleich“ findet Höwedes diese Entwicklung – will aber erst dann feiern, wenn die deutsche Mannschaft auch den letzten Schritt gemacht hat, ohne ins Stolpern zu geraten.

In diesem Falle wird die große Konzentration vor dem Spiel sehr schnell Platz machen für eine noch größere Party nach dem Schlusspfiff. „Dann kann ich für nichts garantieren“, sagt Miroslav Klose, „dann kommt in mir das Feierbiest raus.“




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